Wer so einen Bundeskanzler ein paar Jahre lang bewusst erlebt, der wird ihn nie wieder los. Franz Beckenbauers „Schaun‘ mer mal“ ist aus dem Gedächtnis längt verblasst, da hallt noch immer Helmut Kohls „Mantel der Geschichte“ nach. Gerhard Schröder knarzt bis ans Ende aller Tage sein zigarrengeräuchertes „Also, ich sach‘ mal!“ in unsere Ohren. Und Angela Merkel teilt auf ewig mit, was sie für „richtig und wichtig“ erachtet.

Als „Scholzomat“ und „Teflon-Scholz“ wird der künftige Kanzler verspottet. Doch wer genau hinhört, erkennt den Sozialdemokraten alten Schlages.
Als „Scholzomat“ und „Teflon-Scholz“ wird der künftige Kanzler verspottet. Doch wer genau hinhört, erkennt den Sozialdemokraten alten Schlages. | Bild: Kay Nietfeld/dpa

Mit Präsentation des Koalitionsvertrags steht nun endlich fest: Der nächste Bundeskanzler heißt Olaf Scholz. Zeit also, sich seinen Duktus mal genauer anzuschauen. Was kommt da auf uns zu, welche Worte, welche Tonart wird uns fortan durch den Tag begleiten?

In Hamburg spricht man vom „Scholzomat“, in Berlin heißt der Mann „Teflon-Scholz“. Nein, für impulsive Gefühlsausbrüche ist er sicher nicht bekannt. Und doch, wer sich von der hanseatisch bedächtigen Tonlage vier ruhige Jahre verspricht, befindet sich auf dem Holzweg.

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Wer genau hinhört, stellt fest: Wo Scholz spricht, ist ständig was los. Das darf der Bürger angesichts der aktuellen Lage ja auch erwarten. In Ansprachen des künftigen Kanzlers wird jedenfalls gebracht, getragen und gestellt, nämlich – in dieser Reihenfolge – etwas „auf den Weg“ (genauer gesagt: „Weech“), eine „Sorge“ sowie „die entscheidende Weiche“. Vor allem aber gilt: anpacken, anpacken, anpacken!

Keine Frage, so tönt ein Sozialdemokrat des alten Schlags, ein Mann der Arbeiterklasse. Sprache schmiedet man in diesem Milieu noch auf dem Amboss statt am Schreibtisch, Blut, Schweiß und Tränen kleben an jedem Wort.

Streichquartett statt Heavy Metal

Allerdings klingen Forderungen nach „Respekt für die hart arbeitenden Menschen!“ aus dem Mund von „Scholzomat“ wie „Highway to hell“ als Streichquartett: Dieser Klassenkampf findet hörbar in gehobenerem Ambiente statt als auf der Straße. Und mögen die Worte des Kanzlers auch nach Kohle, Lehm und Motoröl riechen, er selbst wirkt stets wie aus dem Ei gepellt.

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Das passt gut in eine Zeit, deren Fußballer auch in der Verlängerung noch die vollständige Kontrolle über ihr Erscheinungsbild behalten. Etwas anpacken, darunter verstehen viele Bürger ja schon längst nicht mehr den beherzten Griff zu Spaten oder Axt. Es genügt ein zarter Fingerstrich über den Telefonbildschirm. Und vollbrachten unsere Ahnen ihre Heldentaten noch mit wuchtigen Schwerthieben, hebt heute ein schlichter Tweet die Welt aus den Angeln.

Vorbei sind deshalb die Zeiten, als deutsche Regierungschefs ihre ausländischen Gäste noch in rustikale Wirtshäuser zum pfälzischen Saumagen einluden oder auf Volksfesten „Hol‘ mir ma‘ ‚ne Flasche Bier sonst streik‘ ich hier!“ raunzten. Der Bundeskanzler des 21. Jahrhunderts ist sich jederzeit der Tatsache bewusst, dass der nächste Shitstorm nur einen Fettnapf entfernt liegt. Es soll schon Kanzlerkandidaten gegeben haben, die wegen ein paar Sekunden guter Laune zur falschen Zeit am falschen Ort ihre Wahlchancen beerdigen mussten.

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Zu laut, zu herzhaft gelacht, das kann jemandem wie Scholz nicht passieren. Er trägt lieber Sorge und bringt allerhand auf den Weg – noch mindestens vier Jahre lang.