Meistens entwickeln sich die Karrieren ehemaliger Castingshow-Teilnehmer nach unten. In der Regel folgt einem schnellen Hit und einem kurzen Aufmerksamkeits-Aufblitzen der mehr oder weniger rapide Weg in die Versenkung, Beispiele gibt es genügend. Max Giesinger (27) aber, der Viertplatzierte der ersten „The Voice of Germany“-Staffel aus dem Jahr 2011, ist mit seinem zweiten Album „Der Junge, der rennt“ weiter auf dem Vormarsch. Gerade erst stieg es in die deutschen Top 20 ein, während sich die Single „80 Millionen“ zu einem Radio-Hit entwickelt. „Vielleicht liegt es daran, dass ich schon bei ,The Voice‘ kein komplettes Greenhorn war“, überlegt Giesinger. „Als ich ins Fernsehen ging, wusste ich schon so ein bisschen, worauf ich mich einlasse, und habe von Anfang an nicht zu viel erwartet. Mir war klar, dass die Show einen kleinen Push gibt, aber mehr auch nicht.“ Es reiche nicht, sein Gesicht in die Kamera zu halten. „Man muss den Leuten beweisen, dass man was drauf hat. Sonst verlieren sie das Interesse.“

Max Giesinger veröffentlicht kurz nach „The Voice“ 2012 ein per Crowdfunding finanziertes Album: „Laufen lernen“. Seine Single „Dach der Welt“ wird ein mittelgroßer Erfolg, aber dann geschieht das Außergewöhnliche: Er überzeugt live auf den Bühnen des Landes, und das so richtig. „Wir waren seit Jahren schon eine eingespielte Band, die richtig Bock darauf hat, zusammen aufzutreten. Wir waren praktisch jedes Jahr auf Tour, und wir haben richtig gemerkt, wie krass geil sich das alles entwickelt.

“ Der nachweihnachtliche Auftritt im Karlsruher Tollhaus, ein Heimspiel, ist bereits eine feste Tradition. Giesinger kommt aus Busenbach, einem Ortsteil von Waldbronn bei Ettlingen, Karlsruhe ist nicht weit weg. Hier fing er schon mit 13 an zu singen und Gitarre zu spielen, die erste Band hieß Deadly Punks, weitere folgten. Neben der Schule schaffte er bis zu 70 Auftritte im Jahr, und nach dem Abitur zog er für ein paar Monate durch Australien und Neuseeland und spielte er auf der Straße. „Die beste Zeit dafür ist nachts, wenn alle betrunken sind. Besoffene sind erstaunlich spendabel, und es war wirklich extrem, wie viele deutsche Rucksack-Touristen in Australien unterwegs sind. Eine richtige Invasion.“

Zurück in der Heimat beginnt Max Giesinger, der im Prinzip immer wusste, dass er Musiker werden will, eine Banklehre, das geht nicht lange gut. „Eines Tages kam eine Metalband rein, die mich kannte. Ich habe mich geschämt und hinterm Tresen versteckt.“ Nach zwei Wochen schmiss er die Ausbildung und bewarb sich in Mannheim an der Popakademie. Im Gegensatz zu einigen seiner Bandkumpels schaffte er die Prüfung nicht. Nach Mannheim zog er trotzdem und verdingte sich weiter bei Auftritten. Inzwischen leben sie alle in Hamburg, seine Kumpels und er.

Für „Der Junge, der rennt“, erzählt Giesinger, habe er 35 Songs geschrieben, bis er selbst (und mit ihm seine neue Plattenfirma) zufrieden war. Inhaltlich geht es um das Durcheinander in Kopf und Liebesleben eines Mittzwanzigers, nennen wir ihn Max, und auch musikalisch mag er sich nicht so recht entscheiden, wo der Hase laufen soll. Da sind zum einen die mit ziemlich viel Pomp und Pathos sowie angedeuteten Elektro-Pop-Elementen produzierten und dabei stets mehr als nur ein wenig an Giesingers Lieblingsband Coldplay erinnernden Songs wie „Barfuß und allein“ oder „80 Millionen“. Mit „Wenn sie tanzt“ gibt es ein eingängiges Lied über eine junge Mutter, „mit dem sich viele Frauen richtig gut identifizieren können“, das aber jetzt auch nicht so wahnsinnig weit weg ist von Kollegen wie Pur. Und dann streut Giesinger immer wieder abgespeckt produzierte Stücke wie den Titelsong ein, auf denen er am überzeugendsten wirkt.

Dennoch: Max Giesinger will kein Mann für die kleinen Clubs sein, er will lieber der Mann für die großen Hallen werden. Letztens erst hat er sich das Konzert von Andreas Bourani vor 10 000 Leuten angeguckt und war beeindruckt. „Der Markt der männlichen Twentysomethings mit gefühlvoller deutschsprachiger Popmusik ist hart umkämpft“, weiß Giesinger. Um den mehrheitlich weiblichen Fans zusätzliche Anreize zu geben, hält sich der 27-Jährige bei der Frage, ob er liiert sei, zurück. Lieber turtelt er im Video zu „80 Millionen“ mit „Germany‘s Next Topmodel“-Gewinnerin Stefanie Giesinger (19, nicht verwandt) und heizt so den Boulevard an. „Um mithalten zu können bei dieser krassen Künstler-Konkurrenz, muss ich nicht nur meinen Job sehr gut machen, sondern es schadet auch nicht, wenn man auffällt und die Leute ein bisschen über einen reden.“

Videos

80 Millionen:

 


80 Millionen (EM-Version)


Für immer:

 
Dach der Welt (Voice of Germany):

 
Irgendwas mit L:

 
Kalifornien:

 
Unser Sommer: