Unschöne Bekanntschaft im Garten: Beim Öffnen des Komposters erblicke ich für einen kurzen Moment den Schwanz eines Nagetiers. Geschätzt 20 Zentimeter. Kein Zweifel, das war nicht eine der üblichen kleinen, süßen Spitzmäuse. Nein, hier hat sich eine Ratte eingenistet, und das, obwohl ich doch so eifrig darauf geachtet habe, keine Essensreste oder Fleischabfälle zu entsorgen.

Man glaubt nicht, wie hartnäckig so ein Tier sich seiner Verhaftung entziehen kann. Statt sich brav in die bereit gestellte Lebendfalle zu setzen, turnt es bald mit der Selbstverständlichkeit einer Hauskatze im Garten herum. Und weil aufs erste Exemplar bekanntlich irgendwann eine ganze Familie folgt, wird mir beim Anblick mulmig: Nachts träume ich mal von Camus‘ „Die Pest“, mal von Hitchcocks Vögeln, bloß dass es Ratten sind, die mein Haus belagern.

Ein Grundstück wie Alcatraz

Tags kaufe ich immer neue Fallen, jedes Mal aufs Neue ohne Erfolg. Mein Grundstück sieht bald aus wie Alcatraz, man mag gar nicht hinsehen und erst recht nicht mehr daran denken, was geschieht, wenn das alles weiterhin nicht fruchtet. Meine Gedanken, beschließe ich deshalb, sollen fortan den schönen Dingen des Lebens gehören. Und nicht dem ungebetenen Gast mit 20-Zentimeter-Schwanz.

Wenn das so einfach wäre! Wie viel Ratte in unserem Alltag steckt, begreift erst, wer an ihre Existenz auf gar keinen Fall erinnert werden will.

Der britische Künstler Banksy macht Ratten zu Kunstwerken – dieses Kunstwerk an einer Strandwand in Lowestoft wurde jedoch schnell zerstört.
Der britische Künstler Banksy macht Ratten zu Kunstwerken – dieses Kunstwerk an einer Strandwand in Lowestoft wurde jedoch schnell zerstört. | Bild: Banksy/PA Media/dpa

Das fängt an mit der Redaktionskonferenz am Morgen. „Schick mir doch einfach alle Texte, die du so hast“, sagt die Kollegin. Und fügt lässig hinzu: „… halt den ganzen Rattenschwanz!“ Ein anderer jubelt, er habe endlich die Prüfung zum Bodenseeschifferpatent bestanden. „Ausgerechnet eine Landratte wie ich!“

Zu Hause wartet ein stolzes Kind mit Matheheft in der Tür. Welche Note ist es denn? „Na, ratte mal!“ Zum Abendessen gibt es einen toll gerattenen Rinderbratten, den wir gestern erst frisch gekauft ratten, äh, hatten. Und als ich es wage, mich vorzeitig Richtung Wohnzimmer zu verabschieden: „Aha, die Ratten verlassen das sinkende Schiff!“

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„Rat-tan-so-fa“, bemühe ich mich so laut und langsam wie möglich auszusprechen, bevor ich auf selbiges erschöpft niedersinke. „Ich bin doch nicht aus Ra…, Wa… Wat-te!“

Nie erfahren werde ich, wie es der Ratte unterdessen ergangen ist. Möglich, dass ihr beim Balanceakt durch den Garten ebenfalls manches missfallen hat. Fest steht: Seit der Sekunde, als ich das gefangene Tier irgendwo im Wald aussetzte, ist mir das Wort Ratte kein einziges Mal mehr begegnet.