Gibt es positive Seiten an Corona? Sollten Galerien, Museen und Theater statt zu jammern vielleicht lieber die Krise als Chance begreifen?

Karen van den Berg forscht an der Friedrichshafener Zeppelin Universität zu den Produktionsbedingungen von Kunst. Auf SÜDKURIER-Anfrage sagt sie: „Corona schadet der Kultur mehr, als es ihr nützt.“ Und doch, für manche in der Krise entwickelte Formate könne sie durchaus werben.

Diskussionen funktionieren online

Beispiel Helge Schneider: Der Komiker und Musiker hat seine digitale Präsenz auf Facebook verlagert und stellt dort klar, dass er sich als „Auftreter“ sehe. Vor Autos oder Menschen mit Mundschutz, die anderthalb Meter auseinanderstehen? Nein, so könne er nicht arbeiten. Und auch für Internet-Formate seine Show nicht gedacht.

Was online allerdings sehr wohl funktioniert, sind Diskussionen. Und so spricht Schneider gemeinsam mit Alexander Kluge im dctp-Internetvideo über Herausforderungen von Kultur in Zeiten von Corona.

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Das ist van den Bergs erster Punkt: der Ausbau digitaler Angebote. Vor allem für die „kulturelle Provinz“ liege hier eine Chance, sagt sie, und meint damit auch die Bodenseeregion. Wohnen in der Idylle und trotzdem am kulturellen Leben der Großstadt teilnehmen, das ist im Wissenschaftsbetrieb mit einigem Aufwand verbunden.

Angebote wie die Dienstagsgespräche der Bildungsstätte Anne Frank liefern da einen entscheidenden Vorteil. „Dort hat man die Debatte um die umstrittenen Äußerungen des Kulturwissenschaftlers Achille Mbembe superschnell aufgegriffen und in tolles Talk-Format umgesetzt“, sagt van den Berg: „Daran könnte ich, da ich in Überlingen wohne, ansonsten nicht teilnehmen.“

Aktiv auf Instagram

Punkt zwei: Instagram. Der beliebte Onlinedienst bietet schon lange für viele Kulturinstitutionen und Künstler eine Plattform. Musiker laden kurze Videoauftritte hoch, bildende Künstler lassen Interessierte ihre Arbeit mitverfolgen. „Damien Hirst ist hier sehr aktiv, beantwortet zum Beispiel Fragen seines Publikums.“ Van den Berg ist sich sicher, dass die Nutzung der Plattform von Seiten der Kultur in den letzten Monaten stark gestiegen ist.

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Allerdings befindet sich die Bildende Kunst gegenüber anderen Sparten deutlich im Vorteil. „Performative Künste wie Theater und Musik leiden ungleich mehr“, sagt van den Berg. Nur wenige Theaterstücke lassen sich so umschreiben, dass Darsteller einen Mindestabstand einhalten können. Und auch das Repertoire an musikalischen Stücke, deren Vorspiel den Hygieneregeln entspricht, sei sehr begrenzt.

„Für bildende Künstler gibt es einfach bedeutend mehr Formate“, erklärt die Expertin. „Und es ist sehr positiv, dass viele Institutionen, die sich bisher nicht sonderlich darum bemüht haben, sich für Streaming-Angebote zu öffnen, jetzt genau dazu veranlasst wurden.“

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Die Krise also als segensreicher Digitalisierungsmotor für die Kunst? Nicht ganz. Auch die besten digitalen Formate können Kunsterfahrung niemals wirklich ersetzen. Trotz Digitalisierung müssen Galerien aufgrund von Corona mit enormen Einbrüchen rechnen, und auch die großen Kunstmessen fallen flach. „Dem Kunstkauf wird seine Eventhaftigkeit genommen“, sagt van den Berg. „Wie wichtig es ist, sich wirklich nahe zu sein, das wird uns gerade in besonderer Weise klar.“