Dass er für alle Welt immer und zuallererst James Bond war, damit musste er leben und damit ist er gestorben. Die Rolle des britischen Geheimagenten beförderte Sean Connery in den 1960-Jahren vom Nobody zum Superstar und öffnete ihm den Weg ins Charakterfach. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite hat ihn Bond oft genervt und gedrückt, er fühlte sich in seinem geschätzten Beruf als Schauspieler fast beleidigend unterbewertet. Die lange Karriere des Schotten, der nicht zuletzt mit einer großen Portion keltischer Sturheit zu einem der größten Filmstars wurde, verlief im Spannungsfeld zwischen künstlerischem Anspruch und den Verlockungen der ganz großen Gagen. Im Alter von 90 Jahren ist Connery in Nassau, Hauptstadt der Bahamas, gestorben. Das teilte der britische Sender BBC unter Berufung auf seine Familie mit.

Rolle des Bond als Last und Privileg zugleich

Schon 1964, während der Dreharbeiten zu „Goldfinger“, dem dritten 007, zeigte sich Sean Connery im Gespräch mit dem Filmjournalisten Erich Kocian vom Riesenhype um Bond äußerst irritiert. „Es ist schrecklich“, klagte er. „Sogar Journalisten reden mich bei Interviews mit Mr. Bond an, und als ich mal der Königin vorgestellt wurde, redete sie mich auch mit Bond an. Manchmal bekomme ich richtig Angst.“ Zwei Jahre später, als er im bond-verrückten Japan bei den Dreharbeiten zu „Man lebt nur zweimal“ nicht mal mehr unbeobachtet die Toilette aufsuchen konnte, war er nur noch grummelig und dauergenervt. Connery über die Ambivalenz der Bond-Rolle: „Sie ist eine Last, ein Privileg, ein Scherz, eine Herausforderung und zudringlich wie ein Albtraum.“

Schauspielerin Honor Blackman, bekannt durch den James Bond Film Goldfinger sitzt neben Sean Connery.
Schauspielerin Honor Blackman, bekannt durch den James Bond Film Goldfinger sitzt neben Sean Connery. | Bild: dpa

Als Gegengift suchte der schottische Charakterkopf schon früh die Zusammenarbeit mit namhaften Regisseuren bei ganz anderen Stoffen, etwa mit Alfred Hitchcock („Marnie“, 1964) oder Sidney Lumet („The Hill“, 1965). Den krassesten Kontrast allerdings lieferte er Anfang der 1970-er ab – gewollt, kalkuliert und vertraglich abgesichert. Erst gewährte er für „Diamantenfieber“ (1971) sein von Publikum und Produzenten erflehtes Comeback als Agent 007, dann war er in Sidney Lumets deprimierenden Psycho-Stück „The Offence“ ein grauer, verbrauchter Polizeiinspektor, den die Erinnerungen an die gesehenen Grausamkeiten zugrunde richten. Luftballonbuntes Actionspektakel und düsteres Kammerspiel – Connery hatte seine helle Freude an diesem doppelten Spiel. Fast unnötig zu erwähnen, dass „Diamantenfieber“ selbstverständlich ein weltweiter Hit wurde und „The Offence“ heute so gut wie vergessen ist.

Im Dienste seiner Majestät

Auf jeden Fall ist und bleibt der Ur-Bond das Maß aller Bonds. „Fast so gut wie Connery“ ist das höchste Kompliment, auf das seine fünf Nachfolger hoffen durften. So gut wie Connery war keiner. Filmproduzentin Barbara Broccoli, die das milliardenschwere Bond-Geschäft vom legendären Albert R. Broccoli geerbt hat, beschrieb sehr schön Connerys Einsätze mit der Lizenz zu Töten: „Roh, sexy, raubtierhaft. Aber auch sophisticated und elegant.“ Und weiter: „Er verkörperte am stärksten Bonds drängendes, obsessives, intensives Lebensgefühl: im einzelnen Moment zu leben, alles mitzunehmen und zu genießen, weil in seinem Job jeder Augenblick der letzte sein kann. Er öffnet eine Flasche Champagner, fällt mit einer Schönheit ins Bett und erschießt in der nächsten Sekunde seinen Widersacher. Connery konnte das so spielen, als geschehe alles gleichzeitig.“ Der ausdauernde Einsatz im Dienste Ihrer Majestät wurde schließlich auch hochherrschaftlich belohnt: Im Jahr 2000 erhob ihn Elisabeth II. zum Knight Bachelor. Seitdem war er Sir Sean Connery.

