Man stelle sich vor: Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller wird Regierungschefin, statt Annalena Baerbock reist der Dichter Peter Handke um die Welt, die Finanzen liegen in der Hand von Charlotte Link … Ein beängstigendes Szenario? Vielleicht. Allerdings stellt sich dann die Frage, warum Schriftsteller hierzulande noch immer die Aura politischer Weisheit umweht.

Wenn die Juli Zehs und Daniel Kehlmanns dieser Republik öffentlich für und wider Waffenlieferungen an die Ukraine das Wort ergreifen, dann glaubt ein nicht geringer Teil des Publikums an die Offenbarung höherer Einsichten. Kein Arzt, kein Rechtsanwalt, kein Schuldirektor findet für seine Sicht der Dinge in vergleichbarem Maß Gehör – ob es um Klimaschutz geht oder um die Rentenfrage, um Pandemie-Bekämpfung oder Sicherheitspolitik.

Krasse Fehleinschätzungen

Dabei mutet dieses Vertrauen in die politischen Kompetenzen unserer Poeten reichlich optimistisch an. Besteht doch an Beispielen für krasse Fehleinschätzungen und radikale Gesinnungen seitens der schreibenden Zunft kein Mangel. Luise Rinser, 1984 von den Grünen für das Amt der Bundespräsidentin nominiert, hatte im Dritten Reich noch schwülstige Elogen auf Adolf Hitler verfasst. Gerhart Hauptmann skandierte 1914, von Kriegsbegeisterung erfasst: „Komm, wir wollen sterben gehn!“ Und DDR-Staatsdichter Johannes R. Becher bejubelte Stalin als „dankbare und bescheidene“ Persönlichkeit.

Der Literaturwissenschaftler Jochen Hörisch hat diese und weitere Fälle gesammelt, um dem Mythos des allwissenden Dichters auf die Spur zu kommen (und ihn dabei zu entzaubern). In seinem Buch „Poesie und Politik“ taucht er ein in die strukturellen und kulturhistorischen Zusammenhänge einer „riskanten Beziehung“. Da sticht als strukturelle Wesensverwandtschaft von Politikern und Dichtern zunächst der Universalismus ins Auge.

Jochen Hörischs Buch „Poesie und Politik – Szenen einer riskanten Beziehung“ (160 Seiten, 24 Euro) ist im Hanser ...
Jochen Hörischs Buch „Poesie und Politik – Szenen einer riskanten Beziehung“ (160 Seiten, 24 Euro) ist im Hanser Verlag erschienen. | Bild: Hanser-Verlag

Der Gesundheitsminister von gestern leitet morgen schon das Innenressort und zeichnet übermorgen für die Grundzüge der Außenpolitik verantwortlich. Wer es im Politbetrieb zu etwas bringen will, muss also breit aufgestellt sein. Oder etwas weniger freundlich formuliert: Ein entspanntes Verhältnis zum Dilettantismus – möglichst gepaart mit robustem Selbstvertrauen – ist von Vorteil. Ganz ähnlich ergeht es dem Schriftsteller, der nach seinem Erfolgsroman über die Macht des Geldes nun eine Novelle über Migrationserfahrung schreiben will.

Politiker wie Autoren mühen sich zwar redlich, das für ihr kommendes Amt oder Buchprojekt fehlende Fachwissen im Schnellverfahren zu erlangen. Doch beide wissen, dass ihre eigentliche Kompetenz auf einem ganz anderen Gebiet liegt: Der Gesundheitsminister muss keinen einzigen Patienten kurieren, wohl aber dafür sorgen, dass jeder Erkrankte eine angemessene Behandlung erhält. Der Dichter wiederum muss keinen einzigen Asylantrag verwalten, wohl aber in der Lage sein, eine fiktive Migrationsbiografie plausibel zu erzählen.

