Frau Kloß, Herr Nowak, im Song „Schritte“ auf eurem neuen Album geht es unter anderem um eure Kindheit in der Wendezeit. Vor einigen Monaten schon habt ihr mit „Mein Osten“ eine kritisch-liebevolle Hymne an eure Heimat veröffentlicht. Wo steht das Land 30 Jahre nach dem Mauerfall?

Stefanie Kloß: Mich nimmt die Situation gerade sehr mit. Wir stellen uns selbst diese Fragen, woher die rechten Gedanken und Einstellungen kommen, und warum einige Menschen den Anstand gegenüber anderen verloren haben. Ich denke, wir müssen zunächst mal zuhören und auch andere Meinungen zulassen. Die Wende bedeutete eine tiefe Zäsur im Leben sehr vieler Menschen. Dieser Einschnitt wirkt bis heute nach.

Habt ihr Verständnis für Leute, die sich als Verlierer fühlen und entsprechend auf dem Wahlzettel reagieren?

Kloß: Man sollte schon analysieren, woher diese Unzufriedenheit kommt und nicht einfach darüber hinweggehen. Da ist natürlich in erster Linie die Politik gefragt.

Ihr kommt aus dem sächsischen Bautzen. Bei den jüngsten Landtagswahlen hat die AfD dort fast 34 Prozent geholt und ist stärkste Partei geworden.

Andreas Nowak: Bautzen ist eine tolle Stadt mit sehr vielen sehr großartigen Menschen. Aber wenn die Leute wählen gehen, sind die Ergebnisse zuletzt nicht ermutigend gewesen.

In „Träum ja nur (Hippies)“ sprecht ihr von einer Welt in fünfzig Jahren, in der die Menschen nicht mehr wissen, was Klimakatastrophe, Rassismus und Homophobie überhaupt sind, in der Frauen und Männer gleichberechtigt sind und der Reichtum für alle reicht.

Kloß: Dieser Song ist für uns ein emotionaler und positiver Blick in die Zukunft. Das sind natürlich Utopien, ich glaube nicht, dass es wirklich so kommen wird, auch wenn man sich das wünscht. Realistisch gesehen, werden wir auf dieser Welt immer mit irgendwelchen Problemen zu tun haben, aber für einen kurzen Moment wärmt mich dieses Lied total. Ich denke, man braucht Songs, die mit Leichtigkeit und Zuversicht solche Themen ansprechen, ohne gleich musikalisch in eine tieftraurige Ecke zu rutschen.

Seid ihr Hippies?

Kloß (lacht): Ein bisschen Hippie steckt in jedem von uns. Es ist wichtig für uns, Raum zu lassen für Veränderung und Bewegung. Wir bleiben nicht stehen, deshalb heißt die Platte auch „Schritte“. Ohne Kreativität und Innovation bleibt alles, wie es ist. Ich finde es nur wichtig, hoffnungsvoll auf die Entwicklungen zu blicken, sich etwa ein Land wie Norwegen anzuschauen, das gesellschaftlich um einiges weiter und moderner ist als viele andere. Hier sind auch die Medien gefragt. Wer immer nur negative Schlagzeilen liest, der denkt eher, dass die Welt völlig den Bach runtergeht und bekommt Angst. Das ist wie früher in der Schule. Wenn der Lehrer motivierend ist, sind auch die Leistungen besser.

Was hat sich durch die Geburt eures Sohnes vor anderthalb Jahren verändert?

Kloß: Im Grundsatz ist alles wie immer, und doch ganz anders. Das Chaos ist intensiver. Ein Kind zu haben, macht dich stärker als du denkst, gleichzeitig stellst du fest, wie schwach du eigentlich bist. Ich stelle mir viele Fragen, zum Beispiel, welchen Blick ich auf die Welt habe, in der mein Kind einmal leben wird. Wie gehen wir mit Erwartungen um? Was hinterlassen wir. Letztlich geht es um den Circle of Life, den Kreislauf des Lebens.

In „Für Amy“ sagst du, du willst nicht noch einmal 14 sein. Haben es die heutigen Teenager schwerer?

Kloß: Einfacher haben sie es sicher nicht. Der Druck ist hoch in einer Welt, in der sich die Wirklichkeit vermischt mit Show und Instagram. Dieses Vergleichen mit anderen, das gab es auch ohne Handy schon, aber die heutigen Jugendlichen gucken noch intensiver auf die anderen und gehen teilweise sehr kritisch mit sich um.

Wird es Silbermond auch in 15 Jahren noch geben?

Kloß: Wir können tatsächlich nicht sagen, was in ein paar Jahren ist. Für eine Band ist das Weitermachen immer ein großer und auch schwieriger Schritt, der viel Kraft, Naivität und Fantasie erfordert. Aber was immer auch passieren wird, wir bleiben in Bewegung.

Fragen: Steffen Rüth