Die Liebesehe ist eine schöne Erfindung, macht aber Arbeit. Sie steht auf schwankendem Boden. Ihre Basis ist das Ungewöhnlichste, was es zwischen Menschen gibt – reine Liebe. Krasser noch: Die Leidenschaft soll dauern, bis dass der Tod euch scheidet. Womit das Finden eines passenden Partners fast ein Ding der Unmöglichkeit wird. Zumal die Wahl niemand beeinflussen soll, weder die Familie noch wirtschaftliches Kalkül. So will es das Abendland. Was für ein Stress.

Jugendliche wollen wieder heiraten

Die Liebesheirat ist nicht für diese Welt geschaffen. Sie gründet auf Gefühlen, also außerhalb des Rechts. Vernunftehe geht einfacher. Dennoch erfreut sich die Liebesehe großer Beliebtheit. Laut Umfragen möchte die überwältigende Mehrheit der Jugendlichen später heiraten. Ehe für alle: Auch Menschen gleichen Geschlechts wünschen sich anscheinend nichts sehnlicher als die Überführung ihrer Leidenschaft in geordnete rechtliche Verhältnisse. Das ist sehr anständig. Aber auch ziemlich riskant.

Irgendwas passt nicht zusammen. Literatur, Film und Fernsehen sind voller Paare, die nach Überwindung aller Fährnisse am Ende glücklich zusammenfinden. Die Realität hingegen ist voller Paare, die sich glücklich auf dem Standesamt finden und danach wieder trennen. Ein wenig schizophren das Ganze, passt aber in unsere Zeit der Widersprüche.

Trotzdem ist Hoffnung. In Deutschland ist die Scheidungsrate seit 2005 deutlich gesunken. Allerdings nimmt die Zahl der Seitensprünge zu; das ist nicht zuletzt der Umtriebigkeit von Frauen jüngeren Datums zu verdanken. Ewige Treue sieht anders aus.

Ein frisch vermähltes Paar lässt weiße Tauben fliegen. Heiraten ist wieder in. Vielleicht auch wegen der Herausforderung, die die Ehe ...
Ein frisch vermähltes Paar lässt weiße Tauben fliegen. Heiraten ist wieder in. Vielleicht auch wegen der Herausforderung, die die Ehe mit sich bringt. | Bild: Rolf Vennenbernd

Im Kern ist die Ehe mehr dem Geschlechtlichen und Gefühlen verhaftet als dem Rechtlichen. Deshalb ist sie so zerbrechlich. Das Verlangen nach körperlicher Vereinigung war lange vor der Institution Ehe da. Aristoteles etwa kannte keinen rechtlichen Begriff für die eheliche Verbindung. Die abendländische Literatur beginnt sogar mit einem Ehebruch (in der „Ilias“). Die mittelalterlichen Kanoniker sahen das Sakrament der Ehe im ersten Beischlaf gestiftet. Ehe ist mehr an Sex als ans Recht gebunden. Gleichwohl soll sie die Gesellschaft stabilisieren.

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Die Ehe diente lange der Herrschaftssicherung, sie garantierte den Nachwuchs, sie war Grundlage bäuerlicher Produktionsgemeinschaften. Ihre vielfältigen Funktionen stärkten sie. Das Ehepaar konnte nicht einfach auseinanderlaufen. Erst seit dem späten 18. Jahrhundert, mit der Romantik und dem Genfer Jean-Jacques Rousseau, stützte sich die Ehe auf reine Zuneigung. Und war damit zutiefst bedroht. Denn Liebe kann man auch außer Haus finden. Der Ehebruch-Roman wurde Mode. Der bekannteste ist „Madame Bovary“ (1856). Verblüffend allerdings, wie sich Gustave Flaubert hier bereits über die Ehebrecherin mokiert. Sie denkt und fühlt in angelesenen Klischees – so, wie unser heutiges Liebesideal geprägt ist von Bildern der Unterhaltungsindustrie. Es ist, als blute echte Leidenschaft aus.

Bis die nächste Liebe ruft

In seinem Buch „Liebe als Passion“ schreibt der Soziologe Niklas Luhmann über die romantische Liebe: „Die Liebe entsteht wie aus dem Nichts, entsteht mit Hilfe von copierten Mustern, copierten Gefühlen, copierten Existenzen und mag dann in ihrem Scheitern genau dies bewusst machen.“

Love calls you by your name, once again, once again, wie es bei Lonard Cohen heißt. Die Liebe ruft dich bei deinem Namen, immer wieder. Erregend und schrecklich zugleich. Das Prinzip Wiederholung schafft ein neues Modell von Liebesehe. Das ist die serielle Monogamie. Man geht eine exklusive Partnerschaft ein und ist sich für eine gewisse Zeit treu. Bis die nächste Liebe ruft, once again. Ehe auf Zeit, praktisch das.

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Die Sache hat nur einen Haken: Es ist nicht sehr angenehm, zweite oder dritte Wahl zu sein. Alles, was sich wiederholt, wirkt schwach und schwächer. Die serielle Monogamie ist letztlich ein Täuschungsmanöver. Serielle Monogamie ist nichts anderes als Polygamie bei Muslimen, nur hintereinander. Zwar strebt niemand von vornherein eine Ehe auf Zeit an, und viele sind mit der zweiten Wahl durchaus zufrieden. Aber es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Irgendwas stimmt nicht. Man betrügt das abendländische Liebesideal, auf das man innerlich geeicht ist.

Die Liebesehe lebt nun mal aus ihrer Einmaligkeit, ihrer Dauerhaftigkeit und dem Ewigkeitsversprechen. In dieser ihrer Bedingungslosigkeit liegt eine andere wilde Kraft, keine sexuelle, sondern eine kulturelle. Das Ideal ewiger Liebe wendet sich beharrlich gegen die Wegwerf-Gesellschaft, gegen Beliebigkeit, Austauschbarkeit und allseitige Verfügbarkeit im Kapitalismus. Vielleicht wird das romantische Liebesideal deshalb wieder so geschätzt.

Mythos „erster Blick“

Gleichwohl machen sich Leute auf Partnersuche weniger Illusionen als früher. Liebe auf den ersten Blick? Sehr erregend, aber abseitig. Die Liebe auf den ersten Blick, der berühmte „Coup de Foudre“ ist weitgehend ein Coup der Kulturindustrie. In Wirklichkeit sind die meisten Liebespaare zunächst befreundet. Sie finden sich im Beruf oder in der Ausbildung. Aus Freundschaft wächst Liebe, das zeigte jüngst eine Studie kanadischer Psychologinnen.

Die Grenzen zwischen guter Freundschaft, Partnerschaft und Liebesehe sind fließend. Ähnliche Bedürfnisse werden befriedigt. Nicht die Triebrevolte ist die große Herausforderung. Sondern ein gemeinsames Heim zu bekommen und Heimat zu finden. Früher vertrat der Liebesroman kompromisslos die Leidenschaft; heute erinnert er Mann und Frau leidenschaftlich an den Kompromiss.

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Die globalisierte Ökonomie ist ein Reißwolf. Sie frisst alte Freundschaften; sie trennt die Familien und Arbeitswelten; sie bietet immer neue Verlockungen. Die Optionen vermehren sich rasend. Alles ist zu haben. Aber jeder hat nur ein einziges Leben. Es ist mit Sicherheit zu kurz, um alle Möglichkeiten zu testen. Wir müssen uns entscheiden. In der Supermarkt-Moderne ist nicht der Partnerwechsel das Abenteuer, sondern das Gelingen dauerhafter Zweisamkeit. Es muss ja nicht immer gleich geheiratet werden.