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Und noch etwas verbindet Politik und Literatur: die Abhängigkeit von der Gunst des Publikums. Der Entscheidungsträger wie auch der Dichter lebt von öffentlicher Wahrnehmung und Zustimmung. Anders als bei Ingenieuren, Winzern oder IT-Experten besteht also ein ganz erheblicher Anreiz, die zwischen Universalismus und Dilettantismus oszillierenden Ansichten auch offensiv zu Markte zu tragen.

Bei so vielen Gemeinsamkeiten besteht freilich auch ein markanter Unterschied. Der Politiker hat sich so dicht wie möglich an der Realität zu orientieren. Der Poet dagegen darf, ja soll sogar seinen literarischen Bezugsraum selbst erfinden. Die Novelle über das Migrationsschicksal ist gewissermaßen erlogen – freilich mit vollem Einverständnis des Publikums.

Vorteil für den Schriftsteller

An dieser Stelle wird Hörischs Untersuchung interessant, legt sie doch die Ursache für ein Ungleichgewicht zugunsten des Schriftstellers frei: In seinem poetischen Verständnis von Wirklichkeit steht ihm nämlich eine weitaus größere Bandbreite an Optionen zur Verfügung. Was der Dichter öffentlich erklärt, muss den Realitäts-Check kaum fürchten, er darf, ja soll sogar mutig drauflos sinnieren, schwadronieren, in die Zukunft spinnen. „Eng ist die Welt und das Gehirn ist weit“, heißt es in Schillers „Wallenstein“. Der Politiker ist in der „engen Welt“ gefangen, während der Poet aus der ganzen Weite der Fantasie schöpfen darf.

Die strukturelle Nähe mit Vorteilen für die Dichtkunst ist der Grund, warum der Begriff „Intellektueller“ bei Literaten besonders nachhaltig verfangen konnte. Und vielleicht spielte dabei auch der Zufall eine Rolle dergestalt, dass es in Emile Zolá tatsächlich ein Schriftsteller war, der im Zuge der Dreyfus-Affäre zum ersten Vertreter dieses Typus aufsteigen konnte.

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Der Hauptmann Alfred Dreyfus war Ende des 19. Jahrhunderts Opfer einer antisemitischen Verschwörung geworden. Dass Jahre nach seiner unberechtigten Verurteilung das Gerichtsverfahren wieder aufgenommen wurde, hatte er Zolás öffentlichem Appell zu verdanken: Der Schriftsteller lag mit seinem Verdacht richtig und deckte damit einen der größten Skandale in der französischen Geschichte auf.

Gelang ihm das, weil er als Dichter und „Intellektueller“ über einen sechsten Sinn verfügte? Wohl kaum. Vielmehr, schreibt Hörisch, habe Zolá „schlicht recht gehabt“: Die statistische Wahrscheinlichkeit lege nun mal nahe, dass neben all den vielen Fällen von Fehldiagnosen gelegentlich auch eine korrekte Einschätzung vorkommt.

Kein leuchtendes Vorbild

Nein, Dichter verfügen über keine höhere politische Kompetenz als Handwerker, Lehrer oder Landwirte. Sie stehen nicht einmal besonders verlässlich auf dem Boden unserer Verfassung, insofern als das Erschaffen von Literatur ganz und gar nicht demokratischen Prinzipien folgt.

Und selbst in moralischer Hinsicht taugen sie kaum zum leuchtenden Vorbild für eine ganze Gesellschaft. In aller Regel, schreibt Hörisch, seien Schriftsteller „noch egomanischer, egozentrischer, narzisstischer, gestörter, rücksichtsloser“ als die durchschnittliche Bevölkerung. Wären sie es nicht, wollte man ihre Bücher gar nicht erst lesen.

Wenn also demnächst wieder Romanautoren offene Briefe an die Regierung lancieren, so ist es ihr gutes Recht und Ausweis einer funktionierenden Öffentlichkeit. Der Leser sollte sich bei der Lektüre aber stets darüber im Klaren sein: „Dichter können und dürfen sich um Kopf und Kragen reden.“