Der Zustand des Planeten, das weiß jedes Kind, ist besorgniserregend – Stichwort Erderwärmung und Klimawandel, Stichwort Artensterben oder Vermüllung der Weltmeere. Seit dem dem März schränkt hierzulande zudem eine tödliche Pandemie die individuelle Freiheit jedes einzelnen ein. Längst hat das Virus auch die globale Wirtschaft infiziert, mit noch unabsehbaren Folgen.

Das Ruder herumreißen

Was tun? Nach – hoffentlich bald – überstandener Corona-Krise zur Normalität zurückzukehren, als wäre nichts gewesen: Das scheint keine sinnvolle Option. Zu offensichtlich stimmt ja die ganze Richtung nicht, die der Mensch vor mehr als 200 Jahren, zu Beginn der Industrialisierung eingeschlagen hat. Ein beherztes Herumreißen des Ruders könnte insofern eine angemessene Reaktion sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Ob von der Kunst Unterstützung zu erwarten ist? „Critical Zones. Horizonte einer neuen Erdpolitik“ heißt zumindest die neue Ausstellung im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe. Dass die Ausbreitung von Covid-19 die Verschiebung der für Mai vorgesehenen Eröffnung bewirkte, war eine Bestätigung des Krisenbefunds, den die Schau schon im Titel führt.

„Critical Zone“ nennt man in der Wissenschaft die dünne Haut der Erde, in der Leben möglich ist: die wenige Kilometer schmale äußerste Erdschicht samt Atmosphäre. Kritisch heißt sie nicht zuletzt deshalb, weil sie längst in ein Stadium eingetreten ist, in dem eigentlich eine Intensivbehandlung erforderlich wäre.

Sarah Sze: „Flash Point (Timekeeper)“, 2018
Sarah Sze: „Flash Point (Timekeeper)“, 2018 | Bild: © Sarah Sze, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert

Anstelle der Vernissage der über zwei Etagen in den Lichthöfen 1 und 2 des Museums sich erstreckenden Schau gab es einen Live-Streaming-Abend, der sich dann auf drei volle Tage ausweitete: eine Mischung aus virtueller Ausstellungseröffnung und Festival, Online-Symposium (mit zugeschalteten Wissenschaftlern und Künstlern aus verschiedenen Ländern) und weiteren Angeboten: alles live im Netz.

Es wimmelt nur so von Schaubildern

Die Schau ist eine Kunstausstellung, jedoch nicht ausschließlich; sie vermittelt zugleich wissenschaftliche Inhalte. So finden sich neben einer Suite von Landschaftsbildern – von dem Barockkünstler Nicolaes Berchem über Caspar David Friedrich bis hin zu Courbet und Franz Marc – und neben zahlreichen Werken zeitgenössischer Künstler technische und wissenschaftliche Installationen in Mengen. Es wimmelt nur so von Schaubildern, Diagrammen, Landkarten und vergleichbaren Visualisierungen der Forschung – sei‘s analog auf Papier oder digital auf Bildschirmen. Auch physikalische Messgeräte oder Wissenschaftspublikationen – von Alexander von Humboldt bis Lynn Margulis – fehlen nicht.

Forensic Architecture: „Cloud Studies“, 2020
Forensic Architecture: „Cloud Studies“, 2020 | Bild: © Forensic Architecture, © ZKM | Karlsruhe, Foto: Elias Siebert

Rund 80 Künstler und Wissenschaftler sind beteiligt. Konzipiert hat die Schau Peter Weibel, Direktor des ZKM, in Zusammenarbeit mit dem französischen Soziologen und Philosophen Bruno Latour sowie dem französischen Kurator Martin Guinard-Terrin. Durch die Beschreibung des Zustands der Erde mit Hilfe von Kunst und Wissenschaft will „Critical Zones“ Anregungen für die „neue Erdpolitik“ im Untertitel geben. Mit dem Ziel einer Neuorientierung und eines Umdenkens der Gesellschaft werden „alternative Formen der Koexistenz mit der Natur“ entworfen.

Das könnte Sie auch interessieren

Nicht ganz easy, angesichts der Fülle des Gebotenen den Überblick zu behalten – oder überhaupt erst zu gewinnen. Am besten, man lässt sich treiben und vertieft sich in das, was spontan Neugier weckt. Die aus Nigeria stammende Künstlerin Otobong Nkanga macht in einer wandfüllenden Arbeit aus Textilien mit integrierten Fotografien die Narben in der Landschaft ihrer Heimat zum Thema: Spuren des Abbaus seltener Mineralien. Der Fotokünstler und Filmemacher Armin Linke widmet sich in einer Zweikanalvideoprojektion der Zukunft der Weltmeere und der möglichen Ausbeutung ihrer Ressourcen.

Selbstdüngender Mais

Von einem selbstdüngenden „Wundermais“ handelt Edith Morales Mixed-Media-Installation. Über einen langen Zeitraum von einem indigenen Stamm in Mexiko entwickelt, weckte er bereits Begehrlichkeiten in der Industrie. Und die Installation des in Berlin lebenden jungen schweizerischen Künstlers Julian Charrière aus Salzsäulen mit Lithium-Ablagerungen kann als vorweggenommenes Mahnmal für den zu erwartenden Raubbau in einer Region mit reichen Lithium-Vorkommen in den bolivianischen Anden gedeutet werden. Die durch Schallwellen erzeugten, ästhetisch schönen Muster von Bakterienkolonien in Petrischalen der Künstlerin Nurit Bar-Shai wiederum sind im Grenzbereich von Kunst, Wissenschaft und Technik angesiedelt.

Das könnte Sie auch interessieren

Ein starkes ästhetisches Erlebnis ist die filmische Installation „Atmospheric Forest“ des Duos Rasa Smite und Raitis Smits. Wem dies zur Verzauberung durch Natur noch nicht genügt, könnte sich zum Beispiel auch noch von Karen Holmbergs und Andrés Burbanos immersiver 4-Kanal-Videoinstallation reizüberfluten lassen.

ZKM Karlsruhe, Lorenzstr. 19. Bis 28. Februar, Mi bis Fr 10-18 Uhr, Sa, So 11-18 Uhr. Weitere Informationen: http://www.zkm.de

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.