Erstaunlich, auf welche Weise die Menschen heutzutage so ihre Anliegen artikulieren. In den zurückliegenden Neuerscheinungen einer jungen Autorengeneration zumindest werden Sätze nicht mehr einfach nur gesagt, gesprochen oder gerufen. Sondern gezischt, geschnurrt, gelacht, gegrinst.

„‚Nein, so war es nicht!‘, grinst sie.“ – „‚In Bremen ist niemand elegant, Mama‘, lachte ich.“ – „‚Und warum hat sie es dann dir erzählt?‘, schnaubte Nivedita.“ Das sind nur drei Auszüge aus Romanen, die das, nun ja, nennen wir es: gewachsene Ausdruckspotenzial literarischer Protagonisten dokumentieren.

Schnauben, heißt es im Duden, bedeute „Luft aus der Nase blasen“. Satzbeispiel: „Der Hengst schnaubte ungeduldig.“ Wie es gelingt, zusammen mit der Luft den Satz „Warum hat sie es dann dir erzählt?“ aus der Nase zu blasen, das erklärt der Duden nicht.

Wir Deutschen, glänzend amüsiert

Ein Lachen liege vor, lehrt mich der Duden, wenn jemand „Freude, Spott oder ähnliches“ durch „Hervorbringen einzelner Laute“ zum Ausdruck bringe. Das kann man sich schon eher vorstellen. „In Bremen, haha, hihi, ist niemand, glucks, huhu, elegant Mama!“

Das Merkwürdige ist, dass ich uns Deutsche im Alltag fast nie so glänzend amüsiert erlebe. Allenfalls ein verdruckstes Lächeln vermag ich hier und da auszumachen, doch auch das nicht während des Sprechakts, sondern davor oder danach. In der jungen deutschsprachigen Literatur dagegen macht sich auf jeder zweiten Seite Fasnachtsstimmung breit.

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Apropos lächeln und breit. Zieht sich so ein Lächeln extrem in die Breite, erklärt der Duden, könne man von Grinsen sprechen. Das freilich stellt uns vor weitere Probleme.

„Nein, so war es nicht!“, nun gut, dieser Satz lässt sich mit einigem Training vielleicht noch zurecht grinsen. Ich finde in den Romanen unserer Zeit aber auch gegrinste Sachen wie: „Und darum kann man nun wirklich niemanden beneiden!“ Oder: „Denkst du, dein Bruder ist ein unzivilisierter Balkanese, der seiner Schwester hier im Westen Schande bereitet?“ Welche anatomischen Voraussetzungen nötig sind, um so etwas unfallfrei zu grinsen – ich mag es mir kaum vorstellen.

Gelächter auf dem Zauberberg

Auch in Thomas Manns „Zauberberg“ wird viel gelacht. Ganze Sätze aber oder auch nur Wörter sind dabei höchst selten zu vernehmen. Und wenn doch, klingt es tatsächlich nach guter Laune: „‚Ha, ha, ausgezeichnet!‘, lachte Hans Castorp.“ Ja, da mag man‘s glauben, so was lässt sich lachen. Längere Monologe aber, gegrinst, gegackert, gewiehert, geschnaubt? Nichts davon.

Inzwischen finden sich selbst bei versierten Stilisten wie Michael Köhlmeier mitunter eigentümliche Artikulationspraktiken: „‚Lass uns umkehren!‘, zischte ich Daniel zu.“ Zischen bedeutet laut Duden einen scharfen Laut hervorzubringen, „wie er beim Aussprechen eines S-Lautes entsteht“. Merkwürdig, wie sich das mit all den vielen Vokalen vertragen soll. Allerdings scheinen mir ein, zwei gezischte Sätze auf 960 Seiten verzeihlicher als hundert gegrinste auf nur halb so vielen.

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Grins, zisch, lach: Wer so schreibt, darf in hoch angesehenen Verlagen publizieren. Lektoren fliegen heute auf so was. Und wollen wir wetten? Nächstes Jahr kommen noch die bunten Bildchen aus unseren Smartphone-Unterhaltungen dazu. Grinste er.