Herr Bartholomäi, Wissen Sie noch, was in der Schule Ihre schlechteste Note war?

Eine Sechs.

Ehrlich?

Ja, daran kann ich mich noch erinnern. Das war in Mathe. Das war ein ganz schöner Dämpfer für mich.

Was für ein Schüler waren Sie denn so im Allgemeinen?

Ich glaube, ich war ein fauler Schüler. Ich hätte sicher wesentlich besser sein können, wenn ich nicht so faul gewesen wäre. Mein bestes Jahr hatte ich in der achten Klasse. Da war ich richtig fleißig und hatte gute Noten – aber dann schlug irgendwann die Pubertät zu.

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Wurden Sie auch mal zum Direktor bestellt?

Das nicht, jedenfalls nicht, weil ich was angestellt hatte. Ich habe mich jedenfalls nicht erwischen lassen. (lacht) Aber in der Schulzeit habe ich meine ersten Filme gedreht – da musste ich mir vom Direktor immer eine Beurlaubung holen.

Sie haben ja kurz vor dem Abitur die Schule abgebrochen, um Schauspieler zu werden. Würden Sie heute noch sagen, dass das die richtige Entscheidung war?

Zum damaligen Zeitpunkt war das auf jeden Fall richtig. Und natürlich völlig größenwahnsinnig. (lacht) Aber: Es hat geklappt, ich habe immer gearbeitet und hatte immer tolle Projekte – das hätte auch anders kommen können. Und ich bin meinen Eltern sehr dankbar, dass sie das mitgemacht haben. Aber damals hat sich das einfach richtig angefühlt und ich habe auf meinen Bauch gehört und meine Entscheidung verteidigt. Als ich Mitte 20 war, habe ich schon hin und wieder gedacht, dass das Abitur vielleicht doch ganz gut gewesen wäre. Aber das war eine kurze Phase. Und ich wurde auch nie danach gefragt. Außerdem bin ich ein begeisterter Lerner, ich interessiere mich für ganz viele Sachen. Dafür muss ich nicht an eine Universität gehen – es gibt auch andere Wege zu lernen.

Wenn Sie nicht als Jugendlicher durch einen Casting-Aufruf zur Schauspielerei gekommen wären, was würden Sie heute wohl beruflich machen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht irgendwas mit Sport. Ich habe ja früh mit dem Kampfsport angefangen – vielleicht hätte ich Sport studiert und wäre Lehrer geworden. Oder Physiotherapeut. Aber dann kam eben das Casting für den Film „Kombat Sechzehn“, als ich 16 war. Ich hatte damals noch überhaupt keine Ahnung, wer ich bin und was ich will. Nach dem Film habe ich gemerkt, dass ich Blut geleckt hatte und ich bin dran geblieben.

Schauspieler Florian Bartholomäi ist schon lange erfolgreich im Filmgeschäft. Hier ist er 2009 bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises zu sehen – er bekam ihn für die beste Nebenrolle.
Schauspieler Florian Bartholomäi ist schon lange erfolgreich im Filmgeschäft. Hier ist er 2009 bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises zu sehen – er bekam ihn für die beste Nebenrolle. | Bild: Oliver Berg / dpa

In der Serie „Rampensau“ spielen Sie einen Schuldirektor. Wie war es denn, wieder Zeit in einer Schule zu verbringen?

Ich habe mich an so viele Sachen erinnert! Zur Vorbereitung bin ich zu der Schule gefahren, wo wir später gedreht haben, weil ich den normalen Schulalltag dort sehen wollte. Ich konnte mich erinnern, wie lustig und schräg Schüler sein können. Und ich dachte: Aha, so sieht das also aus einer anderen Perspektive aus. Ein Lehrer hat mich dann erkannt und durch das Schulgebäude geführt. Und mir ist dabei klar geworden, dass ich für die Schüler steinalt bin. Dabei bin ich erst 32. Das war so absurd, in der Schule auf einmal der Erwachsene zu sein.

