Die Gesellschaft für deutsche Sprache, die sich merkwürdigerweise die fast tonlose Abkürzung GfdS zugelegt hat, waltete kürzlich wieder ihres Amtes und veröffentlichte das jährliche Ranking der beliebtesten Vornamen. Deren Auswahl beschert uns erfreuliche Aufschlüsse über die geistige Verfassung der deutschen Gesellschaft – wenn man die Redensart „Nomen est omen“ (der Name ist ein Vorzeichen) wirklich ernst nimmt. Was wir an dieser Stelle gerne tun. Denn die Dinge liegen klar auf der Hand.

A wie „attraktiv“

So ist a der Buchstabe, ohne den kein Mädchenname mehr auskommt. A wie attraktiv. Das ist die Formel, nach der gewählt wird. Wurde das liebenswerte und verführerisch-sexy klingende a bei traditionellen Vornamen wie Elisabeth oder Hildegard noch dezent zwischen anderen Vokalen und Konsonanten versteckt, umfließt uns das a jetzt wie ein Massage-Öl: Hanna(h) und Emma sind ganz obenauf, gefolgt von weiteren akustischen Arabesken wie Mia, Emilia, Lina, Ella und Mila. Sehr gut behauptet sich Sophia, und tapfer hält sich Marie – obwohl dieser Name auf einen eher strengen Vokal endet.

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Was schließen wir aus dieser Wahl? Eltern entscheiden jetzt nach dem Wohlklang. Mit ihm verbinden sich Freude, Sympathie und eine reine Seele. Und diese A-Klasse steht in kompakter Kürze zur Verfügung, was in unserer hektischen, von WhatsApp-Getippe diktierten Digi-Welt von Nutzen ist. Auch lässt sich zu Ella als Zweitnamen ein Pia hinzusetzen oder zu Emma eine Lea. Das e, das i und das a werden mit Wohlfühl-Konsonanten wie m, n und l zu einer sanften Zweisilben-Brise verklebt. Alles Bedrohliche, Bedrückende und Problematische scheint von diesen Namen wie von einem unsichtbaren Schleier ferngehalten.

Das Nachsehen haben die Frauen, in deren Vornamen sich kein a findet. Mit kleinen Änderungen lässt sich das Versäumnis aber leicht korrigieren: Aus Christine wird Christina, aus Else Elsa und aus Ute Uta.

Alttestamentarischer Zuwachs

Auch die Jungen profitieren mittlerweile von der sanften Infiltr-a-tion. So hat Noah einen ersten Platz bei den Jungen erobert. Es ist also gar nicht wahr, dass Eltern mit dem Namen des Kindes kein religiöses Bekenntnis mehr ablegen wollen! Markus, Lukas, Johannes und Matthäus bekommen sogar alttestamentarischen Zuwachs.

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Noah steht darüber hinaus für ein zeitloses sozialökologisches Programm. Denn wie wir wissen, baute ein Mann dieses Namens vor vielen Jahren ein großes Schiff, pferchte seine Familie und viele Tiere dort ein – und überlebte die große Katastrophe. Wenn der Klimawandel nach der Sintflut als neues Unheil über die Erde kommen sollte und Gott beschließt, den Menschen wieder mal zu zeigen, wo der Hammer hängt, könnte es von Vorteil sein, Noah zu heißen. Die a-losen Ben, Leon, Luis oder Felix könnten trotz ihrer ebenfalls großen Beliebtheit ganz schlechte Karten haben.

Nur als Noah hat man gute Chancen, eine Arche bauen zu dürfen und ein Jahr lang über die steigenden Meeresspiegel zu dümpeln. Von daher geben die Eltern ihren Noahs eine Überlebensversicherung mit auf den Weg. Schwierig dürfte es sein, in den Baumärkten genug Holz und Nägel für eine Arche aufzutreiben. Die Warteschlangen sind wegen Corona zu lang.

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