So viel Schnee! Was will der nur bei uns? Blöde Frage, sagt der Meteorologe: Schnee will nichts, er wird. Und zwar, wenn in einer Wolke Wasserdampf zu Eiskristallen gefriert. Der Schriftsteller sieht das anders: Schnee fällt in Romanen nicht zufällig vom Himmel. Er hat eine Botschaft.

Wie ein weißes Blatt Papier

Schnee deckt alles zu, auch den Dreck, den wir in letzter Zeit so angerichtet haben. Der Dichter, sagt der Literaturwissenschaftler Martin Roussel, sieht in ihm das weiße Blatt Papier: die Einladung und Aufforderung, ganz von vorne zu beginnen.

So breitet Franz Kafka im Romanfragment „Das Schloss“ ein anhaltendes Schneegestöber aus. Darin versinken nicht allein Häuser und Straßen, sondern mit ihnen auch das Nachkriegschaos der Weimarer Republik. Nur so kann sich aus dem weißen Nebel für den angereisten Landvermesser tiefschwarz ein neuer Orientierungspunkt herausschälen: „Nun sah er oben das Schloss deutlich umrissen in der klaren Luft und noch verdeutlicht durch den alle Formen nachbildenden, in dünner Schicht überall liegenden Schnee.“

Das hat nicht umsonst etwas Friedliches an sich. Wir denken an Frau Holle, die es erst schneien lässt, wenn ein braves Mädchen pflichtbewusst seine Pflichten erledigt. Dann rieseln zur Belohnung aus ihrem Bett die Daunen auf unsere Welt herab. Schneeweißchen ist die wandelnde Tugendhaftigkeit auf Erden.

In Hessisch Lichtenau steht das „Frau Holle Museum“. Und wie es sich gehört, fliegen dort auch regelmäßig die Flocken hernieder.
In Hessisch Lichtenau steht das „Frau Holle Museum“. Und wie es sich gehört, fliegen dort auch regelmäßig die Flocken hernieder. | Bild: Uwe Zucchi/dpa

Und selten hat es in der Literatur ein plastischeres Bild für verlorene Unschuld gegeben als drei Tropfen Blut im weißen Schnee. Bekanntlich hat sich die Königin in den Finger gestochen, woraufhin sie ihrem Kind eine Haut „so weiß wie Schnee“ wünscht.

So sieht es aus zu Zeiten der Brüder Grimm: Schnee ist Ausdruck des moralisch Reinen und Guten. Rein wiederum sind vor allem Mädchen, aber nur solange sie brav ihre Hausarbeiten verrichten und auf den Märchenprinzen warten. MeToo? Liegt in weiter Ferne.

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Doch schon bei Hans Christian Andersens nordisch unterkühlter „Schneekönigin“ erscheint der Schnee in anderem Licht. Es scheint, als falle den Dichtern allmählich auf, dass Schnee zwar schön weiß wie die Unschuld ist, aber auch kalt und lebensfeindlich. Deshalb wirkt der Schnee bei Kafka, anders als bei den Brüdern Grimm, auch verdächtig: Wer weiß schon, was genau unter ihm verborgen liegt? Und ist es nicht merkwürdig, wie penetrant er den Landvermesser davon abhält, das Schloss zu besuchen? Mal peitscht er ihm stürmisch ins Gesicht, dann wieder liegt er so hoch, dass beim besten Willen kein Fortkommen mehr ist. Schnee ist friedlich – aber nur, wenn man ihn in Ruhe lässt.

Der Zuckerguss deckt alles zu

Die Frage nach der Verteilung Schuld und Unschuld ist in der modernen Literatur so rätselhaft wie die nach Schein und Sein. Gerade deshalb lieben Schriftsteller das Schneemotiv. Denn einerseits räumt so eine Winterlandschaft mit ihrem Gegensatz von Schwarz und Weiß alles Ungefähre, Zweideutige beiseite. Die Welt wird zu einem großen Entweder-Oder. Andererseits lässt sich mit dieser vermeintlichen Eindeutigkeit immer wieder spielen: Dann entpuppt sich, was unter weißem Zuckerguss noch so friedlich wirkte, nach dem Tauwetter plötzlich als Hort der Feindseligkeiten.

Robert Louis Stevenson verstand es, wie keine Zweiter, seine Figuren auf diesem Schachbrett zu führen. Das gilt natürlich für seine Erzählung „Der seltsame Fall von Dr. Jekyll und Mr. Hyde“, vor allem aber auch für seinen weniger bekannten Roman „Der Master von Ballantrae“. „Eine Wintergeschichte“ lautet dessen Untertitel, und tatsächlich, so urteilte einmal Stevensons Zeitgenosse und Kollege, Gilbert Keith Chesterton, sei das ganze Buch ein einziges Schwarzweißbild: „Ich kann mich keines Wortes entsinnen, das ein Farbfleck wäre.“

Robert Louis Stevenson (1850-1894) in einer Aufnahme von Henry Walter Barnett, 1893.
Robert Louis Stevenson (1850-1894) in einer Aufnahme von Henry Walter Barnett, 1893. | Bild: JCO

Zwei Brüder bekämpfen darin einander bis aufs Messer, weil ihr Vater seine Zuneigung ungleich verteilt hat. Und während wir ihnen auf einer waghalsigen Verfolgungsjagd quer über den gesamten Erdball folgen, wechselt auch unser Eindruck von Schuld und Unschuld so sprunghaft wie die Launen des Wetters. Schnee als Sinnbild des Friedens und der Unschuld: Ein Meister des Schauerromans kann mit einer so schlichten Symbolik nichts mehr anfangen.

Schnee fällt in der Literatur nicht einfach so vom Himmel, er hat eine Botschaft. Wenn also unsere Wirklichkeit mit ihrer Coronapandemie, mit dem erstarkten Populismus und ihren Klimaproblemen ein Roman wäre – welche Absicht hätte unser fiktiver Autor dann mit diesen Schneemassen wohl verfolgt?

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Vielleicht finden wir die Antwort bei Thomas Mann. Der versetzt im „Zauberberg“ eine Schicki-Micki-Gesellschaft in Quasi-Quarantäne mit Schneeblick. Die Stimmung ist ganz ähnlich gereizt wie bei Stevenson, es kommt sogar zu einem Duell mit tödlichem Augang. Nur unser Held Hans Castorp entschließt sich, mal in den Schnee hinauszugehen, statt ihn nur anzustarren: Prompt gerät er in einen schweren Wintersturm, kann sich gerade so in einen Heuschober flüchten.

Vom Schlaf übermannt träumt er von der so feinen und doch zugleich so grundlos erregten Davoser Kurgesellschaft. Dabei wird ihm bewusst, was in ihr alles schief läuft. „Der Mensch ist Herr der Gegensätze“, träumt er: „Sie sind durch ihn, und also ist er vornehmer als sie.“ Das Prinzip „Entweder-Oder“ führt in Eiseskälte. Allein „Sowohl-als-auch“ kann uns retten!

Die Coronakrise ist leider kein Roman. Dafür sind wir nicht nur Herr über die Gegensätze, sondern auch über die Interpretation unseres Wetters. Was der Schnee uns sagen will, können wir also selbst definieren: Am besten, wir orientieren uns dabei an Thomas Manns Träumer Hans Castorp.