Conchita Wurst, warum sind Sie zum 50-jährigen Jubiläum der Stonewall-Proteste nach New York gereist?

Um den Männern und Frauen, die vor 50 Jahren mutig und unter großer Gefahr für ihre und die Rechte aller nachfolgenden Generationen gekämpft haben, meinen Respekt zu zollen. Für mich ist es eine riesige Ehre, dass ich eingeladen worden bin, um an einem historischen Moment an einem historischen Ort, dem „Stonewall Inn“, sprechen zu dürfen! Ich war noch niemals in New York, noch nie in der Christopher Street und noch nie im „Stonewall Inn“.

Sie wurden fast 20 Jahre nach den Ausschreitungen geboren. Welche Bedeutung hat dieses Ereignis für Sie?

Meine Generation hat das Glück, in eine Welt hineingeboren zu sein, in der mit schwulen und lesbischen Menschen mit mehr Selbstverständlichkeit umgegangen wird. Zumindest in einigen Teilen der Welt. Auf mich geht niemand mit Schlagstöcken los, so wie damals die Polizisten auf die Teilnehmer der Stonewall-Proteste. Das verdanken wir auch den Menschen, die dafür vor 50 Jahren in New York gekämpft haben.

Wenn Sie damals schon gelebt hätten: Hätten Sie bei mitgemacht?

Ich bin ein Mensch, der für Gerechtigkeit einsteht. Deshalb denke ich, dass ich dabei gewesen wäre.

Tom Neuwirth alias Conchita alias Wurst bei einem Auftritt anlässlich des 50. Jahrestags der Stonewall-Krawalle. Die Aufstände waren ...
Tom Neuwirth alias Conchita alias Wurst bei einem Auftritt anlässlich des 50. Jahrestags der Stonewall-Krawalle. Die Aufstände waren eine Serie von gewalttätigen Konflikten zwischen Homo- sowie Transsexuellen und Polizeibeamten in New York im Sommer 1969. | Bild: Greg Allen / Invision / dpa

Die Proteste waren gewalttätig. Ist Gewalt legitim, um die Rechte unterdrückter Menschen einzufordern?

Gewalt ist wahrscheinlich nie legitim. Aber damals kam es wohl auch zur Gewalt, weil viele der Protestierenden nichts zu verlieren hatten und frustriert waren. Ich bin froh, dass ich in einem Mitteleuropa lebe, in dem man verstanden hat, dass Gewalt keine Lösung ist.

Sind Demonstrationen wie die Gay-Pride-Paraden heute noch notwendig?

Es wäre schön, wenn wir diese Form der Demonstrationen nicht mehr bräuchten. Aber solche Veranstaltungen strahlen auch in Regionen der Welt aus, in denen so etwas nicht denkbar wäre und in denen die Mitglieder der LGBT-Community (aus dem englischen Sprachraum kommende Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender – also Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender, Anmerkung der Redaktion) leider damit rechnen müssen, dass sie den Tag nicht überleben.

Sie selbst sind in einem Dorf mit 3000 Einwohnern groß geworden. Wann hatten Sie dort Ihr Coming-out?

In einem Alter, als ich noch nicht wusste, dass es ein großes Ding ist. Ich bin mit Mädchenkleidern in den Kindergarten gegangen. Meine Mutter hatte Angst, dass ich deshalb ausgelacht werde, aber das ist nicht passiert. Mein bewusstes Coming-out hatte ich mit ungefähr zwölf oder 13 Jahren, als ich in Worte fassen konnte, was ich fühle. Auch in meinem kleinen Heimatdorf habe ich deshalb nie Probleme gehabt.

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Sie machen jetzt nicht mehr Pop, sondern teilweise harte elektronische Musik. Warum?

Seit ich denken kann, wollte ich Céline Dion sein – und ich hatte meinen Céline-Dion-Moment. Aber wenn ich etwas erledigt habe, muss ich etwas Neues machen. Ich höre viel avantgardistische und elektronische Musik, und ich dachte mir: Hey; warum mache ich nicht die Musik, die ich auch höre? Meine neue Musik ist authentischer. Ich stelle mich jetzt selbst in den Mittelpunkt und nicht das, was man gerne von mir hätte.

Wenn man als Künstler nicht auf die Wünsche seiner Fans eingeht, verkauft sich die Musik vielleicht schlechter …

Ja! Aber was ist das Schlimmste, was mir passieren kann? Wenn ich keine Kohle mehr habe, muss ich notfalls zu meinen Eltern zurückziehen. Na ja – dann soll die Mama kochen. (lacht)

So kennt man Tom Neuwirth – als Conchita Wurst, hier auf einem Foto von 2017.
So kennt man Tom Neuwirth – als Conchita Wurst, hier auf einem Foto von 2017. | Bild: Sven Hoppe / dpa

Gibt es Conchita Wurst überhaupt noch?

Irgendwann dachte ich: Ich bin nicht mehr Conchita Wurst. Ich brauche einen neuen Namen. Jahrelang habe ich versucht, den Nachnamen Wurst abzulegen, weil ich ihn nicht mehr schön fand. Er ist so brachial, und ich wollte doch immer glamourös sein. Aber wenn ich ganz ehrlich zu mir bin, dann kann ich auch sehr unglamourös sein. Darum trage ich jetzt manchmal Abendkleid und manchmal habe ich so wenig an, dass ich in einem Schaufenster im Amsterdamer Rotlichtviertel tanzen könnte. Conchita ist die Präsidentengattin und Wurst ist das „Berghain“ (der Berliner Techno-Club, Anmerkung der Redaktion) – auch wenn ich erst 20 Minuten in meinem Leben im „Berghain“ war.

Und wie soll man Sie jetzt nennen?

Hey du, Tom, Conchita, Wurst – mir doch wurscht!