Wenn von Gleichberechtigung die Rede ist, sind vor allem sie gemeint: Frauen mittleren Alters, aufgewachsen in vermeintlich emanzipierten Verhältnissen. Sie glaubten an die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, nahmen sich vor, im Beziehungsleben nicht sich selbst zu verlieren, pochten auf paritätische Aufgabenverteilung. Und doch schien es irgendwann, als sei diese schöne neue Welt noch immer mit undurchdringbaren Wänden vollgestellt: mit unsichtbaren diesmal, was das Streiten um Chancengleichheit umso schwieriger machte.

Tanja Schwarz hat über diese, ihre eigene Generation, ein Buch geschrieben („In neuem Licht“, hanserblau). Es hat die Länge eines Romans, ist aber kein solcher. Zu vielgestaltig sind die Identitäten und Schicksale, als dass eine einzige Figur, ein einziger Plot sie exemplarisch bündeln könnte. So lesen wir stattdessen zwölf in sich abgeschlossene Episoden: „Romanminiaturen“ nennt die Autorin diese, und tatsächlich steckt bei aller Kürze in jeder Einzelnen ein ganzes Leben.

Da ist Nele, Mutter der pubertierenden Sina, unterwegs zum gemeinsamen Skiurlaub. Das Kind fängt schon kurz hinter Hamburg an zu zetern, will lieber zu Hause bleiben. Was genau sein Problem ist, lässt sich schwer sagen. Fest steht: Im Vater hat es einen Verbündeten, von ihm bekommt es zu Weihnachten einen sündhaft teuren Laptop und ist in dessen neuer Familie jederzeit willkommen.

Buchautorin Tanja Schwarz.
Buchautorin Tanja Schwarz. | Bild: Rebecca Hoppé

Dabei sieht alles nach einem Trennungsfall der gelungenen Sorte aus. Die Eltern stehen weiter im Kontakt, stets um das Wohl der Tochter bemüht. Und doch, gerade das Verantwortungsbewusstsein des Vaters macht alles nur noch schlimmer. Während Nele mit ihm am Telefon über Sinas mögliche Abreise zurück nach Hamburg spricht, spürt sie, „wie ich sein Verständnis, ja sogar seinen Trost wollte und in meiner Selbstachtung sank“.

In einer scheinbar liberalen Welt kann Verständnis bedrohlich sein. Wo es an Konfliktlinien fehlt, gibt es auch keine Entschuldigungen mehr. So wird aus einer flüchtigen Teenagerlaune ein Urteilsspruch von erbarmungsloser Härte: Mit Mama ist Urlaub eben langweilig.

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Auch Lene hat sich in allerbesten Verhältnissen getrennt. Ihr Partner Victor, sagt sie, mache alles richtig in der Erziehung ihrer gemeinsamen Tochter: „So richtig, dass ich kotzen könnte.“ Leider sei sie selbst, die Mutter, panisch, unvernünftig, lebensuntauglich. Deshalb unternimmt sie ja diesen Kurzurlaub im Harz gemeinsam mit ihrem Arbeitskollegen Saeed, gleichfalls alleinerziehend. Ihre Töchter können miteinander spielen, die Erwachsenen ihre gescheiterten Beziehungen aufarbeiten.

Doch so leicht entkommt man den Fallstricken des Alltags nicht: Saeeds Ex-Partnerin Christina vermutet in Lene eine Konkurrentin. Gemeinsamer Urlaub zum Wohle der Kinder? Wer‘s glaubt, wird selig!

Tanja Schwarz: „In neuem Licht“, Romanminiaturen, hanserblau 2021; 260 Seiten, 16,99 Euro.
Tanja Schwarz: „In neuem Licht“, Romanminiaturen, hanserblau 2021; 260 Seiten, 16,99 Euro. | Bild: hanserblau

Und so sieht sich Lene bald in perfide Telefongespräche verstrickt: perfide, weil die eifersüchtige Christina keineswegs so dumm ist, ihre vermeintliche Nebenbuhlerin geradeheraus zu beschimpfen. Stattdessen gibt es als Ratschläge getarnte Anspielungen und Doppeldeutigkeiten von Mutter zu Mutter, ein kalter Krieg der Worte.

Ulla scheint die Brücken zu ihrem ersten Leben vollständig abgerissen zu haben. Ihr Sohn, Jurastudent, ist aus dem Haus, findet „alles unmöglich“, was sie neuerdings so treibt. Kein Wunder: Ihre aktuelle Flamme heißt Ibo und ist ein junger kurdischer Flüchtling. In einer gemeinsam errichteten Hütte verabredet sie sich mit ihm regelmäßig zu einem Sex, der „alle Grenzen, alle Gewissheiten, alles zuvor Erlebte“ niederreißt.

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Dass Ibo offenbar einen falschen Namen trägt und bald ihre Wohnung als Quartier für Treffs mit dubiosen Freunden nutzt, kann sie nicht irritieren. Ihre Freundin Susanne betont erst, dass sie weiß Gott „nicht schnell mit Vorverurteilungen“ sei, schließlich habe sie selbst schon einmal in einer Dreierbeziehung gelebt. Dann gibt sie verlegen drucksend zu erkennen, dass Ullas neues Leben ihr nicht geheuer ist.

Schwarz erzählt von Frauen, die an ein Leben voller Möglichkeiten glauben und gerade deshalb leiden, wenn diese Möglichkeiten ungenutzt verstreichen. Es sind Frauen, die sich gerne selbst als Schuldige ausmachen. Weil in dieser vermeintlich perfekten Welt mit ihren verständnisvollen Männern und toleranten Freundinnen niemand sonst dafür infrage zu kommen scheint.

Das Schicksal der Flüchtlinge – in jeder einzelnen dieser Miniaturen taucht es auf – dient als Gegenentwurf zu dieser so glatten, widerspruchsfreien Wirklichkeit. Manchmal scheint es gar, als beneideten diese Figuren sie geradezu um eine Existenz, in der noch klare Unterscheidungen möglich sind zwischen Freund und Feind, Richtig und Falsch, Leben und Tod.

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Man könnte sich das alles mit reichlich didaktischen Anwandlungen, billigen Klischees und Moralisiererei vorstellen. Doch tatsächlich geht Tanja Schwarz diesen Sehnsüchten, Ängsten und Erkenntnissen mit präziser, ehrlicher, ja intimer Prosa auf den Grund. Es ist eine Sprache, die schlichte Alltagsbeobachtungen in faszinierende Bewusstseinsstudien umzuwandeln vermag.

In der zurückliegenden Zeit gab es in der deutschsprachigen Belletristik so manches stilistische Ärgernis zu ertragen. Diese Autorin dagegen hat offenbar erst jetzt einen großen Verlag gefunden: Der Buchmarkt ist voller Rätsel.