Der Schweizer Schriftsteller Max Frisch (1911-1991, „Homo Faber“) notierte einst Fragen, die auch den klügsten Kopf in Verlegenheit bringen. Mit freundlicher Genehmigung des Suhrkamp-Verlags, in dem der Fragebogen erschienen ist, lassen wir regelmäßig prominente Persönlichkeiten auf einige der Fragen antworten – heute ist der Autor Matthias Politycki an der Reihe.

Kann Ideologie zu einer Heimat werden?

Leider ja. Sobald man aufhört, seine eigene Haltung immer wieder neu zu hinterfragen und nachzujustieren, läuft man Gefahr, zumindest sein eigner Chefideologe zu werden, eine Art Platzhirsch im Revier. Kritische Geister leben vom Zweifel; auf die herausgeröhrten Antworten der Ideologen haben sie meist nur ziemlich komplizierte Fragen. Bestenfalls finden sie damit immer wieder ein anderes Stück Heimat und sind entsprechend leise.

Können Sie sich überhaupt ohne Heimat denken?

Heimat kann man nicht wählen oder gar abstreifen, selbst wenn man ein kritisches Verhältnis dazu hat und sich – wie in meinem Fall – vornehmlich als Europäer begreift. Wir dürfen den Begriff nicht den Rechten überlassen; nichts wäre trostloser als die totale Entwurzelung durch Globalisierung aufgrund der „richtigen Gesinnung“. Und im übrigen das Gegenteil von Weltbürgertum.

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Was ertragen Sie nur mit Humor?

Das selbstgerechte Erstarken der Ränder. Die immer tiefere Spaltung unsrer Gesellschaft. Politisch korrekt sich deklarierende Sprech- und Denkverbote. Das Schweigen der liberalen Freigeister und Selbstdenker. Die sukzessive Aushöhlung unsrer demokratischen in eine Empörungskultur … Ach, die Liste wäre noch bedeutend länger.

Wann haben Sie aufgehört zu meinen, dass Sie klüger werden oder meinen Sie‘s noch? Angabe des Alters.

Wissen mag mit dem Alter verlorengehen; Lebensklugheit nimmt – so hoffe ich jedenfalls – zu. Alt werden, ohne jung zu bleiben, ist etwas Wunderbares. Auch wenn uns der Zeitgeist gerade das Gegenteil weismachen will.

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Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr?

Die habe ich seit meiner Pubertät. Damals haben wir gemeinsam dagegen angetrunken, angetanzt, angerüpelt, angefeiert …

Was tun Sie dagegen?

… und ich habe damals meine ersten Gedichte geschrieben. Nachdem ich 1993 eine Nahtoderfahrung hatte, ist meine Angst deutlich geringer geworden, schließlich weiß ich jetzt bis zu einem gewissen Punkt, was „danach“ kommt. Die Angst vor dem Tod geliebter Menschen hingegen nicht! Der Tod bleibt ein Skandalon; mit jedem Buch schreibe ich dagegen an.

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