Theater, Kinos, Frisöre, Baumärkte, Kletterhallen, Thermen, Fußballstadien, Kneipen. Orte, an denen wir einst unsere Zeit verbrachten, um uns zu unterhalten, abzulenken, unseren Körper zu stählen, unseren Geist zu betäuben, Geld auszugeben oder Zeit totzuschlagen. Orte, die es derzeit nur in der Vergangenheitsform gibt. Im Präsens sind wir zurückgeworfen auf unsere vier Wände, hauptsächlich. Und aus denen müssen wir manchmal fliehen, sonst werden wir bekloppt. Doch wie? Und wohin?

Rausgehen statt ausgehen

Ich möchte heute über das Spazierengehen schreiben (von italienisch „spaziare“: sich ausbreiten, umherschweifen). Auch dieser Text wird ein Spaziergang sein, durch die Geschichte und Gegenwart einer – ja, was denn: Kulturtechnik? – die wir neu entdecken im Lockdown (falsches Wort eigentlich, im Englischen bedeutet es „Ausgangssperre“, die bei uns nur nachts gilt, aber wer bitte geht nachts spazieren?). Rausgehen statt ausgehen. Im Kreis spazieren statt irgendwo hin hetzen.

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„Ich ging im Walde so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“ Goethe. Zu seiner Zeit erreichte die Spazierfreude das Bürgertum, zuvor wandelten nur Adlige durch eigens dafür geschaffene Lustgärten und Parks. Alle anderen schufteten ums Überleben. Erst das Konzept der Freizeit schaffte Gelegenheiten, diese freie Zeit frei zu füllen. Waldluft und Sonne waren eine Abwechslung zu klammen Wohnungen in rauchigen Städten.

Heute entdecken wir es wieder, das scheinbar spießige „so für uns hin gehen“ – und es fällt uns wahnsinnig schwer. Weil es keinen Zweck erfüllt, uns nicht optimiert, zu keinen Erfolgen führt. Goethe kannte das Wort „Freizeitstress“ noch nicht, er ging einfach mal los. Heute begegnet man im Wald Outdoor-Mode-Trägern mit Nordic-Walking-Stöcken im Stechschritt und mit verbissenem Blick: Wo verdammt ist das Ziel? Oder Kopfhörer-Trägern, die durch Spotify-Playlisten wischen, um sich von all den immer gleichen Bäumen abzulenken, und die dabei über Wurzeln stolpern.

Der Weg ist das Ziel

Spazieren ist eben nicht dasselbe wie Wandern, Joggen, Flanieren, Marschieren oder Bummeln. Es geht nicht darum, Strecke zu machen, den Weg mit einem Zweck zu verbinden (Kalorien verbrennen, Zeug kaufen) oder ein Ziel zu erreichen. Der Weg ist das Ziel. Das Spazieren ist der Zweck.

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Lucius Burckhardt, Begründer der Promenadologie (“Spazierwissenschaft“) hat erkannt: Beim Spazieren nehmen wir bewusst die Umwelt wahr, die wir da durchschreiten, und sind gleichzeitig so konzentriert (also: nicht abgelenkt von irgendwas), dass wir uns dieses Wahrnehmens selbst bewusst werden und darüber reflektieren können.

Auf den Moment gerichtet

Spazieren führt uns also nirgendwo hin, aber ganz zu uns selbst. Es ist nicht auf ein Ziel gerichtet, sondern auf den Moment. Wer sich darauf einlässt, gerät in einen „Flow“: hellwach und absichtslos im Hier und Jetzt sein. Es ist ein Zustand, der uns so glücklich machen kann wie kaum etwas sonst, weil wir endlich mal wir selbst sind, und keine Projektionsflächen für Erwartungen, Ansprüche oder Wünsche.

Jetzt sind wir also von Goethe bis zum heute so oft (und oft so falsch) verwendeten Modewort der Achtsamkeit (englisch: „mindfulness“) spaziert. Von hier aus könnten wir weiterschlendern zu Meditationstechniken, Buddhismus, Psychotherapie, Kapitalismuskritik und Instagram-Schelte. Oder es lassen. Schau, da drüben, eine Bank. Wir könnten uns ein Weilchen hinsetzen. Hörst du den Wind in den Bäumen?