Christian Satorius

„Aber Großmutter, was hast du für ein entsetzlich großes Maul?“ Die Frage ist uns wohlbekannt, ebenso wie die schauerliche Antwort. Germanisten streiten bis heute, ob es das Rotkäppchen der Brüder Grimm hier mit einem Werwolf zu tun hat oder nicht. Zwar kann der Wolf sprechen und hat sich auch die Kleidungsstücke der Großmutter übergestreift, aber andererseits fehlen vielen Forschern ganz einfach wichtige Werwolf-Attribute.

Schließlich ist es nichts Außergewöhnliches, dass im Märchen die Tiere sprechen können und zuweilen auch ganz ordentlich gekleidet sind – man denke nur an den Gestiefelten Kater. Was aber macht ihn denn dann aus, den typischen Werwolf?

Von wegen Vollmond

In Hollywood braucht man zuerst einmal einen richtig gruselig großen Vollmond, um einen Menschen in eine reißende Bestie zu verwandeln – ganz im Gegensatz zu vielen alten Sagen und Mythen übrigens. Bei den Germanen etwa „geschieht die Verwandlung vorzugsweise durch Wolfshemden, ulfahamir“ konstatiert der deutsche Germanist und Werwolf-Kenner Wilhelm Hertz.

Mehr noch, sogar eine ungefähre Altersangabe der Erzählung lässt sich dem Fachmann zufolge anhand der Kleidungsstücke vornehmen. „Noch in unseren Tagen“, schreibt Hertz 1862, „sind Sagen vom Werwolf, besonders im Norden und Osten Deutschlands, lebendig. Die Verwandlung geschieht vorzugsweise durch einen Gürtel, der an die Stelle des alten Wolfshemdes getreten ist.“

In Staffel sieben der ProSieben-Show „The Masked Singer“ ist ein singender Werwolf am Start.
In Staffel sieben der ProSieben-Show „The Masked Singer“ ist ein singender Werwolf am Start. | Bild: Rolf Vennenbernd/dpa

Während der Gestaltwandel mittels Gürtel also neueren Datums ist, lassen sich die Wolfshemden laut Hertz noch bis zu den ulfhednar (Wolfsgewandige) genannten Elitekämpfern der Wikingerzeit und darüber hinaus zurückverfolgen, wohl sogar bis zum Schamanentum und den Initiationsriten der grauen Vorzeit.

Legt der Werwolf seinen Gürtel oder auch sein Wolfsgewand ab, dann wird er zumeist augenblicklich wieder zum Menschen, „trägt nun also seine Wolfshaut nach innen“, wie es in einigen Sagen so schön heißt. Der Zauber lässt sich demnach also keineswegs durch einen Biss auf andere Menschen übertragen, so wie es im Hollywood-Kino oft zu sehen ist.

2017 hat sich Heidi Klum an Halloween als Werwolf zurechtmachen lassen.
2017 hat sich Heidi Klum an Halloween als Werwolf zurechtmachen lassen. | Bild: Slaven Vlasic/AFP

Werwölfe verschlingen vielmehr ihre Opfer oder zerfleischen sie, aber sie infizieren sie nicht. Somit müssen auch diejenigen wissenschaftlichen Erklärungsversuche schon im Ansatz scheitern, die die hiesigen Werwolf-Mythen auf die durch Bisse übertragbare Tollwut zurückführen wollen.

Diese Virusinfektion kann durchaus Tier und Mensch gleichermaßen befallen und in kurzer Zeit zum Tod führen. Selbst heute noch sterben laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO mehr als 50.000 Menschen im Jahr an dieser oft durch Tierbisse übertragenen Wutkrankheit, wie sie auch genannt wird. Schon kleinste Umweltreize können bei den Erkrankten eine regelrechte Raserei auslösen, von der ja in alten Sagen durchaus die Rede ist.

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Allerdings sprechen Werwölfe auch in vielen alten Geschichten – und gerade das ist Tollwutkranken aufgrund der entstehenden Rachenlähmung praktisch unmöglich. Auch der so nicht mehr schluckbare Speichel, der sich als Schaum vor dem Mund des Infizierten sammelt, wird in Sagen und Mythen nicht erwähnt. Ebenso kann eine Rückverwandlung im Gegensatz zu den Werwolf-Überlieferungen nicht mehr stattfinden, da Mensch und Tier in früheren Zeiten, ohne die moderne medizinische Versorgung, dem sicheren Tode geweiht sind.

Es gibt aber noch einige andere Möglichkeiten, durch die sich ein Menschen in einen Wolf verwandeln kann. Mediziner kennen die Hypertrichose, eine über das übliche Maß hinaus gehende Behaarung, von der der gesamte Körper befallen werden kann, mit Ausnahme der Handinnenflächen und Fußsohlen.

