Frau Cheauré, Corona zwingt uns zur Entschleunigung. Bei allen schlimmen Folgen der Krise gab es anfangs die Hoffnung, wir könnten so etwas wie Muße erfahren. Ist es uns gelungen?

Die Grundvoraussetzung für Muße liegt in der Freiheit, genauer in einer Freiheit zum selbstbestimmten Handeln. Ein uns aufgezwungener Zustand wie diese Pandemie mit allen Einschränkungen, gerade auch in angeblich „nicht systemrelevanten“ Bereichen wie kulturellen Einrichtungen, ist deshalb keineswegs eine ideale Voraussetzung für Muße, ganz abgesehen von Ängsten und Sorge um sich und seine Lieben.

Der Zwang verhindert also eine Muße-Erfahrung?

Nicht unbedingt. Wir haben in unserer Forschung herausgefunden, dass sich Muße auch in erzwungenen Zuständen einstellen kann. Ich selbst habe zu Russland im 19. Jahrhundert geforscht: Zum Alltag junger Frauen gehobener Schichten zählte zum Beispiel auch der Zwang, sich durch Handarbeiten emsig und „rein“ auf die Ehe vorzubereiten. Diese Handarbeit wurde oft als quälend und langweilig empfunden. Und doch konnten wir durch die Analyse von Tagebüchern und literarischen Texten feststellen, dass diese Langeweile durchaus in eine Muße-Erfahrung umschlagen konnte. Wir haben das etwas salopp als „erzwungene Muße“ bezeichnet, obwohl das eigentlich ein Widerspruch in sich selbst ist – denn die eigentliche Grundvoraussetzung für Muße, nämlich die Freiheit, sein Tun selbst zu bestimmen, fehlt. Aber es gibt natürlich auch andere Beispiele für dieses Phänomen.

Welche?

Kolleginnen und Kollegen von mir konnten dies sogar für Krankheitszustände nachweisen, etwa bei chronisch Erkrankten. Es ist zweifelsohne ein „erzwungener“ Zustand, der scheinbar keine Wahl lässt; dennoch werden oft neue Erfahrungen beschrieben, die in ganz anderer Weise „produktiv“ sind als die Produktivitätszwänge des bisherigen Lebens. Wir sprechen hier gerne von „produktiver Unproduktivität“ und meinen damit Muße.

Elisabeth Cheauré, 66, Slawistin und Gender-Forscherin, lehrt seit 1990 als Professorin an der Universität Freiburg. 2017 wurde sie Sprecherin des Sonderforschungsbereichs Muße (inzwischen stellvertretend).
Elisabeth Cheauré, 66, Slawistin und Gender-Forscherin, lehrt seit 1990 als Professorin an der Universität Freiburg. 2017 wurde sie Sprecherin des Sonderforschungsbereichs Muße (inzwischen stellvertretend). | Bild: Patrick Seeger

Es gab zu Beginn der Pandemie die Hoffnung, dass auch wir alle in dieser Hinsicht produktiv werden und unser bisheriges Leben kritisch hinterfragen. Hat unsere Zwangslage das Potenzial dazu?

Grundsätzlich gibt es dieses Potenzial in jeder Lebenssituation und es gibt ja auch vermehrt begrüßenswerte Stimmen in diese Richtung. Dennoch möchte ich etwas Wasser in den Wein kippen, denn das wichtige Moment der Freiheit und Selbstbestimmung scheint gegenwärtig doch gefährdet. Zudem stellen viele Menschen – auch ich selbst – fest, dass durch Homeoffice auch viel an Strukturierung unseres Alltags wegbricht und damit auch an Rhythmisierung. Unsere Forschungsarbeit hat unter anderem aber ergeben, dass Muße einer gewissen Rhythmisierung bedarf und damit der sich abwechselnden Phasen von Arbeit und Nicht-Arbeit. Momentan sind hier durchaus Extreme zu beobachten.

Und zwar?