„Rampensau“ hat zwar die eine oder andere lustige Szene, ist aber alles andere als eine Comedy-Serie. Wie war die Stimmung am Set? Hat sich die ernste Atmosphäre der Serie auf das Team übertragen?

Manchmal. Nach einer sehr heftigen Szene ist die Atmosphäre natürlich angespannt. Aber grundsätzlich war die Stimmung sehr gut. Das ganze Ensemble hatte wahnsinnig viel Spaß an der Serie, weil sie einfach so toll geschrieben ist. Ich hatte schon beim Casting ein richtig gutes Gefühl. Und ich weiß, das sagen Schauspieler in Interviews immer, aber wir haben uns alle wirklich richtig gut verstanden. Klar gab es viel zu tun, es war heiß und wir hatten auch lange Tage, aber es war oft auch sehr lustig am Set. Und wenn es bei der Arbeit die Möglichkeit gibt zu lachen, dann bin ich immer dabei.

Wie finden Sie als Schauspieler Ihre Figur, den Schuldirektor Bastian Tess?

Er ist ein wirklich spannender Zeitgenosse. Ich will nicht zu viel verraten, aber jemand wie Bastian Tess, der offensichtlich ein tiefgehendes Problem hat, der versucht, seine Mitmenschen zu blenden und vor der Wahrheit wegläuft, weil sein Problem plötzlich eine ganz neue Dynamik in seinem Leben auslöst, ist natürlich tolles Futter für einen Schauspieler.

Wie erarbeiten Sie sich Ihre Rollen?

Das ist unterschiedlich. Bei Bastian Tess habe ich viel gelesen und viele Gespräche geführt, um ihn besser zu begreifen. Am Anfang stochert man bei so einer Rolle ja irgendwie im Nebel. Und natürlich ging es auch darum, die Serie an sich zu verstehen und die Funktion meiner Figur. Ich schaue dann auch, wo in einer Szene vielleicht ein bisschen Humor ist. Bastian ist ja eigentlich jemand zum Fremdschämen. Bei ihm denkt man oft: „Hör jetzt bitte auf zu reden, du machst alles nur schlimmer.“ Aber er schafft das einfach nicht. Das macht einfach wahnsinnig viel Spaß.

Ist es für Sie eigentlich wichtig, wer bei einem Projekt mit Ihnen vor der Kamera steht und wer zum Beispiel der Regisseur ist? Oder zählt einzig und allein Ihre Rolle?

Man schaut schon, wer die Kollegen sind, aber letztendlich habe ich darauf keinen Einfluss. Ich muss einfach das Gefühl haben, dass es um eine tolle Rolle geht, die ich vielleicht noch besser machen kann. Ich freue mich aber immer, Leute zu treffen, die ich noch nicht kenne, und zu sehen, wie sie arbeiten.

Ist Bastian Tess eigentlich Ihre erste durchgängige Serienrolle?

Ich habe mal eine Serie fürs englische Fernsehen gemacht. Und vergangenes Jahr habe ich zwei Staffeln einer Vampir-Serie, „Erben der Nacht“, gedreht, die in Deutschland wahrscheinlich im nächsten Jahr laufen wird. „Rampensau“ ist also meine dritte Serie. Ich finde es toll, mehr Zeit zu haben, um eine Geschichte zu erzählen.

Man hat als Zuschauer das Gefühl, dass Ihnen abgründige Figuren besonders liegen.

Mir werden tatsächlich öfter Figuren angeboten, hinter denen mehr steckt, als man auf den ersten Blick sieht. Solche Rollen sind natürlich ein gefundenes Fressen für einen Schauspieler. Aber ich habe auch nichts dagegen, mal den netten Schwiegersohn zu spielen.

Apropos Bösewicht: So oft wie Sie hat beim Tatort ja noch keiner den Mörder gespielt. Haben Sie das Gefühl, die Leute schauen Sie nach solchen Filmen anders an?

Nach den Tatort-Ausstrahlungen hatte ich manchmal das Gefühl, dass die Leute mich anschauen, wenn ich morgens zum Beispiel beim Bäcker war.

