Als die frohe Botschaft kam, dass sie auf der Berlinale als einer der European Shooting Stars geehrt wird, gingen mit Emma Drogunova erst einmal kurz die Gefühle durch. „Als meine Agentin mich anrief, saß ich gerade in Köln nach einem langen Drehtag im Auto und war abends zurück auf dem Weg ins Hotel. Die Nachricht hat mich so umgehauen, dass ich einen lauten Freudenschrei ausgestoßen habe.“ Ein bisschen muss sie, mit ein paar Wochen Abstand, selbst über ihre emotionale Reaktion schmunzeln. „Der arme Fahrer hat sich richtig erschrocken!“

Eine neue Jella Haase?

Daraus, dass ihr dieser Preis wirklich viel bedeutet, macht die 23-jährige Berlinerin in jedem Fall keinen Hehl. Schon seit geraumer Zeit verfolgt sie sehr genau, wem die Shooting-Star-Ehren zuteil werden – und ahnt entsprechend, was auf sie zukommen wird. „Die Nachfolge von Leuten wie Franz Rogowski, Jella Haase, Louis Hofmann oder Anna-Maria Mühe anzutreten, die ich alle sehr bewundere, ist schon etwas sehr Besonderes“, freut sich Drogunova, die unter den zehn Schauspielern, die am Potsdamer Platz ausgezeichnet wurden, die jüngste ist. „Und es geht eben nicht nur um den deutschen Markt, sondern um ganz Europa. Dass ich da jetzt Deutschland vertrete, ist echt verrückt.“

In Sibirien geboren

Für Drogunova, die 1995 im sibirischen Tjumen geboren wurde und im Alter von zwei Jahren mit ihren Eltern nach Deutschland zog, stellt die Auszeichnung, die sie nicht zuletzt für ihre Darstellung der Tänzerin Anezka in der österreichisch-deutschen Bestseller-Verfilmung „Der Trafikant“ von Nikolaus Leytner erhalten hat, den vorläufigen Höhepunkt einer Karriere dar, die zwar nicht unbedingt zufällig, aber doch einigermaßen ungeplant verlief.

Bühnenerfahrungen schon als Kind

Weil es, wie sie lachend erklärt, nicht unüblich ist, dass Kinder in russischen Familien schon früh auf die Bühne geschoben werden, sammelte sie bereits als Mädchen erste Kindertheater-Erfahrungen, doch richtig wohl fühlte sie sich dort nicht. Als allerdings ein paar ihrer Freundinnen in Werbespots auftraten, bemühte auch sie sich um die Aufnahme in einer Agentur für Kinderdarsteller. „Von da aus ging dann alles ganz entspannt los“, erinnert sie sich. „Als ich schließlich meinen ersten kleinen Film drehte, hatte ich dann endgültig Blut geleckt.“

Schon bei "Das Adlon" war sie dabei

Zum Schlüsselerlebnis wurde nicht nur ein kleiner Auftritt im erfolgreichen TV-Zweiteiler „Das Adlon – eine Familiensaga“, sondern vor allem die Arbeit an dem Kurzfilm „Nicht den Boden berühren“. „Mir hat das Spielen selbst bei vielen Castings Spaß gemacht, die letztlich erfolglos blieben. Aber hier spielte ich meine erste Hauptrolle, das hat mir viel bedeutet“, gibt Drogunova zu Protokoll. „Und vor allem habe ich da die Regisseurin Mia Spengler kennen gelernt, die seither zu meiner Mentorin und fast so etwas wie meiner großen Schwester geworden ist. Von ihr habe ich unglaublich viel gelernt, auch über mich selbst.“

Auftritte im Tatort

Nicht zuletzt Spengler, mit der sie später auch den Kinofilm „Back For Good“ drehte, war es, die dazu riet, die Schauspielerei auch nach dem Abitur weiterzuverfolgen. Bald folgte eine Rolle auf die nächste, darunter in viel beachteten Tatort-Episoden, Kinofilmen wie „Vielmachglas“ und „Leanders letzte Reise“ oder der Fernsehproduktion „Toter Winkel“, die 2018 sogar für den International Emmy nominiert wurde.

Fließend Französisch

Dass Drogunova neben Deutsch und Russisch auch Französisch fließend spricht, liegt daran, dass sie in Berlin jahrelang eine französische Schule besuchte. Aus diesem linguistischen Fundus künftig auch mal beruflich zu schöpfen, gehört zu ihren großen Träumen, zu deren Verwirklichung nun auch der Shooting Star Award ein erster Schritt sein könnte. Gerade die französische Filmlandschaft – und vielleicht ein längerfristiger Abstecher nach Paris – reizt sie sehr.

Große Liebe zum Kino

Doch in erster Linie richtet sie ihren Blick nicht auf ein einzelnes Land, sondern auf das Kino allgemein. Denn so sehr sie sich zunächst treiben ließ, was die berufliche Planung angeht, so heftig lodert inzwischen ihre cineastische Leidenschaft. „Meine Liebe zum Kino wurde immer größer, je mehr ich selbst gespielt habe“, sagt sie. „Ganz unabhängig von meinen eigenen Projekten interessiere ich mich total dafür, welche neuen Entwicklungen es gibt, welche spannenden Kollegen sich etablieren und welcher Regisseur welche Handschrift hat. Seit ein paar Jahren ist zum Beispiel ein Besuch beim Max-Ophüls-Preis ein Pflichttermin, denn ich liebe nichts mehr, als bei einem Festival so viele Filme wie möglich zu gucken.“ Daran, so versichert sie, soll sich auch in Zukunft nichts ändern. Auch wenn sie davon ausgehen kann, dass zumindest auf der Berlinale 2019 für Kinobesuche eher wenig Zeit bleibt.