Er ist eine Designikone. Ein Klassiker des modernen Möbeldesigns. Michael Thonets Stuhl „Nr. 14“ ist nicht nur der Inbegriff des Kaffeehausstuhls, er ist auch der meistverkaufte Holzstuhl aller Zeiten.

50 Millionen davon wurden allein bis ins Jahr 1930 hergestellt. Unzählige Unternehmen haben ihn seither kopiert. Seine geschwungene Linie und seine zeitlose Eleganz sind bis heute ungebrochen.

Der Original Thonet Nr. 14 in Frontalansicht.
Der Original Thonet Nr. 14 in Frontalansicht. | Bild: Thonet

Er war der erste in massiv gebogenem Holz ausgeführte Stuhl der Möbelgeschichte und wurde für gerade mal drei Gulden angeboten, weswegen manche ihn auch „Dreiguldenstuhl“ nannten. Demontiert in einem Paket angeliefert mussten ihn die Kunden mit zwei großen und vier kleinen Schrauben selbst zusammenbauen, was selbst für Laien leicht zu machen war. Er nahm damit das Ikea-Prinzip vorweg.

Der Stuhl in Einzelteilen: Mit der Lieferung im Baukasten nahm Michael Thonet das Ikea-Prinzip vorweg.
Der Stuhl in Einzelteilen: Mit der Lieferung im Baukasten nahm Michael Thonet das Ikea-Prinzip vorweg. | Bild: Thonet

Der Mann, der diesen Bugholz-Stuhl erfunden hat, ist vor 150 Jahren, am 3. März 1871, gestorben. Michael Thonet war nicht nur Tischler, sondern auch ein weitblickender Unternehmer und Marketingspezialist. Auf die Welt kam er am 2. Juli 1796 in der Weinstadt Boppard am Mittelrhein als Sohn eines Gerbers. Weil sich damit nicht reich werden ließ, besaß die Familie noch einen Weinberg, Kleinvieh und schmuggelte Waren über den Rhein.

Um ein Haar hätte es den Namen Thonet, der heute Markenzeichen ist, gar nicht gegeben. Lautete der Eintrag ins Kirchbuch doch „Donet“. Wahrscheinlich wollte die Familie sich so von den seinerzeit ungeliebten Franzosen distanzieren, die das Rheinland annektiert hatten.

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Als Kind schaute Michael Thonet interessiert den Küfern zu. Besonders beeindruckte ihn die Art, wie sie das Holz für ihre Weinfässer biegsam machten. Später erinnerte er sich an das Verfahren. Weil das Gerben von Fellen kein Geld einbrachte, verlegte Vater Franz Anton Thonet sich aufs Tischlern und Michael half dabei aus.

Die Technik des Holzbiegens, die im Schiffs- und Instrumentenbau ebenso wie bei den Küfern lange gängig war, übertrug er auf den Möbelbau und experimentierte früh mit schichtverleimten Hölzern, die er durch das Köcheln in Leim weichmachte und ihnen anschließenden mit Hilfe von Schablonen eine Form gab. Er entdeckte so das Prinzip der Bugholzmöbel, die stabil und zugleich elastisch waren, belastbar und trotzdem leicht.

Michael Thonet, um 1855.
Michael Thonet, um 1855. | Bild: Wikipedia

Zwar hatten andere schon vor ihm Stühle aus gebogenen Holzteilen hergestellt. In Frankreich Jean-Joseph Chapuis (1815) und in England Samuel Gragg (1808). Deswegen scheiterte 1840 ein erster Patentantrag in Berlin. Aber Michael Thonet perfektionierte das Verfahren und zeigte seine vorproduzierten Möbel bei Ausstellungen in ganz Deutschland.

„Thonet, kommen Sie nach Wien!“

Bei der Gewerbeschau 1841 in Koblenz sah der österreichische Staatskanzler Fürst Metternich die Möbel und war fasziniert. Sein Ausspruch ist legendär: „Thonet – kommen Sie mit mir nach Wien. In Boppard werden sie ewig ein armer Mann bleiben.“

Heinz Kähne, der mit „Die Thonets in Boppard“ ein verdienstvolles Buch über die Familie veröffentlicht hat, spekuliert darin, dass Metternich weniger von den Möbeln als vielmehr von dem ebenfalls in Koblenz gezeigten Thonet‘schen Rad gebannt gewesen sei, weil er es als Staatsmann militärisch zu nutzen gedacht habe.

