Ein Wunder, dass wir trotz geschlossener Theater noch nicht verhungert sind. Ein „Lebensmittel“ sei die Kultur, wird Kulturstaatsministerin Monika Grütters nicht müde zu betonen. Einen „Hunger nach Kunst“ hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ausgemacht. Und auch der Intendant des Berliner Konzerthauses beklagt, wie sehr das „Nahrungsmittel“ Kultur fehle. Es hört sich an, als ergreife kollektives Bauchweh das Land.

Kulturbanausen beginnen angesichts dieser kulinarischen Ausführungen zu verstehen. Deshalb also gehen sonst alle ständig in die Theater und Museen: weil es was zu essen gibt!

Tatsächlich haben Schnittchen und Gratis-Sekt schon bei so mancher Ausstellungseröffnung über die ästhetischen Zumutungen an der Wand hinweggetröstet. Das aber ist mit „Hunger“ wohl nicht gemeint. Woher kommt also dieser merkwürdige Drang, den Wert von Kunst ausgerechnet mit unserem Verdauungsapparat zu begründen?

In der Weimarer Klassik könnte man sich den Ursprung einer solchen Metapher durchaus vorstellen. Schiller zum Beispiel war für pathetischen Schwulst leicht zu haben. Aber nein: Ist von Kunst die Rede, so denkt er an eine „Tochter der Freiheit“. Nicht an Mettwurst.

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Bei Goethe lesen wir: „Und frische Nahrung, neues Blut saug‘ ich aus freyer Welt.“ Aha! Nuckelt da etwa jemand genüsslich einen echten Rembrandt weg? Nein, auch hier Fehlalarm: Denn nicht um Kunst geht es in dieser „freyen Welt“, sondern um Natur, „die mich am Busen hält“. Die Kunst dagegen hält er für die „Vermittlerin des Unaussprechlichen“ und fügt hinzu: „darum scheint es eine Torheit, sie wieder durch Worte vermitteln zu wollen.“ Zumal, wenn diese Worte nach McDonalds klingen.

Kulinarischer als bei Jean Paul wird es in der Goethe-Zeit nirgends. „Kunst ist zwar nicht das Brot, wohl aber der Wein des Lebens“, sagt er. Zum knurrenden Magen liefert die Kunst also höchstens noch einen brummenden Schädel: Das dürfte den mampffreudigen, hungerleidenden Kulturfreund unserer Tage kaum befriedigen.

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Gegessen wird Kunst erst, seit der Mensch sich um tatsächlichen Hunger keine Gedanken mehr machen muss. Gottfried Benn ruft in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts angesichts der Meisterwerke Dürers, Bachs und Schillers aus: „Diese Nahrung, diese Lebensströme!“ Bundespräsident Richard von Weizsäcker erklärt rund 30 Jahre später: „Kunst hat oft der Seele Nahrung gegeben.“ Und sein Amtsnachfolger Johannes Rau spricht von der „Hefe im Teig“.

Im deutschen Feuilleton gibt es da bereits kein Halten mehr. Landauf, landab bejubeln Kunst- und Musikkritiker künstlerische Leistungen als „Augen-“ oder „Ohrenschmaus“, Mozarts Jupitersinfonie wird am Konzertabend nicht mehr gespielt, sondern „kredenzt“, und die Chopin-Etüde zum Schluss gibt es statt als Zugabe „zum Dessert“. Wohin man auch blickt: Es wird geschlemmt, geschlabbert und geschlürft, dass es nur so spritzt. Man kommt kaum noch dazu, sich ein Lätzchen umzubinden.

Erst kommt das Fressen, dann die Moral, heißt es bei Brecht. Kein Wunder also, dass nach dieser Völlerei ein Tugendwahn um sich greift. Mit den Gaumenfreuden ist es erst mal vorbei, und vielleicht hat diese Diät ja sogar reinigende Wirkung. Man muss Kultur nämlich gar nicht fressen. Sie zu hören oder zu sehen ist auch ganz schön.