Und das soll heute links sein? Oder bin ich etwa rechts geworden? In den gesellschaftspolitischen Debatten unserer Zeit sind solche Fragen immer öfter zu vernehmen. Wer in den 70er- und 80er-Jahren für einen herrschaftsfreien Diskurs ohne Rücksicht auf Identitäten eintrat, sieht sich plötzlich einer Haltung gegenüber, die Mitspracherechte an Geschlecht und Herkunft koppelt.

Umgekehrt besteht in einer jungen Generation Verwunderung darüber, dass im Bemühen um eine gerechtere Gesellschaft so wichtige Themen wie das koloniale Erbe so lange unbeachtet bleiben konnten.

Während das Konservative in seinem Wesenskern weitgehend unverändert geblieben ist, fühlen sich viele Menschen verunsichert, die sich einem politisch linksliberalen Meinungsspektrum zugehörig fühlen. Die Irritation reicht bis in die aktuellen Debatten um den Pazifismus, die Waffenlieferungen und die Ausrüstung der Bundeswehr.

Der SÜDKURIER nimmt das zum Anlass für ein neues Format. Im zweiwöchigen Wechsel werden fortan die in St. Gallen lebende Schauspielerin O‘tooli Fortune Haase (Kolumnentitel: „Links und wach“) sowie der Konstanzer Intendant, Jurist und Autor Christoph Nix (“Wo das Herz schlägt“) einen kritischen Blick auf unsere Gesellschaft werfen.

Video: Lukas Ondreka

„Wir Millenials werden gerne beschuldigt, narzisstisch zu sein“, sagt O‘tooli Haase. Doch das entspreche nicht der Wahrheit. „Wir sind wach, wir schauen uns um und benennen, was uns stört.“ Oft handele es sich dabei um Probleme, die andere nur als scheinbar normale Kleinigkeiten abtun. Wer von diesen vermeintlichen Kleinigkeiten jedoch persönlich betroffen ist, für den stelle sich das ganz anders dar.

Die Diskriminierungen des Alltags einfach hinzunehmen, nur weil sie die eigene Lebenswirklichkeit nicht tangieren: Das, sagt Haase, sei für sie „nicht mit einer linken Weltanschauung vereinbar“.

Haase macht den Auftakt in der neuen Kolumnenreihe – ihren ersten Text können Sie hier lesen.

Video: Lukas Ondreka

„Der Klimakatastrophe ist doch vor allem das Ergebnis von Kapitalismus“, sagt Christoph Nix: „und nicht davon, dass ich zulange Diesel gefahren bin und deshalb jetzt Schuldgefühle haben muss.“

Solange unser Weltbild kein anderes Ziel zulässt, als möglichst viel materiellen Wohlstand anzuhäufen, werden sich die Probleme unserer Zeit nicht lösen lassen. Gerade deshalb sei es an der Zeit, dieses Weltbild zu überprüfen. „Dafür brauchen wir aber Haltung“, sagt Nix: „Haltung bedeutet auch, andere zu halten. Wenn wird das nicht leisten können, wird es schwer!“