Spätestens zu seinem diesjährigen 250. Geburtstag ist Friedrich Hölderlin zum Popstar aufgestiegen. Als echter Popstar ist er bereits in der Vergangenheit für einen rechten wie linken Zeitgeist gleichermaßen anschlussfähig gewesen. Wie es sich für einen Popstar gehört, wird ihm das heute zum Vorwurf gemacht. Und wie so oft bei Popstars wird diese Kritik fortan seinen Ruhm nur mehren.

Fehlt eigentlich nur noch ein Andy-Warhol-Porträt in knalligen Farben. Das liefert jetzt eine Folkband mit dem Namen „Die Grenzgänger“. Auf dem Cover zu ihrem Album „Hölderlin“ blickt er uns sogar durch die Sonnenbrille an: Der Dichter, ein cooler Rebell.

Rätselhaft und mystisch

Aber passt das überhaupt? Eignet sich Hölderlins so rätselhafte, mystische Poesie wirklich als Ausdruck eines subversiven Charakters und politischen Querkopfs? Die Grenzgänger jedenfalls wollen es so sehen: 13 Gedichte und ein Prosatext klingen bei ihnen wie zu Hochzeiten des politischen Protestlieds bei Franz Josef Degenhardt, Hannes Wader und Co. Das ist mal gewöhnungsbedürftig, mal überraschend gelungen, in jedem Fall sehr ungewohnt.

Hölderlin ganz anders: Die Grenzgänger haben 13 Gedichte vertont. Bild: Helena Wuttke
Hölderlin ganz anders: Die Grenzgänger haben 13 Gedichte vertont. Bild: Helena Wuttke | Bild: Melinda Helena Clabes

Wenn sie etwa zu Versen wie „Wonne säng‘ ich an des Orkus Toren / Und die Schatten lehrt ich Trunkenheit / Denn ich sah, vor Tausenden erkoren / Meiner Göttin ganze Göttlichkeit“ das im 19. Jahrhundert so erdschwere Freiheitspathos in einen aufmunternden Countrysong umdeuten, so gerät das Hölderlinbild auf zweifelhafte Weise ins Wanken. Und gefährlich bis schmerzhaft mutet der Versuch an, den Nachtgesang „Blödigkeit“ in bemühter Lässigkeit, „Come on, Friedrich!“, als trotzigen Rap zu intonieren.

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Wo aber Gefahr ist – dieser Kalauer sei verziehen –, wächst das Rettende auch: Sinnbilder von herbstlicher Endzeitstimmung wie „Hälfte des Lebens“ oder „Lebenslauf“ offenbaren bei den Grenzgängern im Chanson- und Walzerstil unvermutete Zuversicht. Und Hyperions Schelte der Deutschen erscheint in einer so schlichten wie eingängigen Popnummer als herrlich bissige Satire auf manche Borniertheit unserer Tage in diesem Land.

Ist diese Art der Hölderlin-Vertonung also Verrat und Zumutung oder im Gegenteil Neuentdeckung und Rehabilitation? Die Antwort hängt wohl vom persönlichen Standpunkt ab: vom jeweils eigenen Zeitgeist, aus dessen Perspektive man auf die Interpretation blickt.

Sprachliche Schätze gibt es auf dieser Platte in jedem Fall zu entdecken. Etwa vom menschlichen Geist: Der fliegt „wie Adler / den Gewittern, weißsagend seinen / kommenden Göttern voraus“. Welche Verskunst, welche Kraft! Hölderlin ist ein Popstar, und er ist es zu Recht.

Die Grenzgänger: Hölderlin. Müller-Lüdenscheidt, 14,99 Euro.

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