Die Deutschen sind ein einig Volk von Möbelbauern geworden. Der Akkuschrauber ist heute das, was Schiller in seinem „Tell“ als Axt im Haus feierte, die bekanntlich den Zimmermann spart. Der jüngste Arbeitsauftrag, der aus der Familie an mich erging: Eine Kommode mit sechs Schubladen.

Die gewichtige Herausforderung kam wie gewohnt per Kurier in einem Paket als Pressspanplatten-Puzzle im Styropormantel. Die Nervenprobe beginnt bereits damit, das luftige Dämmmaterial so geschickt im Gelben Sack zu entsorgen, dass der Boden nicht mit Kunststoff-Schnee gesprenkelt ist. Der klebt wie Pattex an den Händen und lässt sich nur unter Flüchen wieder loswerden.

Nur jahrelange Erfahrung im Dschungel des Selbstbaumöbelkontinents sichern hier das verletzungsfreie Überleben – und ein solides ...
Nur jahrelange Erfahrung im Dschungel des Selbstbaumöbelkontinents sichern hier das verletzungsfreie Überleben – und ein solides Handwerkszeug. | Bild: Hendrik Schmidt

Ungebetene Zuschauer konnten sich also darauf einstellen, dass es an diesem Tag laut zugehen würde und der Chefschrauber möglichst nicht mit Fragen nach der Dauer der Arbeit belästigt werden wollte.

Denn die Übersetzung des altägyptisch kryptischen Bauplans sowie die zwei Plastiktüten voller Holzdübel, Nockenbeschläge, Pleuelschrauben, Kunststoffnoppen und weiteren fisseligen Kleinteilen erforderten höchste Konzentration und Ruhe. Ein Sohn der Familie wurde zwar als Sicherung gegen die Tücken der Schwerkraft dienstverpflichtet. Er stand aber mit in den Hosentaschen versenkten Händen so provokant untätig im Raum, dass er fristlos gekündigt und des Raumes verwiesen wurde.

Du bist nicht allein

Es ist ein Grundgesetz der Gesellen im Ikea-Handwerk: Du bist mit deinem Ding allein. Wer Hilfe benötigt, bekommt keine, weil alle anderen gerade etwas Besseres zu tun haben. Nur jahrelange Erfahrung im Dschungel des Selbstbaumöbelkontinents sichern hier das verletzungsfreie Überleben.

Dass die Durchschlageübung dieses Mal den ganzen Mann und eiserne Disziplin fordern sollte, war mit Blick auf den Bauplan sofort klar: 180 Minuten – satte drei Stunden – waren als Arbeitszeit angesetzt. Heißt: Zwischen vier und fünf Stunden sind realistisch. Allein die Suche nach verlegtem Werkzeug (“ . . . wo war denn jetzt der Schraubenzieher!“) wirft einen immer wieder zurück.

Aber so ganz verlassen ist man nie. Es gibt ein verlässliches Muster, das nach Robinson Crusoe benannt werden sollte. So wie dieser gestrandete Brite einen Grundstock an einfachem Werkzeug aus dem Wrack retten konnte, legen auch die Möbelhersteller ein schmales Notfall-Kit mit ins Paket. In diesem Fall ist es ein Mini-Schraubenschlüssel (bei dem unklar bleibt, wozu man ihn braucht) und der doppelte Inbus-Schlüssel in der Form eines Z.

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Dieses fast ikonische Werkzeug findet sich jedes Mal so zuverlässig zwischen den Schrauben wie das Amen in der Kirche. Direkt in den Mülleimer werfen will man es nicht, also legt man es zu den anderen überflüssigen Inbusschlüsseln in ein Kästchen. Vermutlich könnten alle deutschen Heimwerker mit Tonnen von gesammelten Inbusschlüsseln Dutzende von Altmetallhändlern zu Millionären machen.

Der Inbus ist indes nur ein Symbol, das nicht zum praktischen Gebrauch bestimmt ist (dafür ist ja der Akkuschrauber da). Wie bei den Kommunisten Hammer und Sichel ist es der spirituelle Talisman der nationalen Hobbyschreinergemeinschaft, die sich wie Bob der Baumeister lauthals anspornt: „Ja, wir schaffen das!“ (womit endlich geklärt ist, dass Angela Merkel diesen Satz gestohlen hat).