„B 33 neu – Tunnel Waldsiedlung – Frühjahr 2022 – Wir bauen für Sie“ steht am Rande der Bundesstraße in der Nähe genau dieser Baustelle. „Wir“, das sind das Bundesverkehrsministerium und die Straßenbauverwaltung Baden-Württemberg. Und „Sie“, das sind alle, die das Schild lesen.

Ein Geschenk der Behörden?

Die Behörden behaupten also, dass sie einen monströsen vierspurigen Straßenneubau, dessen Planung ursprünglich aus den 1980ern stammt, als im Credo der Verkehrspolitik der Autobahnbau noch an oberster Stelle stand, einzig und allein für die Leser dieses Schildes bauen. Und dass diese sich doch über dieses Geschenk freuen sollen.

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So können wir das Schild interpretieren. Wir könnten es auch noch anders interpretieren: Verkehrsministerium und Straßenbauverwaltung können nichts dafür, dass gebaut wird, weil wir, also die Leser des Schildes, das ja schließlich gewollt hätten. „Wir bauen den Mist für Sie und nicht für uns, also Sie sind schuld“ wäre dann die Aussage.

Wie auch immer. Dass ein Schild darüber informiert, was da gebaut wird, ist gut. Es könnte ruhig auch dabei stehen, was das ganze kostet. Das steht dort leider nicht. Aber der Zusatz „Wir bauen für Sie“ ist überflüssig.

Nüchtern reicht nicht mehr

Er ist Ausdruck einer Tendenz, eine Art werbesprachlichen Duktus in die Sprache amtlicher Mitteilungen zu übernehmen. Die nüchterne Darstellung eines Sachverhaltes reicht heute nicht mehr. Sie muss angereichert werden durch solche direkten Ansprachen. Sie wird auch angereichert mit nichtssagenden, aber positiv besetzten Adjektiven wie „modern“, „talentiert“, „erfolgreich“, „aktiv“ oder sogar „proaktiv“ (was wäre denn bitteschön „kontraaktiv“?).

Da lesen wir in einem Amtsblatt von einem „gemeinsamen Miteinander“ von Spaziergängern und Mountainbikern (was wäre dann ein gemeinsames Gegeneinander oder ein getrenntes Miteinander?) oder von Dingen, die auf den „aktuell neuesten Stand“ gebracht wurden. Einlullende Floskeln sind das, die die Werbebranche gerne in Firmenprospekten nutzen darf, die in einem Amtsblatt aber nichts zu suchen haben.

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Dieser Werbeduktus macht sich auch anderweitig breit, auch in der mündlichen Sprache. Piepsige, singsangende Frauenstimmen, die uns in irgendwelchen Callcentern ihr immer gleiches „Guten-Tag-Sie-sprechen-mit-Kunigunde-Häberlein-was-kann-ich-für-Sie-tun“ säuseln, zeigen, wie Werbesprache eine Gesprächssituation verkünstelt.

Diese Höflichkeitsfloskel, die den Damen (und wenigen Herren) auferlegt wird, ist im Prinzip das Gegenteil von höflich: Sie geht nicht auf das Gegenüber ein und sie behandelt die agierenden Call-Center-Agents vollkommen entmündigt. Ein „Guten Tag, wie kann ich helfen?“ oder „Grüß Gott, wo brennt‘s denn?“, kurzum, eine persönliche Form der Begrüßung ist ihnen verwehrt. Man degradiert sie zu Anrufbeantwortern.

Klar und schnörkellos

Das ist so, wenn sich alles irgendeinem von der jeweiligen Werbe- oder Marketingabteilung bestimmten Corporate Design unterzuordnen hat. Es ist hohl.

Wer als Entscheider an welcher Position auch immer, wieder beklagt, dass etwas nicht richtig kommuniziert worden sei, der soll es doch einfach mal mit einer klaren, schnörkellosen Sprache versuchen. Für uns.