Stehen uns wieder Goldene Zwanziger bevor, wie manche Psychologen glauben und viele Künstler hoffen? Vor hundert Jahren, so lautet ihre These, hatte schließlich schon einmal eine Pandemie den Kulturbetrieb lahmgelegt. Nach Jahren der Enthaltsamkeit sei das Bedürfnis nach gemeinschaftlichen Erlebnissen besonders groß gewesen. Vom „Bumerang-Effekt“ sprechen die Experten: Wird ein Verhalten unterdrückt, kommt es danach umso stärker zurück.

Leider leiden Analogien unter Altersschwäche. Je länger der Gegenstand eines Vergleichs zurückliegt, desto stärker hinkt dieser. Wer die in den Goldenen Zwanzigern explodierende Lebensfreude allein mit der Spanischen Grippe erklärt, übersieht Kleinigkeiten wie den Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise.

Das Grippevirus war deutlich gefährlicher, mangelnde Hygiene verschärfte die Situation zusätzlich. Und statt digitalen Unterrichts, Homeoffice und Kurzarbeit gab es für unsere Vorfahren nur vollständige Isolation, Bildungsrückstand, soziale Not.

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Kultur ist eben nicht nur eine Frage der Möglichkeiten, sondern auch der Gewöhnung. Das zeigt schon die ungleiche Publikumsverteilung des Kulturbetriebs: Wer mit klassischer Musik nicht schon als Kind in Berührung gekommen ist, findet später nur selten den Weg in den Konzertsaal. So mag zwar zutreffen, dass es die Partyszene nach überstandener Pandemie wieder krachen lässt. Ob aber ein junges Publikum, das sich gerade an Netflix auf dem Sofa gewöhnt, irgendwann wieder die Kinos stürmt, steht in den Sternen.

Wenn es für die Zeit nach der Krise überhaupt Erfreuliches zu erhoffen gibt, so gilt das allenfalls für den Qualitätsanspruch. Es ist kein Geheimnis, dass im üblichen Programm eines öffentlichen Kulturbetriebs jede Menge Durchschnittsware zu finden ist: Damit dürfte vorerst Schluss sein.

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Zwar wird so mancher Künstler bis zum Ende der Pandemie als Postbote oder Taxifahrer arbeiten. Von denjenigen aber, die bis dahin durchhalten, können wir nach einer historisch beispiellos intensiven Vorbereitungszeit Überwältigendes erwarten. Schließlich, so sagte der Lindauer Komponist Nikolaus Brass jüngst gegenüber dieser Zeitung, gehöre zur bitteren Wahrheit, dass viele Künstler jetzt besonders produktiv sein könnten. „Stille öffnet einen Raum der Kreativität.“

Heißt im Klartext: In Ateliers, Studios und an Schreibtischen wird zurzeit gearbeitet wie nie. Die Inspiration fließt nicht, nein, sie sprudelt geradezu. Bleibt nur zu hoffen, dass sich später noch genügend Menschen dafür interessieren.