Es ist trauriger Jahrestag. Am 27. Januar 2020 wurde in Deutschland Patient 1 diagnostiziert. Covid-19, diese neue ansteckende Krankheit aus China. Was die zwei folgenden Jahre bringen würde, davon konnte sich niemand ein Bild machen. Heute wissen wir es (vermeintlich) besser, und unser kollektives Bildgedächtnis hat sich mit uns, mit unseren Lebensumständen, mit unserer Gesellschaft, unserer Welt geändert.

Corona markiert auch deshalb einen Wendepunkt, weil es das erste globale Ereignis ist, das gleichermaßen alle Menschen betrifft und von so gut wie allen Menschen in Bildern festgehalten wird. Und weil Corona der Echtzeit-Kommunikation über Bilder, seien es Livestreams, Videotelefonate oder Social-Media-Timelines, zum letzten Durchbruch verholfen hat. Corona und die Bilder – eine Annährung in sechs Schritten.

Ein ikonisches Bild der Pandemie: der Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen.
Ein ikonisches Bild der Pandemie: der Grenzzaun zwischen Konstanz und Kreuzlingen. | Bild: Felix Kästle/dpa

1. Bilder der Katastrophe

Corona hat ein eigenes Bildrepertoire hervorgebracht. Es sind Bilder dabei, die ikonisch werden, so wie die der Armeelastwagen voller Särge in Norditalien, die des Doppelzauns zwischen Konstanz und Kreuzlingen, die der entsetzlich erschöpften Pfleger hinter ihren Masken. Aber auch die grafischen Darstellungen des stacheligen Virus gehören dazu. Wir werden diese Bilder ansehen und sagen: Das war während Corona.

Und dann gibt es die verlorenen Bilder, die während dieser Zeiten nicht entstehen. Das ungezwungen-fröhliche Gruppenbild von der Einschulung, der Schnappschuss aus dem Oktoberfestzelt, die große Familienrunde zu Weihnachten. So ist Corona ein Medienereignis durch Bilder, die neu entstehen, und genauso durch Bilder, die es erst mal nicht mehr gibt.

Aus fern wird nah: Ein Bewohner einer Einrichtung für Betreutes Wohnen gibt mit seiner Posaune das Startsignal für die wöchentliche ...
Aus fern wird nah: Ein Bewohner einer Einrichtung für Betreutes Wohnen gibt mit seiner Posaune das Startsignal für die wöchentliche Sportübung. | Bild: Jens Büttner

2. Aus fern wird nah

Bilder hatten immer auch den Zweck, das Ferne in die Nähe zu holen und das Abwesende anwesend zu machen. Doch während bisher das Teleobjektiv die Entfernung überbrückt und die Perspektive dichter gemacht hat, ist es jetzt das Weitwinkelobjektiv der Webcam oder des Handys. Diese kleinen (und leider oft so schlechten) Linsen schaffen ausgerechnet mit ihren verzerrenden Bildwinkeln jene Nähe, die uns sonst so sehr fehlt.

Zugleich hat Corona gezeigt, wie das Nahe, das täglich Sichtbare, plötzlich in fast unerreichbare Ferne rücken kann. Die Cafeteria im Pflegeheim der Oma, das Schweizer Ufer des Hochrheins, die Wohnung der Nachbarn. Dieses neue Erleben von fern und nah hat eine neue Kategorie Bilder geschaffen. Bilder der Sehnsucht könnte man sie nennen.

Und plötzlich sitzen da nur noch Pappkameraden im Publikum: Für viele Kreative bedeutete die Pandemie eine existenzielle Herausforderung.
Und plötzlich sitzen da nur noch Pappkameraden im Publikum: Für viele Kreative bedeutete die Pandemie eine existenzielle Herausforderung. | Bild: Gerald Matzka/dpa

3. Kreativität und Krise

Krise und Kreativität hatten seit jeher eine besondere Beziehung (oder diese wurde ihnen nachgesagt). Doch durch Corona hat auch dieses Wechselspiel eine neue Dimension erhalten. Nicht mehr die individuelle Krise setzt kreative Kräfte frei oder trägt gar zur, was immer das sein mag, persönlichen Läuterung bei.

Zu fragen ist, ob und wie die gemeinsam durchlittene Krise eine gemeinsame, eine gemeinschaftliche oder zahllose ganz persönliche Antworten hervorbringt. Doch um wenigstens darüber zu sprechen, bräuchte es ein Forum. Der Zoom-Konferenzen müde und mit der Organisation des Alltags belastet, fällt das schon für alle schwer genug. Man will gar nicht ermessen, wie sich die Krise auf Künstler auswirkt, die ums Überleben kämpfen müssen – abgeschnitten von Engagement und Geld, von Publikum und Diskursen.

