Mr. Phoenix, mit Kommerzkino oder gar Superhelden haben Sie gemeinhin so gar nichts zu tun. Waren Sie erstaunt, als ein Drehbuch mit dem Titel „Joker“ auf Ihrem Tisch landete?

Nicht nachdem ich einen Blick hineingeworfen hatte. Diese Geschichte war anders als alles, was je in das Superhelden-Genre fallen würde. Aber auch anders als alles, was ich je in Sachen Drama gelesen hatte. Überhaupt hatte ich so etwas noch nie in den Händen gehalten. Ich fand das ganze Ding unglaublich mutig.

Was ist denn mutig an diesem Film?

Mich hat beeindruckt, dass diese Figur nicht nur für mich als Schauspieler eine Herausforderung darstellte, sondern auch für das Publikum eine ist. Denn alle Meinungen zu und Bilder vom Joker, die jemand womöglich im Kopf hat, müssen hier über Bord geworfen werden. Für einen Film dieser Größenordnung fand ich das ein recht komplexes Unterfangen.

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Als Figur passt der Joker jedenfalls ganz gut in die Reihe von gequälten Seelen, die Sie im Laufe Ihrer Karriere schon verkörpert haben.

Ach, gequält … Das ist so ein Wort, dass ich immer nur von Journalisten höre. Ich selbst habe ehrlich gesagt noch keine meiner Figuren aus dieser Perspektive betrachtet. Im Gegenteil ging es mir zum Beispiel bei Arthur jetzt in „Joker“ vor allem um seine helle Seite, sein Licht, um es mal so auszudrücken. Oder zumindest sein Streben nach Glück, der Wunsch, sich zugehörig zu fühlen und Wärme und Liebe zu finden.

Aber dass er dabei scheitert, ist natürlich der springende Punkt. Können Sie ein wenig beschreiben, wie Sie sich diesem Mann angenähert haben?

Das war kein Kinderspiel, so viel ist klar. Arthurs Persönlichkeit hat unglaublich viele Facetten und Seiten und eben auch Abgründe, dass ich sie gar nicht so ohne Weiteres definieren könnte. Der körperliche Aspekt der Rolle war also schon mal der erste Schritt: Ich habe in sehr kurzer Zeit sehr viel Gewicht verloren – und dabei allein entsteht schon mal ein Gefühl des Verstandverlierens. Ich habe auch viel über politische Attentäter und so etwas gelesen. Wobei ich auch vermeiden wollte, mich auf eine genaue Definition seines Zustandes und seiner Persönlichkeit festzulegen. Ich wollte die Freiheit haben, ihn so zum Leben zu erwecken, wie es mir in den Sinn kommt. Dass sich ein Psychologe das ansieht und genau identifizieren kann, welche Diagnose auf Arthur passt, wäre das Letzte gewesen, worauf ich es angelegt hätte.

Joaquin Phoenix steht vor einem Plakat, das den Joker zeigt.
Joaquin Phoenix steht vor einem Plakat, das den Joker zeigt. | Bild: Kevin Winter / AFP

Warum war es Ihnen eigentlich so wichtig, dass Arthur ausgemergelt und dürr ist?

Die Idee dazu kam mir, als ich mich mit der Wirkung von Psychopharmaka und anderen Medikamenten auseinandersetzte, die jemand wie er sicherlich nimmt. Wer so etwas schluckt, nimmt in der Regel sehr schnell zu oder sehr viel ab. Ich schlug Ersteres vor, ganz eigennützig natürlich. Das wäre für mich einfacher gewesen: Ich hätte nur wochenlang jede Menge Kuchen gefuttert. Aber der Regisseur Todd Phillips fand das Ausgemergelte für den Film die bessere Lösung.

Nicht ganz so leicht zu machen wie das Zunehmen …

Wem sagen Sie das? Und vor allem hat es ja auch Auswirkungen auf die Psyche, wenn man so lange zu wenig isst. Ich war wirklich über Monate ein fürchterlich schlecht gelaunter Mensch, der nicht sehr nett zu seinem Umfeld war. Natürlich wusste ich, worauf ich mich einlasse, denn ich hatte so etwas Ähnliches schon mal gemacht. Außerdem hatte ich ärztliche Betreuung. Aber ein Salat und ein Apfel pro Tag haben mich vor allem am Anfang wirklich unausstehlich werden lassen.

Wann wussten Sie: Jetzt habe ich ihn, jetzt weiß ich wirklich, wer diese Figur ist?

Diesen Moment gab es gar nicht. Es gab zwar den Moment, an dem ich merkte, dass ich den Schlüssel zu Arthur gefunden hatte und auf dem richtigen Weg war. Das war, als Todd mir Kladden in die Hand drückte und mich darauf brachte, in der Figur Tagebuch zu schreiben. Doch das bedeutete nicht, dass ich dadurch sofort die Figur als Ganzes verstanden hatte. Im Gegenteil habe ich das Gefühl, selbst noch am letzten Drehtag neue Seiten an diesem Mann entdeckt zu haben, die mir bis dahin nicht vertraut waren.

Sie klingen begeistert. Sind Sie allgemein glücklicher in Ihrer Arbeit als Schauspieler als früher?

Eigentlich habe ich den Spaß an der Schauspielerei nie verloren. Der Rhythmus war in den vergangenen Jahren nur ungeplanterweise ein bisschen anders als sonst. Zwei Jahre habe ich gar nicht gearbeitet – und dann landeten vier Projekte, die ich einfach nicht ablehnen konnte, direkt nacheinander auf meinem Tisch. Hätte ich die Kontrolle über solche Abläufe, würde ich einen Film pro Jahr drehen und dazwischen immer ausreichend Pause haben.

Über sein Privatleben spricht Joaquin Phoenix nicht – dass er seine Lebensgefährtin Rooney Mara zur Hollywood-Premiere von „Joker“ mitbrachte, war eine kleine Sensation.
Über sein Privatleben spricht Joaquin Phoenix nicht – dass er seine Lebensgefährtin Rooney Mara zur Hollywood-Premiere von „Joker“ mitbrachte, war eine kleine Sensation. | Bild: Jean-Baptiste Lacroix / AFP

Warum wäre ein Film im Jahr die ideale Situation?

Zum einen habe ich nicht wirklich Bock darauf, meine Nase ständig auf der Leinwand zu sehen, und da bin ich ja sicher nicht der Einzige. Aber zum anderen ist es mir auch einfach wichtig, genug Zeit für ein normales Leben zu haben. Wenn man sich ständig von einem Film in den nächsten stürzt, kann das ganz schön ungesund sein. Habe ich oft genug bei Kollegen beobachtet.