Wie weiterleben, wenn ein Kind gestorben ist? Für Sophie und Thies ist die größte aller denkbaren Katastrophen eingetreten. Und wer glaubt, es könne dabei so etwas wie tröstende Umstände geben, wird an ihrem Beispiel ins Zweifeln geraten.

Das Leben im schönen Wendland wird zur Hölle, wenn der private Schicksalsschlag zum Dorfgespräch wird. Die guten Freunde gleich nebenan erweisen sich als Belastung, wenn bei ihnen eitel Sonnenschein herrscht. Und welchen Trost bietet es schon, dass der verlorene Sohn ein Problemkind war?

Es ist ein erdschwerer Stoff, den sich die Autorin Kristina Hauff in ihrem Roman „Unter Wasser Nacht“ vornimmt. Zu schwer für ein literarisches Debüt, so möchte man meinen. Doch tatsächlich handelt es sich gar nicht um ein solches, verbirgt sich doch hinter dem Namen Kristina Hauff die erfahrene Krimiautorin Susanne Kliem. Und die versteht es, im Hellen das Dunkle zu zeigen, hinter der Idylle den Abgrund.

Das könnte Sie auch interessieren

Mit ihren Nachbarn Inga und Bodo verbindet die verwaisten Eltern nicht nur lange Freundschaft, sondern auch eine nur unwesentlich kürzere Geschichte von Konkurrenz und Neid. Denn während sich der eigene Sohn zum prügelnden und pöbelnden Schrecken aller Pädagogen entwickelte, reiften im Nachbarhaus wahre Musterkinder heran, gut in der Schule, künstlerisch begabt. Freundschaft, das ist unter Erwachsenen eine sehr belastbare Angelegenheit – solange es nicht um die eigenen Kinder geht.

Jetzt ist der Raufbold tot, unter ungeklärten Umständen ertrunken in der nahe gelegenen Elbe. Und mit seinem Tod schwebt gleich eine ganze Sammlung unausgesprochener Fragen im Raum: Ist es womöglich besser so, nach all den jahrelangen Querelen? Mischt sich etwa heimliche Erleichterung in die Trauer der Eltern? Hat gar einer von ihnen nachgeholfen?

Kristina Hauff: „Unter Wasser Nacht“, Hanserblau München 2021; 288 Seiten, 20 Euro.
Kristina Hauff: „Unter Wasser Nacht“, Hanserblau München 2021; 288 Seiten, 20 Euro. | Bild: Cover

Die Fragen belasten auch die Beziehung der verwaisten Eltern selbst. Zu unwahrscheinlich mutet die These an, der Junge habe sich aus eigenem Willen in die Fluten gestürzt. Zu gut kennen beide die Verzweiflung des jeweils anderen. Und zu dünn ist das gemeinsame Band im Laufe der Jahre geworden, abgerieben von den nervenzehrenden Kämpfen mit einem schwer erziehbaren Kind.

Aus dem scharfen Kontrast zwischen Vorzeigefamilie und Beziehungsruine entwickelt Hauff ein in seinen atmosphärischen Details geradezu überplastisches Setting. Das ist Segen und Fluch zugleich. Denn so spannungsreich die Figurenkonstellation ist, so sehr fühlt man sich bei der Lektüre zunehmend an jene mit Farbfiltern überzeichneten Fernsehfilme erinnert, die das Widersprüchliche und Undurchsichtige unseres Lebens mit allzu einfachen Botschaften erklären.

Das könnte Sie auch interessieren

Es ist, als gehe vor lauter Lebensnähe die Authentizität verloren. Das zeigt sich auch auf sprachlicher Ebene, etwa in der retrospektiven Beschreibung eines jener Wutanfälle, mit denen der ertrunkene Systemsprenger zu Lebzeiten seine Mitmenschen terrorisierte. „Verdammter Mist!“ soll er dann ausgerufen haben. Und: „Blöde Kuh!“ Man ahnt, dass sich die Wortwahl realer Problem-Jugendlicher robuster darstellen dürfte.

Bedauerlich ist das, weil das erzählerische Gerüst durchaus überzeugt. Das gilt etwa für den Ausweg aus dieser verfahrenen Situation. Er findet sich in Person einer geheimnisvollen Unbekannten, angereist aus Dänemark, wohnhaft irgendwo im Wald. Wenn alle Beziehungen belastet sind, an jedem Wort, jedem Blick ganze Geschichten hängen, dann wächst die Sehnsucht nach dem Eingreifen einer unabhängigen Instanz von außen, ohne Vorkenntnisse und eigene Agenda.

Alte Bekannte aus Anti-AKW-Zeiten

Mara sucht einen alten Bekannten ihrer Mutter, ein Mitstreiter in der AKW-Bewegung der 80er-Jahre, alte Geschichten. An die beiden noch immer – oder vielleicht auch schon nicht mehr – befreundeten Ehepaare gerät sie scheinbar zufällig. Und gerade deshalb hängen sich diese wie Ertrinkende an diese so unverhofft aufgetauchte Fremde.

Vor allem Thies spürt in ihrer Gegenwart, wie sich lange verschüttete Empfindungen zurückmelden. Als täte sich plötzlich eine Tür auf zu einem neuen Leben mit neuer Beziehung: Alle Hoffnungen und Sehnsüchte lassen sich auf eine solche Person projizieren, deren Leben so gar nichts mit der eigenen verkorksten Vergangenheit gemein zu haben scheint.

Das könnte Sie auch interessieren

Doch diese Annahme ist oftmals nur von kurzer Haltbarkeit, unsere Schicksale sind mehr miteinander verflochten, als wir glauben. So zeigen sich auch im Fall der Fremden aus dem hohen Norden schon bald unvermutete Bezüge ins Wendland, in die beiden Familien und zum mysteriösen Tod des Sohnes.

Vor der eigenen Geschichte kann man eben doch nicht davonlaufen, und nur wer sich dem Trauma stellt, darf darauf hoffen, es eines Tages zu bewältigen. Das wissen wir zwar. Wir brauchen aber meist einen Umweg, damit wir uns daran erinnern.