Stellen wir uns vor, Nena, Falco und all die anderen bunten Vögel der 80er hätte es nie gegeben. Statt dessen fiele heute, in unserer politisch hypersensiblen Gegenwart jemandem ein, den Begriff „Neue deutsche Welle“ zu etablieren. Als Etikett für eine Flut deutschsprachiger Popsongs. Au weia, da wäre was los.

Deutschtümelei, die gleich einer Naturgewalt übers Land rollt: Wer kommt denn auf so was? Und auf welche alte deutsche Welle bitte schön soll das anspielen? Nazi-Sprech!

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In Düsseldorf will Schlagersänger Heino nun einen Liederabend geben. Handelte es sich um einen badischen, schottischen oder armenischen – es wäre nichts dabei. Leider aber wird es ein deutscher sein (“Heino goes Klassik“!), und das ist ein Problem. Denn: Der auf dem Plakat prangende Untertitel „Deutscher Liederabend“ ist wissenschaftlich nicht korrekt.

Michael Becker hat als Intendant der Düsseldorfer Tonhalle die Aufgabe, darauf zu achten, dass städtische Räume nicht für Hetze missbrauch werden. Die Vokabel „Deutsch“ allein, erklärt er, weise auf einen solchen Missbrauch zwar noch nicht hin, die sei „ganz prima“. Und „Deutsches Lied“ sei ja sogar ein wissenschaftlich verbürgter Begriff. Aber eben nicht: „Deutscher Liederabend“.

Der Stein des Anstoßes: Ein Plakat zur 2021-Tour des Schlagersängers Heino.
Der Stein des Anstoßes: Ein Plakat zur 2021-Tour des Schlagersängers Heino. | Bild: HELMUT WERNER MANAGEMENT/dpa

In der Tonhalle gebe es ja auch keine „deutschen Symphoniekonzerte“, nur weil Brahms und Beethoven auf dem Programm stehen. Einen solch „tümelnden“ Untertitel wolle man deshalb nicht bewerben – mögen auf dem Programm auch des Extremismus unverdächtige Namen wie Franz Schubert oder Wolfgang Amadeus Mozart stehen. Was nicht wissenschaftlich astrein definiert ist, „tümelt“ also: Wenn das mal nicht typisch deutsch ist!

Nun gibt es durchaus gute Gründe, genauer hinzuschauen, wenn sich Heino schwarzrotgoldener Rhetorik bedient. Zwar hat der Schlagerbarde an seiner demokratischen Gesinnung nie einen Zweifel aufkommen lassen, zuletzt gar ein Verbot der AfD gefordert. In der Praxis allerdings unterlief ihm so manche Merkwürdigkeit, etwa eine Darbietung von „Deutschland, Deutschland über alles“ auf Schallplatte.

„Deutscher Klang“

Und doch, beim Tümel-Test ausgerechnet im Klassik-Betrieb ein geeignetes Kontrastmittel zu vermuten, ist mutig. Dort, wo man bis heute hohen Wert auf „deutschen Klang“ legt und „deutsch“ vielerorts prominent im Orchesternamen trägt, sind auf der Bühne noch Verse zu vernehmen, die jeder Pegida-Versammlung zur Ehre gereichten: „Zerfällt erst deutsches Volk und Reich, in falscher welscher Majestät / kein Fürst bald mehr sein Volk versteht, und welschen Dunst mit welschem Tand / sie pflanzen uns ins deutsche Land!“ Im Vergleich zu Richard Wagners „Meistersingern“ ist Heinos Liederabend ein antifaschistischer Kindergeburtstag.

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Vielleicht kamen Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller ja solche Verse in den Sinn, als er das umstrittene Plakat von nationalistischen Tendenzen freisprach. Heino darf nun also doch noch mit Werbung für sein Konzert rechnen.

Die echte Neue Deutsche Welle übrigens war wissenschaftlich ebenso wenig korrekt wie ein deutscher Liederabend. Weil sie sich nämlich auf die britische „New Wave“-Bewegung bezog, hätte sie – als deutsche Variante – eigentlich „Deutsche Neue Welle“ heißen müssen. Hat bis heute niemand gemerkt.