Attraktion für zahlende Zuschauer

In früheren Zeiten werden diese Wolfsmenschen oder auch Haarmenschen auf den Jahrmärkten als Kuriositäten dem staunenden Publikum präsentiert. Einige von ihnen haben es zu großer Bekanntheit gebracht, etwa Julia Pastrana (1834-1860) oder Stephan Bibrowsky (1890-1932) alias Lionel, der Löwenmensch. Ebenfalls selten, wie auch schon die Hypertrichose, ist die Lykanthropie, bei der sich die Erkrankten einbilden, ein Tier zu sein – durchaus auch ein Wolf.

Selbstverständlich ist es möglich, dass einige Geschichten über Werwölfe auf Fälle von Hypertrichose oder Lykanthropie zurückzuführen sind, ebenso wie auf einzelne Ausgestoßene, Ausgesetzte, entflohene Mörder, Sadisten, Vogelfreie und andere zwielichtige Gestalten, die sich früher in den Wäldern herumdrückten. Sicher ausschließen kann man selbst die Tollwut nicht.

Beliebtes Fasnachtskostüm: ein als Werwolf verkleideter Narr beim Umzug 2015 in Stuttgart.
Beliebtes Fasnachtskostüm: ein als Werwolf verkleideter Narr beim Umzug 2015 in Stuttgart. | Bild: Daniel Naupold/dpa

Dennoch ist eine andere Erklärung für die überwiegende Mehrheit der Sagen und Mythen wahrscheinlicher, wie sich die Mehrheit der Experten sicher ist: echte Wölfe und eine gehörige Portion Aberglaube.

Bekannt geworden ist unter anderem die Bestie von Gévaudan in Frankreich, der in der Zeit von 1764 bis 1767 über 100 Opfer zugerechnet werden, überwiegend Frauen und Kinder. Bis heute ist nicht geklärt, wer diese Menschen wirklich getötet hat. Die zahlreichen historischen Zeugnisse berichten von mehreren Jagden auf ein Tier, das Zeitzeugen damals oft als eine Art Chimäre, also ein Zwitterwesen, von Wolf und Hund beschreiben.

Gejagt bis zur Ausrottung

Auf Befehl Königs Ludwig XV. wird schließlich ein großer Wolf getötet und der Fall damit zu den Akten gelegt. Allerdings gibt es nachweislich später noch weitere Opfer. Je mehr der Mensch im Mittelalter in die angestammten Lebensräume der Wölfe eindringt, sich dort niederlässt und Ackerbau und Viehzucht betreibt, desto häufiger kommt es zwangsläufig zu Auseinandersetzungen mit den dort lebenden Wölfen.

Über Jahrhunderte hinweg wird der Wolf als ernste Bedrohung für das Vieh, ja die eigene Existenz angesehen und bis zur Ausrottung gejagt. Vor allem in Zeiten von Hungersnöten, Viehseuchen, Krankheitsepidemien, aber auch Naturkatastrophen spitzt sich der Konflikt noch weiter zu.

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Schuldige werden gesucht und gefunden: Im Zuge der Hexenverfolgungen kommt es immer häufiger auch zu Werwolf-Prozessen. Der Germanist und Werwolf-Experte Wilhelm Hertz erläutert das so: „Mit dem Hexenglauben entstand die Vorstellung von Menschen, die sich mit Hilfe des Satans aus reiner Mordlust zu Wölfen verwandeln.“

In einem der bekanntesten Werwolf-Prozesse der damaligen Zeit werden dem Bauern Peter Stubbe über ein Dutzend Morde zur Last gelegt. Als „Werwolf von Bedburg“ wird er am 31. Oktober 1589 hingerichtet. Noch heute kennt man im Rheinland den Stüpp als Synonym für den Werwolf an sich.

Wohliger Schauer statt Angst und Schrecken

Am Fall Peter Stubbe lässt sich auch das allmähliche Verblassen der Angst vor den Werwölfen nachzeichnen. Ursprünglich einmal gefürchtet, taucht er in den Erzählungen des 19. Jahrhunderts nur noch als eine Art dämonischer Quälgeist auf. Im 19. Jahrhundert sind die Menschen wesentlich aufgeklärter und gebildeter, die Hexen- und Werwolf-Prozesse längst eingestellt und die Wölfe in Mitteleuropa praktisch ausgerottet.

Die Angst vor dem Schrecken der Werwölfe macht im Lauf der Zeit mehr und mehr einem wohligen Schauer im Kinosessel Platz.