Huch, was war denn das? Skurrile Szene im „heute-journal„ am Freitag vergangener Woche: Claus Kleber ist gerade dabei, einen Beitrag anzukündigen, da nähert sich von links ein Mann in blauem Schutzanzug. „Man muss lernen, mit sowas umzugehen“ hören wir: „Ein echter Busfahrer lässt den Kopf nicht hängen!“

Plötzlich beim „heute journal“ am Freitag vergangener Woche: Hinter Moderator Claus Kleber taucht eine Person in blauer Schutzkleidung und mit roten Gummihandschuhen auf. Es handelt sich um eine Aktion des Künstlers Christian Jankowski.
Plötzlich beim „heute journal“ am Freitag vergangener Woche: Hinter Moderator Claus Kleber taucht eine Person in blauer Schutzkleidung und mit roten Gummihandschuhen auf. Es handelt sich um eine Aktion des Künstlers Christian Jankowski. | Bild: ZDF/dpa

„Komische Störungen“

Ein Busfahrer? Soll den Kopf nicht hängen lassen? Nun ja, murmelt Kleber später scheinbar konsterniert. In seiner Anmoderation müsse es wohl „so komische Störungen“ gegeben haben. Das sehe „irgendwie nach Kunst aus“. Spätestens mit der Hinzufügung, die Kollegen von der Kultursendung „aspekte“ würden das aufklären – „da bin ich sicher“ -, ist klar: Das sieht nicht nur nach Kunst aus, es soll auch Kunst sein.

Eine Ästhetik, die Bezug nimmt auf die Guerillamethode von Aktivisten wie Pussy Riot oder dem Zentrum für politische Schönheit. Um die „Helden der Coronakrise“ sei es bei der Aktion gegangen, heißt es später. Man habe sie ehren wollen. Eine gelungene Performance?

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Vor zwei Jahrzehnten ist Guerillakunst noch gewesen, was sie sein wollte: ein öffentliches Ärgernis. Das hat sich grundlegend gewandelt. Wer heute etwa ein Werk des Streetartkünstlers Banksy an seiner Hauswand findet, wird sich hüten, den Fassadenreiniger zu rufen. Lieber die Immobilie versteigern und mit dem Gewinn doppelt so groß neu bauen!

Ein Graffiti des Künstlers Banksy an der Wand einer Garage in Port Talbot.
Ein Graffiti des Künstlers Banksy an der Wand einer Garage in Port Talbot. | Bild: BEN BIRCHALL

Unter dem Namen „Barbara“ versieht eine weitere Akteurin regelmäßig den öffentlichen Raum mit viel beachteten Botschaften. Wie bei Banksy ist nicht klar, ob die dahinter verborgene Person männlich oder weiblich ist, ja, ob es sich vielleicht sogar um ein ganzes Kollektiv handelt. Nur eins steht außer Frage: Statt Räumdiensten und empörten Spießbürgern gibt es Auszeichnungen und Bestsellererfolge.

In Bremen hat jetzt ein (noch!) anonymer Guerillakünstler über Nacht sogar eine ganze Skulptur abgestellt. Die Aktion löste die erwartete hektische Betriebsamkeit aus, schon gleich nach Entdeckung wurden Bauzäune errichtet: nicht etwa, um die nicht bestellte Lieferung wieder zu beseitigen. Nein, man sorgt sich um ihre Standfestigkeit!

Wer hat diesen Bronzemann erschaffen? In Bremen rätselt man seit seinem Auftauchen Ende Mai.
Wer hat diesen Bronzemann erschaffen? In Bremen rätselt man seit seinem Auftauchen Ende Mai. | Bild: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Guerilla bedeutet so viel wie „Kleinkrieg“. Was aber ist das noch für ein Kleinkrieg, wenn die schönsten Angriffe vom potenziellen Gegner eingezäunt, öffentlich gepriesen und vermarktet werden?

Der Aktionskünstler Christian Jankowski zog einst zur „Rebellion gegen die moderne Gesellschaft“ mit Pfeil und Bogen in den Supermarkt, wo er vor den Augen verdutzter Angestellter seine Beute aus dem Regal schoss. Heute ist er international erfolgreich und lässt sich vom heute-journal einladen: Die Rebellion ist nur Kasperletheater, der scheinbar verdutzte Moderator in Wahrheit längst im Bilde, und die Botschaft so konsensfähig, dass es zum Gähnen ist. Ein halbes Jahr nach dem Balkon-Applaus für sogenannte Coronahelden klatscht auch die Kunst noch mal hinterher. Derweil feiert sich eine Nachrichtensendung als Kunstförderer.

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Werke, die tatsächlich in der Lage wären, uns aus der Fassung zu bringen, werden so eifrig aus dem öffentlichen Raum verbannt wie eh und je: Da reicht schon ein Achtzeiler über Alleen, Blumen und Frauen, wie zuletzt der Dichter Eugen Gomringer erfahren durfte. Künstler mit Lust am Kleinkrieg sind wohl gelitten. Solange sie nur mit Platzpatronen schießen.

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