Ein paar mehr Leben müsste man haben. Katzen zum Beispiel verfügen ja bekanntlich gleich über sieben Stück. Jedenfalls will es so ein alter Volksglaube.

Wenn der stimmt, handelt es sich dabei nicht bloß um ein paar lächerliche Pseudo-Identitäten, wie wir Menschen sie uns in diversen sogenannten sozialen Netzwerken zulegen. Nein: So eine Katze wird leibhaftig wiedergeboren, sechsmal nacheinander, immer an einem neuen Ort zu einer anderen Zeit.

Was sich mit dieser beneidenswerten Befähigung alles anstellen lässt! Vorausgesetzt natürlich, in so einem Katzenhirn steckt auch ein bisschen intellektuelle Substanz. Michael Köhlmeier kennt so ein Exemplar. Der Vorarlberger Autor hat zwar selbst keine sieben Leben – zumindest ist darüber nichts bekannt -, dafür aber einen sechsten Sinn: für Märchen, Tiere und Märchentiere. Das hilft, wenn es gilt, hochbegabte Miezen aufzuspüren.

Michael Köhlmeier, 71, zählt zu den profiliertesten Autoren Österreichs.
Michael Köhlmeier, 71, zählt zu den profiliertesten Autoren Österreichs. | Bild: Jan Woitas

Sein Kater „Matou“ hat die Französische Revolution und den Ersten Weltkrieg verfolgt, er erlebte die kolonialistische Gewaltherrschaft im Kongo und saß bei Andy Warhol auf dem Arm. Das alleine wäre kaum eine Erwähnung wert, fehlte es ihm dabei am nötigen Bewusstsein. Doch weil er bei Camille Demoulins das menschliche Sprechen und bei E.T.A. Hoffmann sogar das Lesen und Schreiben erlernte, kann der Kater uns heute nicht nur historische Augenzeugenberichte von unschätzbarem Wert liefern. Er ist nach seinem Jahrzehnte übergreifenden Studium auch in der Lage, den Menschen an sich zu porträtieren, zu charakterisieren, zu definieren. Matou, das ist der Prophet unserer Tage. Was hat er uns zu sagen?

Ein grandioses Netz

Beginnen wir mit seiner grundlegendsten Kritik an uns: der Art, wie wir glauben, Erkenntnisse zu gewinnen. Geschult an der Lektüre von Shakespeare, Kant und Nietzsche enthüllt Matou das, was wir für die Realität halten, als ein rein menschengemachtes, sprachlogisches Kunstgebilde.

In unserer Kultur gibt es kein Ding, das ohne eigene Bezeichnung auskommt, keinen Vorgang, der sich nicht mit einem Satz beschreiben ließe. Wo Tiere nur ein beziehungsloses Nebeneinander sehen, konstruiert der Mensch ein „grandios gesponnenes Netz aus unzähligen Kausalitäten“. Alles bezieht sich darin auf alles, eins folgt aus dem anderen, nichts bleibt ohne Ursache und Wirkung.

Wer im Besitz der Sprache ist, kann diese gewaltige Maschine nach Belieben steuern. Aus ihr entstehen Glaubenssätze, Gebote, sogar ganze Biografien. „Wenn du es aufschreibst, ist es geschehen“, lautet eine Erkenntnis Matous.

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Im Paris des ausgehenden 18. Jahrhunderts erlebt er, wie der Mensch mit dieser Macht der Sprache Unterdrückung und Knechtschaft herstellt. Unter dem Tugendterror der Jakobiner gerät bald jeder unter Verdacht, dessen Identität nicht voll und ganz in den neuen Zeitgeist passt. Wenn eine Gesellschaft ihr Netz aus Kausalitäten für unangreifbar hält, kann schon ein einziges falsches Wort unter die Guillotine führen.