Ein ganzes Set, eng verpackt: Vor allem an Kunden aus der Gastronomie ließen sich die Stühle so leicht liefern.
Ein ganzes Set, eng verpackt: Vor allem an Kunden aus der Gastronomie ließen sich die Stühle so leicht liefern. | Bild: Thonet

Bei diesem Rad übertrug Thonet das Prinzip der Schicht-Verleimung auf ein Holzrad und schaffte es damit bis ins Brockhaus Lexikon. Selbst für Kanonen eignete sich diese stabile Konstruktion. „Mit Rädern werden wir ein kolossales Geschäft machen“, mutmaßte Franz Thonet, der älteste Sohn, der bald wie seine vier Brüder in der Werkstatt mithalf.

Allerdings sollte er sich täuschen, scheiterten in den 1860er Jahren nacheinander doch alle Anträge auf ein entsprechendes Patent in Preußen, England und Frankreich. Zwar bauten alle das Thonet‘sche Rad nach und nutzen es militärisch. Geld aber sah die Unternehmerfamilie dafür keines. Reich wurde sie stattdessen mit ihren Kaffeehausstühlen. Aber langsam und der Reihe nach. Erst mal mussten die Thonets sich durchkämpfen.

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1842 waren sie nach Wien übergesiedelt, durften sich dort als Ausländer aber nicht selbständig machen, weswegen Michael Thonet zunächst als Angestellter im Tischlereibetrieb von Clemens List arbeitete und Aufträge des Architekten Peter Hubert Desvignes annahm. Erst 1853 erfolgte der Eintrag der Firma Gebrüder Thonet ins Firmenregister.

Bei der ersten Weltausstellung 1851 in London im Kristallpalast präsentierten sie 39 Exponate. Alles teure Luxusmöbel. 1854 bei der Münchner Industrie- und Gewerbeausstellung zeigten sie schon ihre Stuhlmodelle „Nr. 2“ und „Nr. 3“ in Serienfertigung. Die Zukunft und der Massenkonsum bedurften anderer Produktionsverfahren und die Thonets hatten die Zeichen der Zeit erkannt.

Die Nr. 14 war der Renner

Ihr erstes Erfolgsmodell wurde der Stuhl „Nr. 4“ in Schichtleimverfahren. Sogar nach Übersee exportierte die Familie ihn. Weil er bei der Verschiffung durch die Luftfeuchtigkeit aber buchstäblich aus dem Leim ging, entwickelten die Thonets ein neues Verfahren, wie sich auch massives Holz durch Wasserdampf biegen ließ. Der so gefertigte Stuhl „Nr. 14“ aus dem Jahr 1859 wurde der Renner.

Nacheinander eröffneten die Thonets Fabriken im mährischen Koritschan, Bistritz, Groß-Ugrocz, Hallenkau, Wsetin, im russisch-polnischen Radomsk sowie im hessischen Frankenberg. Sie hatten eigene Sägewerke und Filialen in Paris, London, Brüssel und New York. Die Maschinen für die Produktionen entwarf Micheal Thonet selbst, der gerne in Arbeitskleidung den Betrieb überwachte und Besucher an seine Söhne verwies, wenn sie den Chef sprechen wollten.

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Die Thonets richteten für ihre Arbeiter eigene Kranken- und Unfallkassen ein sowie Schulen. Das Illustrierte Oesterreichische Journal urteilte 1887: „Eine Thonet‘sche Arbeiterniederlassung ist eine Musteranstalt in ihrer Art und seit ihrem Bestande haben die Thonet‘schen Etablissements noch keinen Streik aufzuweisen gehabt, ein Zeichen, dass die Arbeiter auch die humanen Bestrebungen ihrer Brotgeber zu schätzen wissen.“

Mit 75 Jahren starb der Firmengründer Michael Thonet, nachdem er sich beim Inspizieren seiner Waldungen eine Erkältung zugezogen hatte, von der er sich nicht mehr erholte. Seine Söhne führten sein Erbe fort und kehrten 1879 nach Boppard zurück. Dort erinnert im Stadtmuseum heute eine kleine Ausstellung an die Familie Thonet.