Von Dänemark über Deutschland bis Neuseeland: Bemisst man erfolgreiches Krisenmanagement in der Coronakrise anhand von Infektionszahlen und Sterblichkeitsraten, so stehen weiblich geführte Nationen deutlich besser da. Woran liegt das?

Autoren einer Studie des Dubliner Trinity College zufolge liegt die Antwort im Klischee der „fürsorglichen Mutter“. Männer sprächen sich als „strenger Vater“ eher dafür aus, sich nicht so anzustellen und trotz gesundheitlicher Risiken ins Büro zu gehen. Frauen seien dagegen besonnener, vorsichtiger. Die Bürger sollen zuhause bleiben, bis die Gefahr vorüber ist.

Typisch „fürsorgliche Mutter“? Bundeskanzlerin Angela Merkel geht jedenfalls in der Coronakrise als gutes Beispiel voran und achtet stets auf das Anlegen einer Schutzmaske.
Typisch „fürsorgliche Mutter“? Bundeskanzlerin Angela Merkel geht jedenfalls in der Coronakrise als gutes Beispiel voran und achtet stets auf das Anlegen einer Schutzmaske. | Bild: JOHN MACDOUGALL

Frauen als Garanten für Empathie und Altruismus, dieses Bild ist problematisch: Bedeutet es doch im Umkehrschluss, dass Aufgaben, die ein gewisses Maß an Härte und Basta-Mentalität benötigen, besser in männlicher Hand verbleiben sollten.

Die Wahrheit ist, dass auch Frauen in der Lage sind, streng und unbesonnen zu handeln, ja, sich sogar von Hass leiten zu lassen. 15 Autorinnen bieten davon jetzt eine Kostprobe. „Und wie wir hassen!“, lautet der trotzige Titel ihrer Sammlung von „Hetzreden“ (Kremayr & Scheriau Verlag): Um jeden Zweifel an der Ernsthaftigkeit ihres Anliegens zu zerstreuen, ziert das Cover ein ausgestreckter Mittelfinger.

„Und wie wir hassen“, hrsg. v. Lydia Haider, Kremayr & Scheriau Verlag: Wien 2020; 192 Seiten, 19,90 Euro.
„Und wie wir hassen“, hrsg. v. Lydia Haider, Kremayr & Scheriau Verlag: Wien 2020; 192 Seiten, 19,90 Euro. | Bild: Cover

Es bedarf keiner hellseherischer Fähigkeiten, um zu erahnen, welchen Adressaten er gelten könnte. Natürlich sind Männer gemeint, jene „Dummschwätzer“ also, die „keine Widersprüche, Abweichungen, Ambivalenzen aushalten können“, Konflikte niemals anders als „mit Gewalt lösen“ und als „veränderungsresistente Taugenichtse“ bloß dem „maßlosen Bierkonsum“ frönen. Um mit diesen Charakterisierungen aus der Feder von Judith Goetz mal einen ersten Vorgeschmack zu geben.

Bei allem festen Willen zur Selbstkritik: Derart plumpe Anwürfe machen es den Beschimpften natürlich leicht, sie zurückzuweisen. Bestätigen sie doch exakt jenes Bild, das es eigentlich zu zerstören gilt – die Zweiteilung in empathiebegabte Wesen einerseits und tumbe Trottel andererseits.

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Subtiler geht Raphaela Edelbauer vor, die in einem zutiefst ironischen Entschuldigungsschreiben an eine fiktive Literaturpreisjury die in solchen Gremien auffallend männlichen Erwartungshaltungen entlarvt. Zu diesen gehört die Suche nach „Fräuleinwundern“ statt Autorinnen, die allenfalls für „Frischen Wind“ gut sind, der mal „schamlos“ den alten Meistern in die Quere kommen soll. Betont zerknirscht räumt Edelbauer ein, dass sie für dieses Profil ungeeignet sei, unter anderem, weil in ihren Werken ältere Herren mit sentimentalen sexuellen Gelüsten fehlen: Gelüste, die „zwar nicht erwidert werden, die uns aber im Gegenzug gerührt hätten“.

Als „Fräuleinwunder“ steht sie nicht zur Verfügung: die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer.
Als „Fräuleinwunder“ steht sie nicht zur Verfügung: die österreichische Autorin Raphaela Edelbauer. | Bild: Frank Rumpenhorst/dpa

Ja, in solch präzisen Beobachtungen fühlt Mann sich schon eher getroffen. Das gilt auch für Sophia Süßmilchs Umkehrung der üblichen körperlichen Schönheitsvorstellungen mit entsprechender Problematisierung etwaiger Unvollkommenheiten. „Ich hasse Hoden“, bekennt sie. So eine „Lächerlichkeit von Organ“ am eigenen Körper zu haben und dabei noch aufrecht durch die Straßen zu gehen: Das muss man erst mal bringen! „Väter müssen ihren Söhnen beizeiten beibringen, straffende Cremes aufzutragen, die Haare sauber zu entfernen und ab einem gewissen Alter sollten alle Männer schlichtweg einen chirurgischen Eingriff in Betracht ziehen.“

„Verfickte Schlampe“

Nora Gomringer schließlich zügelt ihren Hass und zitiert in trockener Gelassenheit Kernwörter aus zwei E-Mails eines Lesers. In der ersten lauten diese Wörter: „bezaubernd“, „Wortmacht“, „Sprachkraft“. Die zweite Mail ist erkennbar geprägt von der Enttäuschung einer ausgebliebenen Antwort der „hochverehrten“ Autorin. Hier lauten die Kernwörter nun: „verfickte Schlampe“, „faules Luder“, „arrogant“. Die souveräne Reduktion des einseitigen Mailverkehrs auf das Wesentliche ist stärker als jede Hetzrede.

Nicht jeder Hass gilt Männern. Judith Rohrmoser etwa gibt uns Einblicke in ihr Leben als „transkultureller Bastard“ mit jüdischen Wurzeln. Immer gibt es etwas zu erklären, nirgends gehört sie einfach nur dazu. Und ständig ist da das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen: dafür, dass es Israel und Palästina überhaupt gibt.

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Ist nun etwas typisch Weibliches in diesen Hassreden zu finden? Hassen Frauen anders als Männer? Wohl kaum. Zu groß ist die stilistische wie auch qualitative Spannbreite zwischen Plumpheit (Goetz) und Raffinesse (Edelbauer), hoher Emotionalität (Süßmilch) und kühler Abgeklärtheit (Gomringer). So gilt offenbar für Hetzreden dasselbe wie für die Kunst: Qualität hängt nicht vom Geschlecht ab, sondern vom Können.

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