Frau Helfer, Sie können sich momentan kaum vor Anerkennungen retten, so scheint es. Am Samstag erhalten Sie den Bodensee-Literaturpreis der Stadt Überlingen für Ihren Roman „Die Bagage“. Davor wurden sie mit dem Solothurner Literaturpreis geehrt. Ihr jüngstes Buch „Vati“ wurde für den Deutschen Buchpreis nominiert. Wie erklären Sie sich den Erfolg?

Ich denke, Erfolg kann man nicht erklären. Ich kann nur mutmaßen, und das geht in die Richtung, dass die Leser gern etwas scheinbar Biografisches lesen, und dabei das Gefühl haben können, etwas über die Autorin zu erfahren. Ich glaube auch, dass sich viele Leser an ihre eigene Vergangenheit erinnern und sie anfangen, sich mit ihrer „Bagage“ zu befassen.

In „Die Bagage“ erzählen Sie von der Kindheit ihrer Mutter und dem Leben der Großeltern in einem Bergdorf während des Ersten Weltkriegs. Eine etwas andere Heimatliteratur. Konnten Sie damit rechnen, dass auch coole Großstädter dieses Buch lieben würden?

Ich halte es für einen Irrtum zu glauben, dass nur Großstädter cool sein können. Sie denken, sie seien cool. Das ist es. Außerdem wollte ich ausdrücklich keinen Heimatroman schreiben.

„Später Durchbruch mit 72“ merkte der Deutschlandfunk etwas respektlos in der Rezension ihres „Vati“-Buchs an. Kommt diese Welle der Anerkennung nicht etwas spät? Immerhin veröffentlichen Sie seit 1977 Bücher und keine schlechten …

Was heißt zu spät? Wenn ich morgen sterbe, habe ich es immerhin noch erlebt. Dann ist noch zu bedenken, dass man als erfahrener Autor gelassener, erfahrungsreicher und vor allen Dingen gefuchster im Schreiben wird. Als junge Frau hätte ich „Die Bagage“ nicht schreiben können. Außerdem hoffe ich doch sehr, dass ich keine „schlechteren“ Bücher geschrieben habe. Ich habe immer mein Bestes gegeben, und das Beste, das weiß man ja, kann auch noch „besterer“ werden.

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Bestseller zu schreiben – ist das der Traum aller Schriftstellerinnen und Schriftsteller?

Was der Traum aller Schriftstellerinnen und Schriftsteller ist, kann ich nicht wissen. Mein Traum ist es, gute Bücher zu schreiben, ob sie dann zu Bestsellern werden oder nicht, darauf habe ich keinen Einfluss.

Von außen betrachtet könnte man sagen, Sie haben mit Ihrem Mann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, an Renommee gleichgezogen.

Von Gleichziehen kann nicht die Rede sein. Was heißt das überhaupt? Michael hat ein viel größeres Œuvre als ich.

Sie gelten in Österreich als das produktivste Schriftsteller-Ehepaar. Sie leben und schreiben in Hohenems oder in Wien unter einem Dach. Geht das immer nur harmonisch ab?

Wir kommen gut zurecht. Wir respektieren und kritisieren einander, wir schätzen einander, und unser erstes Gebot ist, dass wir ehrlich zueinander sind.

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Mit „Die Bagage“ und „Vati“ haben sie bewegende Familienporträts verfasst. Und nicht zum ersten Mal. Ihr Roman „Bevor ich schlafen kann“ von 2010 ist dem Andenken ihrer Tochter Paula gewidmet, die bei einem Unfall starb. Lindert das Schreiben den Schmerz um ihren Tod?

Sollte Schreiben Schmerz lindern können, wäre das Bücherschreiben eine einzige Therapie, was es aber keinesfalls ist. Beim Schreiben an unsere Tochter zu denken, war immer so, dass daraus Literatur entstanden ist.

In einem Interview haben sie erst kürzlich erklärt, dass Sie sich mit dem Tod angefreundet haben. Ist Widerstand zwecklos? Ich denke an Elias Canetti, der ein Buch „gegen den Tod“ geschrieben hat …

Genauer gesagt: Ich versuche, mich mit dem Tod anzufreunden, je älter ich werde, und das ist ja auch naheliegend, weil ich nicht ewig leben werde.

Sie sind im Bregenzerwald mit der Kirche aufgewachsen. Ist Glaube Trost?

Glaube ist ein Kindertrost.

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Viele Schriftsteller fühlen sich im Alter ausgeschrieben. Wolfgang Hildesheimer, um ein Beispiel zu geben, legte den Füller konsequenterweise weg.

Um Himmels willen! Noch nie habe ich so gern und so eifrig geschrieben.

Anlässlich Ihres 70. Geburtstags sollen Sie gesagt haben: „Ich will und muss schreiben, bis ich umfalle.“ Würden Sie heute nicht sagen, die besten Jahren kommen noch?

Genauso würde ich es auch jetzt sagen.