Auf der einen Seite eine extreme Verdichtung von Produktivitätszwang und Stress, wenn wir an Pflegekräfte oder Dienstleistungen im Transportbereich denken, auf der anderen Seite ein extremer „Überschuss an Zeit“ etwa für Menschen in jetzt zwangsweise geschlossenen Arbeitsbereichen. Ich möchte aber auch darauf hinweisen, dass wir Arbeit und Muße nicht a priori als Gegensätze verstehen sollten. Eine Arbeit, die selbstbestimmt rhythmisiert werden kann, kann durchaus auch als „mußevoll“ erfahren werden. Schon Karl Marx war es ein Anliegen, Arbeit in eine menschenwürdige Form zu bringen. Rhythmisierte Abläufe sind in vielen anderen Tätigkeiten mußeförderlich, etwa beim Spazierengehen.

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Nun ist das in Zeiten der Ausgangssperre nicht mehr so leicht möglich...

Das Spazierengehen ist ja zum Glück nicht eingeschränkt… Aber es bricht tatsächlich vieles an Rhythmisierung weg, von unseren sozialen Kontakten ganz zu schweigen. Und genau dies ist auch eine Belastung. Wäre es so einfach, dass aus bloßem Nichtstun auch schon Muße entsteht, wäre Arbeitslosigkeit der Idealzustand. Tatsächlich bedeutet sie für viele einen ganz enormen Stress. Das heißt aber nicht, dass Mußeerfahrungen nicht möglich sind. Das Thema Muße ist also ziemlich vertrackt. Es kann passieren, dass wir alles tun, um dafür Idealbedingungen zu bieten: in Urlaub fahren, ein Museum besuchen. Und trotzdem will sich ein Gefühl der Muße einfach nicht einstellen. Dann aber sitzen wir in einem Warteraum und erleben dies völlig unerwartet als eine Zeit der Muße – oder auch nicht…

Nun sind auch wir alle bemüht, in unserem Pandemiealltag Idealbedingungen für Muße herzustellen. Sie wollen in Baden-Baden ein Museum zum Thema Literatur und Muße eröffnen, als Pilotprojekt gab es bereits eine Ausstellung. Konnten Sie daraus Erkenntnisse ziehen, wie sich Muße anlocken lässt?

Ja, tatsächlich. Diese Ausstellung in Baden-Baden befasste sich mit dem russischen Dichter Ivan Turgenev, also kein Thema, bei dem man sofort an Muße denken würde. Unser Ziel war ein anderes: Formate zu finden, die eine Mußeerfahrung fördern. Wir sind hier vom Prinzip der Freiheit ausgegangen. Unser Publikum sollte durch ein sehr durchdachtes Konzept den Grad der Vertiefung selbst wählen können. Dies geschah durch eine besondere Art der Grafik, durch multimediale Angebote bis hin zum guten alten Buch. Wir hatten zum Beispiel in jedem Raum die besprochenen Bücher zur freien Lektüre ausgelegt. Zugleich achteten wir darauf, Reizüberflutung zu vermeiden und das körperliche Wohlbefinden unserer Besucherinnen und Besucher im Blick zu haben. Die Evaluation hat gezeigt, dass unser Publikum diese Punkte als ganz wesentlich empfunden hat.

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Wenn wir also zu Hause Muße empfinden wollen, sollten wir viel lesen, wenig Ablenkung zulassen und dem Körper Sinneserfahrungen gönnen?

Ich würde allerdings nicht sagen: „Wir sollten lesen“. Sondern eher: „Schaffen Sie sich die Freiheit zu lesen.“ Das ist ganz entscheidend: frei zu sein, selbst über meine Beschäftigung bestimmen zu können. Es muss nicht unbedingt Lektüre sein.

Also auch das Smartphone?

Ich bin weder Medienwissenschaftlerin noch Medienpsychologin. Wenn ich das Beispiel allerdings auf andere Bereiche übertrage, in denen ich mich etwas besser auskenne, muss ich sagen: Alles, was Suchtpotenzial in sich birgt, ist für Muße nicht förderlich. Das gilt auch für das Spielen.