Kantig war er, wortgewaltig, rebellisch. Mit Hans Küng ist die katholische Kirche, noch mehr aber die Öffentlichkeit um einen beeindruckenden Kritiker ärmer. Wer etwas gegen die Institution sagen wollte, konnte sich auf den gebürtigen Schweizer berufen. Zuverlässig lieferte der berühmte Professor jene Argumente, die sich gegen Papst, Kurie und Marienkult richteten.

Er war Berater beim II. Vatikanischen Konzil

Seine größte Wirksamkeit entfaltete der fleißige und charismatische Theologe nach dem II. Vatikanischen Konzil. Daran hatte er als Berater teilgenommen. Später lag ihm daran, den Geist des Aufbruchs in die Gemeinden im deutschsprachigen Raum zu tragen. Das gelang ihm mit seinen Büchern, die munter zweifelten (zum Beispiel an der Jungfrauengeburt), aber mit ihrer Kritik in der Kirche bleiben wollten. Seinen Kritikern, die ihn hinausdrängen wollten, bot er stets die Stirn. „Auftreten, nicht austreten“, so hatte er einmal in einem Interview mit dem SÜDKURIER gesagt. Er blieb drin, wie er auch katholischer Priester blieb und außerhalb der akademischen Welt auch immer Seelsorger war.

Für viele war er ein Ratgeber

Für viele kritische oder einfach besorgte katholische Menschen war er Ratgeber und Kompass. Und einer von denen, die sie in der Kirche hielt.

In Rom galt er als Persona non grata. Er war in Ungnade gefallen. Dafür stieg sein Stern in Tübingen. Er war Star und berühmter Mitbürger, der in den guten Zeiten zusammen mit Walter Jens und dem Philosophen Ernst Bloch den Ruf der Stadt mehrte.

Am Bodensee sollte ein „Weltkloster“ entstehen

Auch im Badischen konnte Küng auf Anhänger zählen. Und das kam so: Um die Jahrtausendwende wollte die Stadt Radolfzell etwas besonderes auf die Beine stellen: Ein multi-religiöses Zentrum sollte es sein, das auf den Namen Weltkloster hört. Hans Küng stützte das ehrgeizige Projekt mit seinem Namen und Vorträgen, die er in der Stadt am Bodensee hielt.

Auch in Baden war Hans Küng (Mitte) häufig für Vorträge unterwegs, hier im Konstanzer Konzil. In Radolfzell war er Ideengeber für das geplante Weltkloster.
Auch in Baden war Hans Küng (Mitte) häufig für Vorträge unterwegs, hier im Konstanzer Konzil. In Radolfzell war er Ideengeber für das geplante Weltkloster. | Bild: Hanser, Oliver

Das geplante Weltkloster lehnte sich eng an Küngs Entwurf eines Weltethos an, das alle Staaten und Religionen einigen und versöhnen sollte. Auch wenn das Weltkloster in der angepeilten Größe nie zu Stande kam: Küngs Gedankenflüge hoben damals auch die Radolfzeller aus dem Sattel.

Joseph Ratzinger suchte die späte Versöhnung

Mit dem Weltethos hatte sich Hans Küng ein zweites Standbein nach der Theologie geschaffen. Einschneidend war zuvor, dass ihm die Glaubenskongregation die Lehrerlaubnis entzogen hatte (1979). Diese Degradierung hatte er nie verwunden. Zaghafte Annäherungen scheiterten.

Als Küngs ehemaliger Tübinger Kollege Ratzinger zum Papst gewählt worden war, lud ihn dieser nach Castel Gandolfo ein. Benedikt XVI. und Küng aßen zusammen Spaghetti und unterhielten sich vier Stunden lang. Es war eine persönliche Aussöhnung; theologisch kamen die beiden damals schon alten Männer nicht mehr zusammen. Das ist die Tragik im Leben beider.