Eine Szene aus der 1000. Tatort-Folge „Taxi nach Leipzig“: Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi, vorn) entführt die Kommissare Lindholm (Maria Furtwängler) und Borowski (Axel Milberg).
Eine Szene aus der 1000. Tatort-Folge „Taxi nach Leipzig“: Rainald Klapproth (Florian Bartholomäi, vorn) entführt die Kommissare Lindholm (Maria Furtwängler) und Borowski (Axel Milberg). | Bild: Meyerbroeker / NDR / dpa

Weil sie Angst vor Ihnen haben?

Hoffentlich nicht! (lacht) Es ist eher dieser Blick, der sagt: „Den kenn‘ ich, aber ich weiß nicht genau woher.“ Andere Leute erkennen mich, trauen sich aber nicht, mich anzusprechen. Aber immer, wenn ich mit jemandem ins Gespräch komme, ist das Ergebnis total positiv. Die Zuschauer können das ja auch unterscheiden. Sie wissen, dass ich im Tatort einen Mörder spiele, aber sonst eigentlich ein ganz lieber Kerl bin. Und irgendwann hat eben mal jemand gezählt, dass ich schon sieben Mal der Täter war. Mir war das gar nicht aufgefallen. Und ich habe auch nicht darauf hingearbeitet, das hat sich über die Jahre so ergeben. Und es waren auch immer tolle Rollen und tolle Regisseure. Jetzt habe ich aber schon länger keinen Tatort mehr gemacht.

Können Sie denn den Schauspieler-Beruf empfehlen?

Ja und Nein. Man braucht ein dickes Fell und muss gleichzeitig ganz dünnhäutig sein – das ist schwer. Wenn man tolle Projekte hat und tolle Rollen spielen kann, ist die Schauspielerei der schönste Beruf der Welt. Aber jeder Schauspieler kennt eben auch die Phasen, in denen man nicht genau weiß, wohin es geht. Weil zum Beispiel kein Angebot kommt oder weil man kritisiert wird für die eigene Leistung. Manchmal ist es schwer, damit umzugehen. Das ist einfach nicht jedermanns Sache. Aber ich komme damit klar und übe den Beruf wirklich sehr gerne aus.

Sie sind öfter mal in den Bergen unterwegs. Vermissen Sie in Berlin die Berge?

Manchmal schon, das stimmt. Das Flachland rund um Berlin ist aber auch total schön. Ich war dieses Jahr viel in Brandenburg unterwegs, da gibt es wunderbare Gegenden – das habe ich bisher unterschätzt. Oder im Sommer mal an einen See zu fahren und eine kleine Wanderung zu machen, das kann ich jedem Berliner nur empfehlen. Aber es hat eben auch einen ganz besonderen Reiz, vor einem Berg zu stehen. Und erst auf 2000 oder 3000 Metern! Da kann man wirklich sagen: Ich bin hier oben und meine Probleme sind da unten. Da kann ich wirklich abschalten und nehme selbst aus wenigen Urlaubstagen viel für mich mit – viel mehr, als wenn ich eine Städtereise machen würde.

Sie waren auch schon bei der Bodensee-Klassik-Rallye dabei, stimmt‘s?

Ja, das war meine erste Oldtimer-Rallye. Das ist klasse, wenn man Autos rumfahren sieht, die man aus Kindheitstagen kennt. Und man selbst kann dabei richtig entschleunigen. In Berlin ist der Straßenverkehr ja sehr hektisch.

Sind Sie denn ein Auto-Fan?

Ja, und ich fahre tatsächlich wahnsinnig gern Auto.

Fahren Sie gern schnell?

Ich würde mich eher als entspannten Autofahrer bezeichnen. Ich habe mal mit der Stoppuhr gemessen, wie viel Zeit ich verliere, wenn ich wirklich jeden Autofahrer einscheren und jeden Fußgänger entspannt über den Zebrastreifen laufen lasse. Am Ende bin ich dann auf meiner gewohnten Strecke vielleicht eine Minute länger unterwegs, aber die Fahrt war für mich und meine Mitmenschen wesentlich entspannter. Also: einfach mal vom Gas gehen und sicher und stressfrei am Ziel ankommen!