Doris Dörrie ist von Japan fasziniert. Nun hat sie in der Sperrzone von Fukushima einen Film gedreht. Warum, das erzählt sie im Interview

Frau Dörrie, Ihre Liebe zu Japan ist kein Geheimnis. Aber einen Film in der Sperrzone von Fukushima zu drehen, das ist dann doch noch mal ein besonderer Fall. Wie früh hatten Sie die Idee dazu?

Als sich 2011 die dreifache Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und Reaktorgau ereignete, hat mich das sehr geschockt. Ich klebte über Wochen am Fernseher und rief ständig meine Freunde in Japan an. Ein gutes halbes Jahr danach bin ich das erste Mal wieder hingefahren. Schon damals wollte ich unbedingt in diese Zone fahren, die zu dem Zeitpunkt ja wirklich noch richtig abgesperrt war. Dort sah ich einen alten Mann auf den Trümmern seines Hauses, der davon erzählte, dass er alles verloren hat, sein Familie, sein Vieh, im Grunde sein ganzes Leben. Er hat immer wieder gesagt: Ich verstehe es nicht. Und tatsächlich kann man es ja auch nicht verstehen. Das hat mich sehr ergriffen, und im Grunde war das der Anfang von „Grüße aus Fukushima“.

Und wie schwierig war es, dort einen Film auf die Beine zu stellen?

Die Finanzierung zusammenzubekommen, war natürlich nicht einfach. Aber wirklich schwierig war eher das eigentliche Drehen. Das war sehr hart, sogar härter, als ich gedacht hatte. Sich der Situation dort so lange auszusetzen und auf jegliche Ablenkung zu verzichten – das war nicht von Pappe. Wir wohnten in einem Container-Hotel, daneben gab es einen Puff, ein Krematorium und einen Supermarkt, das war alles.

Klingt furchtbar deprimierend …

Ja, aber es hat enorm geholfen, dass die Menschen dort so dankbar waren, dass wir da waren. Was uns an liebevoller Aufmerksamkeit entgegengekommen ist, war wirklich erstaunlich. Der Besitzer dieses Container-Hotels zum Beispiel hat irgendwann angefangen, persönlich für unser Team zu kochen.

Tatsächlich sind Sie als Deutsche ja die Erste, die dorthin gefahren ist, um einen Spielfilm zu drehen, nicht wahr?

Stimmt, und aus japanischer Sicht ist das vielleicht auch ein bisschen unangenehm. Allerdings ist es leicht zu erklären, denn in Japan ist es vielen das Liebste, wenn das Thema Fukushima verdrängt wird. Man spricht nicht gerne darüber, weil die nukleare Katastrophe natürlich auch ein großes Versagen bedeutet, ausgerechnet im für seine wunderbare Technik und Effizienz berühmten Japan. Interessanterweise existiert ja auch keine größere Bürgerbewegung.

In der Tat ist es erstaunlich, dassdamals bei uns mehr Menschen aufdie Straße gingen als in Japan selbst.

Aufzubegehren und Veränderungen politisch umzusetzen, hat nicht viel Tradition in Japan, und in gewisser Weise hapert es auch mit dem Demokratieverständnis. Aber man muss auch sagen, dass die Japaner die Katastrophe an sich ganz gut gemanagt haben. Die Tage danach, die direkte Evakuierung – all das war nicht schlecht.

Sie kennen Japan lange und gut. Wie hat die Katastrophe das Land verändert?

Es ist bestimmt heute nicht mehr das gleiche Land wie davor. Die Verdrängung ist schon erstaunlich, aber wahrscheinlich auch nur menschlich. Ich war 2013 drei Monate in Kyoto, da hat ein Großteil der Leute schon nicht mehr darauf geachtet, woher ihre Lebensmittel kamen. Das Thema Fukushima war sehr schnell wieder aus dem Bewusstsein verschwunden. Gleichzeitig merke ich, dass die Menschen unter der Oberfläche nach wie vor sehr erschüttert sind. Es gibt in Japan 56 Atomkraftwerke – dass das etwas Bedrohliches ist, das spüren alle. Dabei wurde Atomkraft in Japan immer die grüne Energie genannt! Im Grunde war das auch der Grund für mich, „Grüße aus Fukushima“ zu drehen. Ich wollte diesen Widerspruch ergründen, dass wir in Deutschland letztlich von der Katastrophe profitiert haben, weil wir die Kernkraft abschaffen werden, aber die Betroffenen selbst tun so, als sei nie etwas gewesen.

Ihr erster Japan-Besuch liegt inzwischen über 30 Jahre zurück. Erinnern Sie sich noch an den ersten Eindruck?

Es war ein seltsamer Kick, dass dort alles gleichzeitig ganz fremd und doch vertraut ist. Das war ein Gefühl wie Stromausfall im Gehirn. Oder Kohlensäure im Blut. Diese Zerrissenheit und diesen Widerspruch fand ich einfach aufregend. Bis heute.

Das Land lässt Sie nicht los …

Nein, irgendwie gibt es mit diesem Japan immer neue Herausforderungen. Aber „Grüße aus Fukushima“ war schon die größte, keine Frage.


Das ist Doris Dörrie

Doris Dörrie (60) ist Regisseurin,

Schriftstellerin und Produzentin. Durch

die Komödie „Männer“ wurde sie 1985 einem breiten Publikum bekannt. Zu

ihren größten Erfolgen gehören die Filme „Bin ich schön?“ oder „Kirschblüten – Hanami“. Dörrie hat auch schon Opern inszeniert. Sie war einmal verheiratet, hat eine Tochter und ist heute mit dem Produzenten Martin Moszkowicz liiert. (sk)