Man fühlt sich bei Matous Erzählung ans Jakobinertum unserer Tage erinnert, etwa wenn er seinen Herrn Camille Desmoulins mit den großartigen Worten aus Georg Büchners „Dantons Tod“ ins Rededuell mit Maximilien de Robespierre schickt. „Ich würde mich schämen, dreißig Jahre lang mit der nämlichen Moralphysiognomie zwischen Himmel und Erde herumzulaufen, bloß um des elenden Vergnügens willen, andere schlechter zu finden als mich. Ist denn nichts in dir, was dir nicht manchemal ganz leise, heimlich sagte: Du lügst, du lügst!?“

Michael Köhlmeier: „Matou“, Roman, Hanser 2021; 960 Seiten, 34 Euro.
Michael Köhlmeier: „Matou“, Roman, Hanser 2021; 960 Seiten, 34 Euro. | Bild: Hanser Verlag

Schon bald muss der Kater mit ansehen, wie sein Herr diese Worte mit dem Tod bezahlt. Als er ihn schon auf dem Schafott liegen sieht, öffnet er sein Mäulchen und ruft mit menschlicher Stimme: „Camille, erkennst du mich? Ich bin es, Matou, dein Katerchen!“ Der Revolutionär findet gerade noch Zeit, sich zu wundern, da ist die Rübe auch schon ab.

Und als Matou bald selbst unter dem Fallbeil landet – als Versuchskaninchen vor der Hinrichtung des Antoine de Saint-Just -, landet er zum ersten Mal im Katzen-Jenseits beziehungsweise dem „Weggemachten“, wie er diesen mysteriösen Ort nennt. Dort informiert ein großer Bildschirm über potenzielle Reiseziele fürs nächste Leben. Wer sich als Katze durchs Programm klickt, bekommt in kurzen Trailern einen Vorgeschmack auf seine mögliche Zukunft geboten.

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So zappt sich Matou in die Wohnung eines jungen Dichters in Gießen oder auch in die Praxis eines Wiener Psychoanalytikers. Doch statt bei Büchner oder Freud landet er schließlich bei E.T.A. Hoffmann. Ein romantischer Dichter müsste doch mit einem sprechenden Kater zurechtkommen!

Tatsächlich lernt das Tier in der Berliner Wohnung nach dem Sprechen bald auch das Lesen und Schreiben. Und es erkennt, wie dürftig das Prinzip aus gerade mal 26 Buchstaben ist, gemessen an der komplexen Wirklichkeit, die es abbilden soll. Selbst das menschengemachte Notensystem erfasst ja nur einen schwachen Abglanz des tatsächlichen Klangspektrums in unserer Welt: Für Tiere, die mit ihrem Gehör weitaus feinere Schwingungen wahrnehmen können, ist das wohltemperierte Klavier die eigentliche Katzenmusik.

Ein Kater wird Diktator

Und doch, diese menschliche Erfindung, mit solchen System Realität zu konstruieren, hat ihren Reiz. In einem seiner sieben Leben schwingt sich Matou damit zum Diktator über eine Katzenkolonie in Griechenland auf. Dann wieder wird er zum Rächer der Unterdrückten: Wiedergeboren als Leopard führt er das von belgischen Soldaten verstümmelte Mädchen Fioti aus dem Kongo bis nach Brüssel vor den Thron des Königs Leopold II. Dort fordern die beiden Wiedergutmachung für die Kolonialverbrechen ein.

„Ich möchte meine Augen und Füße wiederhaben“, sagt Fioti. Daraufhin der König: Oh, da müsse er erst mal im Lager nachschauen. Zum Lager aber fehle ihm der Schlüssen, den haben er verloren. Und ihn suchen, das gehe auch nicht, der Rücken mache nicht mehr mit. Sprache, muss Matou lernen, konstruiert eben nicht nur Glaubenssätze und Gebote. Sie ist auch für Ausreden gut zu gebrauchen.

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Fast tausend Seiten lang lässt Köhlmeier seinen Helden erzählen. Ein ganzes Epos nur aus Sicht eines Katers: kaum zu glauben, dass das gut geht. Doch tatsächlich sind es weniger die Abenteuer selbst, die uns immer weiter lesen lassen, als die Persönlichkeit des Monsieur Matou. Stolz auf seine menschlichen Fähigkeiten, eitel mit allerlei Zitaten um sich werfend (von Goethe über Jean Paul bis Rimbaud), beharrt er doch zugleich darauf, als Kater eben nicht zu uns zu gehören. Weder Tier noch Mensch will er sein, sondern – ganz bescheiden – „ein Wunder“: Dabei mutet im Zeitalter des Individualismus doch genau das nur allzu menschlich an.