Sir Sean Connery mit seiner Frau Micheline, nachdem er von der Queen im Palace of Holyroodhouse in Edinburgh förmlich zum Ritter ...
Sir Sean Connery mit seiner Frau Micheline, nachdem er von der Queen im Palace of Holyroodhouse in Edinburgh förmlich zum Ritter geschlagen wurde. | Bild: David Cheskin/dpa

Sieben Abenteuer

Die alten Freunde erkannte man daran, dass sie ihn Tommy nennen durften. Denn eigentlich hieß er Thomas Connery, und er entstammte keinesfalls dem Wolkenkuckucksheim. Daheim in Edinburgh musste er von Kindesbeinen an die Familienkasse füllen helfen, was ihm viele Jobs und viel Lebenserfahrung einbrachte. Er wusste also, was harte Arbeit ist, und darum wusste er auch durchaus zu schätzen, dass ihm sein Bond ein angenehmes Leben ermöglichte. Andererseits fühlte er sich oft ausgenutzt und – gemessen an den gigantischen Einspielergebnissen – kläglich unterbezahlt. Wenn es um Bond ging, pokerte Connery immer hoch. Zweimal stieg er aus, zweimal stieg er wieder ein, weshalb sein siebtes und letztes 007-Abenteuer – entstanden übrigens in erbitterter Konkurrenz zu Broccolis Original-Reihe – „Sag niemals nie“ (1984) betitelt wurde.

Sir Sean Connery in seiner Rolle als James Bond.
Sir Sean Connery in seiner Rolle als James Bond. | Bild: Gustav Unger/dpa

Ein herrlicher Held von Vorgestern

Neben und nach Bond war Sean Connery lange der prächtige alte Löwe des Abenteuerfilms. Seine Spezialität waren sperrige Heldengestalten im Abstieg, an denen der Glanz ruhmreicher Taten verwittert. Drehbuchautoren und Regisseure genossen den Vorteil, dass Connery diesen Glanz des Vergangenen schon an den Set mitbrachte und man zügig mit dem Abstieg beginnen konnte. So auch in seiner vielleicht schönsten Rolle, als Robin Hood in Richard Lesters „Robin und Marian“ (1976), dem Drama eines alternden Mannes, der für immer jugendlicher Held sein will. Connerys Spielfreude und Lebenslust in diesem Film sind mitreißend. Ein herrlicher Held von Vorgestern ist auch Berberfürst Raisuli in John Milius‘ „Der Wind und der Löwe“ (1975). Meisterhaft Connerys komödiantisches Doppel mit Harrison Ford als Professor Henry Jones Senior und Junior in Steven Spielbergs „Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ (1989). Für die Darstellung des irisch-aufrechten Polizisten Malone in Brian de Palmas „Die Unbestechlichen“ (1987) bekam er endlich einen Oscar. Gegen Ende seiner Karriere allerdings wurden die guten Rollen knapp. 2003 zog sich Sir Sean Connery aus dem Filmgeschäft zurück. Sein letzter Film war „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“. Am heutigen Samstag ist der Mann, der auch James Bond war, im Alter von 90 Jahren auf den Bahamas – wo er die letzten Jahre lebte und wo er einst zwei Bond-Filme gedreht hatte – gestorben.

Abseits der Leinwand

Sexsymbol: 1999 wurde Sean Connery, damals immerhin schon 69 Jahre alt, vom People Magazine zum „Sexiest Man of the Century“ gewählt.

Ehen: Er war zweimal verheiratet: mit seiner Kollegin Diane Cilento (von 1962 bis 1973) und mit der Malerin Micheline Roquebrune (seit 1975).

Schotte: Connery hat sich stets als schottischer Patriot bezeichnet. Mit eigenen Mitteln gründete er die Stiftung „Scottish International Educational Trust“, die Auslandsstipendien für talentierte Schotten vergibt. 2014 unterstützte er beim Referendum publikumswirksam Loslösung Schottlands von Großbritannien.

Leidenschaft: Connery liebte den Golfsport und ließ in seinen Verträgen regeln, dass er ihm auch während der Dreharbeiten frönen konnte. Angeblich ließ es sich von abgelegenen Drehorten regelmäßig zu Golfplätzen ausfliegen.

Wohnorte: Lange wohnte Sean Connery in einem imposanten ländlichen Anwesen an der südspanischen Küste. Zuletzt lebte er hauptsächlich auf den Bahamas nahe Nassau.

Nicht gespielt: Connery sollte den Zauberer Gandalf in den drei „Herr der Ringe“-Filmen darstellen, lehnte aber ab