Zehnmal Sex auf der Bühne! Es bedarf nur wenig Fantasie, um den Skandal zu erahnen, den Arthur Schnitzler mit seinem Bühnenstück „Reigen“ in den 1920er-Jahren auslöste. Als „Pornograph“ und „jüdischer Schweineliterat“ wurde er beschimpft, seine „Bordellprologe“, hieß es, machten aus dem Theater als Haus der Freude ein Freudenhaus.

Nach diversen Gerichtsprozessen und Aufführungsverboten warf schließlich der Autor selbst das Handtuch: Seinen Verlag wies er an, keine weiteren Aufführungen mehr zu genehmigen. Erst seit 1982 wird das Stück wieder gespielt, ganz aktuell im Zürcher Schauspielhaus. Und niemand schreit mehr auf.

Alles nur Andeutungen

Denn erstens gilt Sexualität längst als tabubefreite Zone. Zweitens ist der Koitus in Schnitzlers Werk ja stets nur angedeutet. Und drittens hat sich inzwischen herumgesprochen, dass statt Pornografie vielmehr das exakte Gegenteil zu sehen ist: von Trieb und Sehnsucht gepeinigte statt berauschte Figuren.

Man hat die Abfolge von zehn Szenen sogar schon mit dem mittelalterlichen Totentanz verglichen. In seinem vergeblichen Bemühen um Erfüllung aller Begierden tanzt der reiche Herr im Gleichschritt mit der armen Dirne dem Abgrund entgegen.

Die Tragik ist geblieben, die Bilder haben sich gewandelt. Regisseurin Yana Ross hat deshalb zehn Autoren aus aller Welt gebeten, Schnitzlers Episoden aus heutiger Sicht neu zu erzählen: An welchen Machtverhältnissen, Konventionen und Täuschungen scheitern menschliche Begierden 100 Jahre nach Schnitzlers Skandal-“Reigen“?

So totentanzen sich die Unglückspärchen unserer Gegenwart im Ambiente eines mondänen Restaurants (Bühne: Márton Ágh) durch Themen wie MeToo, digitale Welt und Einsamkeit. Sogar der Ukraine-Krieg findet in diesem Kontext Erwähnung.

Da lässt sich die Pizza-Lieferantin auf die Avancen eines Kunden ein, setzt sich zu ihm in die Wohnung, mal schauen, was sich da so entwickeln kann. Seine Computerkenntnisse zeugen von Verstand, seine unbeholfene Art von Schüchternheit, so jedenfalls der erste Eindruck. Doch bald wird klar: Die technische Expertise dient nicht der Aufklärung, sondern rechtsradikaler Online-Propaganda. Und was schüchtern wirkt, ist in Wahrheit nur Mangel an Sozialkompetenz.

Arthur Schnitzler (1862-1931) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der österreichischen Literatur.
Arthur Schnitzler (1862-1931) zählt zu den bedeutendsten Vertretern der österreichischen Literatur. | Bild: dpa

In einem Gerichtsprozess muss sich „Herr Alfred“, ein erfolgreicher Sänger, Moderator und Schauspieler, wegen mutmaßlicher Vergewaltigung einer Bediensteten verantworten. Doch es dauert nicht lange, da scheinen sich die Rollen umzukehren: Verantworten muss sich bald die Klägerin statt des Beklagten.

Während Alfred wortreich für jeden Verdachtspunkt eine schlüssige Erklärung zu liefern versteht, gerät die junge Frau mehr und mehr in den Verdacht, aus dem einvernehmlichen Akt bloß einen finanziellen Vorteil ziehen zu wollen. Warum sonst hat sie damals nicht einmal das schlichte Wort „Nein“ über die Lippen gebracht?

Szene aus dem „Reigen“: Lena Schwarz und Yodit Tarikwa.
Szene aus dem „Reigen“: Lena Schwarz und Yodit Tarikwa. | Bild: Lucie Jansch/Schauspielhaus Zürich

Was plakativ klingt, ist durchaus raffiniert gestrickt, denn wer der Täter ist und wer das Opfer, bleibt offen. Es könne sein, so erklärt die Richterin, dass beide Versionen ein und desselben Vorgangs aus jeweils unterschiedlicher Perspektive gleichermaßen richtig seien. „Darin liegt die Tragik unserer Existenz: Wir sind alle davon überzeugt, dass unsere Sicht der Dinge die einzig wahre ist.“

Wir erleben Eltern im Erziehungsstress, Mütter, die in heimlichen Fantasien ihre nervtötenden Blagen mit Maschinengewehren niederballern und mit Kettensägen zerteilen. Und wir sehen Künstlerpaare, die nicht mehr wissen, als was sie einander eigentlich lieben sollen: als Mann und Frau oder als Schauspielerin und Regisseur.

Sexualität als Randaspekt

Um Sexualität geht es dabei oft nur am Rande, wie auch Schnitzlers literarische Vorlage allenfalls als Streiflicht hier und da noch auftaucht. Das gilt insbesondere für Mikhail Durnenkovs Beitrag, der gleichwohl einen Höhepunkt dieses Abends markiert.

Zu sehen ist der vergebliche Versuch eines jungen russischen Autors, seine Eltern im Video-Telefonat über die wahren Hintergründe der „militärischen Spezialoperation“ aufzuklären. Welche Worte er auch wählt: Im russischen Wohnzimmer löst sich jede Botschaft, jedes Argument in Fatalismus, Obrigkeitsdenken und Selbstmitleid auf.

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Bei Schnitzler ergeben zehn Szenen ein konsistentes Gebilde. Bei Regisseurin Ross dagegen zerfallen die vielfältigen Beiträge unterschiedlicher Autoren zwangsläufig in ein wildes Sammelsurium von Stilformen und Ideen. Die dabei zutage tretende Spannbreite literarischer Qualität – von unterirdisch bis großartig ist alles dabei – erweist sich als Problem und Glücksfall zugleich.

Selbst der dürftigste Text hält nämlich immerhin die Gewissheit bereit, dass mehr als eine Viertelstunde nicht zu überstehen ist – und die Hoffnung, dass die darauffolgende Szene besser wird. Dieser Umstand und überdies die schauspielerischen Leistungen machen aus dem neuen „Reigen“ einen zwar etwas chaotisch anmutenden, insgesamt aber leidlich unterhaltsamen Theaterabend.

Weitere Vorstellungen gibt es am 23., 24. und 30. September 2022 im Zürcher Pfauen. Acht weitere Vorstellungen stehen im Oktober auf dem Spielplan. Informationen finden Sie hier.