Die analoge Fotografie ist wieder im Kommen.
Die analoge Fotografie ist wieder im Kommen. | Bild: Mascha Brichta/dpa

4. Zurück zum Ursprung

Bei der Beschäftigung mit den Zusammenhängen zwischen Corona (was wir alle erleben) und Fotografie (was wir alle ständig machen, meist mit unseren Handys) fällt weiterhin auf, wie ambivalent das Verhältnis zwischen analog und digital, zwischen Unikat und Klon geworden ist. Darauf reagieren viele Menschen instinktiv. Und sei es nur, dass uns während der quarantänebedingten Aufräumaktion der alte Fotoapparat wieder durch die Hände ging. Alle Branchenzahlen zeigen – in einem frappierenden zeitlichen Zusammenhang mit der Corona-Krise – einen unerwarteten Aufschwung der längst überwunden geglaubten analogen Fotografie. Mit Apparaten, die in ihrer Zeitlosigkeit etwas Beruhigendes ausstrahlen. Und vielleicht ist es auch so, dass die Omnipräsenz der Bilder doch auch die Neugier darauf weckt, wie das früher eigentlich war.

Nur ein kleiner Piks, doch für manchen ein schmerzhafter Einstich: Eine Frau in La Paz erhält eine Corona-Schutzimpfung.
Nur ein kleiner Piks, doch für manchen ein schmerzhafter Einstich: Eine Frau in La Paz erhält eine Corona-Schutzimpfung. | Bild: Juan Karita/AP/dpa

5. Wahrnehmung und Wirklichkeit

„Perception is reality“, „Wahrnehmung ist Wirklichkeit“, wird seit einigen Jahren behauptet, und die Wiederholung dieser Phrase macht sie nicht weniger töricht. Nehmen wir mal ein Foto. Es repräsentiert eine Wirklichkeit, wie sie die Person erlebt hat, die das Bild aufgenommen hat (und dafür ja einen Grund hatte). Zugleich schafft es eine Wahrnehmung bei den Personen, die es betrachten. Und zwischen diesen beiden Bezügen zum Bild besteht ja wohl ein Unterschied.

Fotografie ist das Medium dafür, es zeigt die Welt und verändert sie schon im Moment der Publikation (also des Teilens). Corona lehrt uns, wie wichtig es ist, mit solchen Medien verantwortungsvoll umzugehen, ob als Erschaffender oder als Betrachtender. Soll ein Bild eine Botschaft transportieren, eine Stimmung erzeugen? Welche Bilder wollen wir zeigen und sehen: Impflinge mit schmerzverzerrtem Gesicht, weil die Nadel kurz piekst, oder Impflinge mit dem Ausdruck der Erleichterung und der Dankbarkeit? Das alles in Verbindung mit absichtlichen Fälschungen und bewusster Desinformation wirft die Frage auf, wie es mit unserem Vertrauen in Bilder in fünf oder fünfzig Jahren bestellt sein mag.

Zwischen Ahnung und Meinung: Auch das Verhältnis des Bürgers zu seinem Staat hat sich durch Corona gewandelt.
Zwischen Ahnung und Meinung: Auch das Verhältnis des Bürgers zu seinem Staat hat sich durch Corona gewandelt. | Bild: Felix Kästle/dpa

6. Individuum und Gesellschaft

Es ist keineswegs überraschend, dass das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft – und, ja, auch das zwischen Bürger und Staat – in diesen Zeiten neu hinterfragt wird. Das vollzieht sich unter bisher beispiellosen Umständen, in denen jede und jeder ihr oder sein eigenes Sprachrohr ist. Die so genannte Demokratisierung der Medien hat eine Büchse der Pandora geöffnet, aus der lauter Filterblasen emporsteigen. Das vollzieht sich meist in einem charakteristischen Ungleichgewicht zwischen Ahnung und Meinung, und die eigene Haltung (so aufrecht oder so schräg auch immer) soll dann plötzlich gleichwertig sein mit Erkenntnis, die aus einem wissenschaftlichen Prozess entstammt.

Vielleicht liegt es also nicht nur am Fehlen anderer Motive, dass sich so viele Menschen unablässig nur noch selbst fotografieren. Weil sie sich so ungeheuer wichtig nehmen, gerade in diesen virenverseuchten Zeiten.

Corona und die Bilder: Wir alle sind Teil des Mechanismus, wenn wir Fotos machen, weitergeben, ansehen. Wie genau sich Covid-19 und die kulturelle Praxis des Fotografierens sich gegenseitig beeinflussen, werden wir erst sehen, wenn wir mit Abstand auf die Pandemie und ihre Bilder schauen können. Schon jetzt gibt es zu viele Bilder, die uns schon beim Aufnehmen oder dann beim Ansehen die sichere Empfindung vermitteln, das sei jetzt ein typisches Corona-Bild. Hoffentlich ist das bald vorbei.

Jörg-Peter Rau kam vor 33 Jahren über das Fotografieren zur Zeitung, studierte in Kunstgeschichte die Wirkung von Bildern und hat sich seine Faszination dafür auch als aktiver Fotograf und Autor bis heute erhalten.