„Ich bin alt, heftig vorerkrankt, somit fällig und hoffe dennoch“. So hoffnungslos hoffnungsvoll äußerte sich Hermann Kinder im letzten Interview, das ich mit ihm führen durfte. Wir machten es nicht en face, sondern per Internet. Kinder hatte sich wegen Corona in seine Wohnung in Köln zurückgezogen, die er mit seiner Frau teilte, die in der rheinischen Metropole eine Lebensstelle hat. Er wollte sich keiner Gefahr für Leib und Leben aussetzen.

Als er endlich geimpft war, sich sicherer fühlte, zog es ihn nach Konstanz, wo er auch nach seiner Pensionierung noch einen Koffer stehen hatte – Kinder arbeitete nahezu drei Jahrzehnte als Dozent an der Universität. Hier war er, in Thorn/Polen geboren, aufgewachsen in Mittelfranken und Münster, „fremd daheim“, wie er einmal in den „Hiesigen Texten“ (1991) notierte. Am See, der ihn am Haken hatte, dessen Ränder er einst mit dem Rad erkundete, ist er nun – trotz aller Vorerkrankungen – unerwartet gestorben. Hermann Kinder wurde 77 Jahre alt.

Er führte ein Doppelleben: das des Schriftstellers und das des Literaturwissenschaftlers, der eine förderte junge Autoren, der andere seine Studenten. Er wusste, dass er zwischen zwei Stühlen saß. „In der Universität war ich Mittelbauer, Knappe, gehörte nicht den Rittern an. Der Stolz, etwas zu tun, von dem meine Wissenschaft ja erst lebte, half mir nicht; Schriftsteller zu sein, ist in der Literaturwissenschaft so anrüchig wie in der Abfuhrbehörde ein Müllmann“, meinte er einmal.

Urlaub zum Schreiben

Wenn sich der Schriftsteller Kinder im Dozenten meldete, um eine Novelle, einen Roman oder eine Erzählung zu schreiben, dann musste er unbezahlten Urlaub nehmen. Umso erstaunlicher, dass er von 1977 bis 2019 zwei Dutzend literarische Titel veröffentlichte, dazu etliche Bücher aus seinem Fach und – im Fall von „Harms Selfies“ (2019) – Zeichnungen aus seinen Tagebüchern. Kinder hatte neben der deutschen und niederländischen Philologie in Amsterdam und Münster Kunstgeschichte studiert.

Zeichnung von Hermann Kinder aus seinem Buch „Harms Selfies“ (2019).
Zeichnung von Hermann Kinder aus seinem Buch „Harms Selfies“ (2019). | Bild: Hermann Kinder

„Auch der Kopf gehört zum Lesen“, notierte er in einem frühen Essay („Nein, so wie es ist, ist es nicht gut genug“, 1980). Zwar gehörten Beobachtung und Selbstbeobachtung beim Schriftsteller Hermann Kinder zum A und O, praktische Verhaltenssoziologie also, in einer Nachbetrachtung bezeichnete er es jedoch als hinderlich, dass er (zu) viel Literatur im Gedächtnis hatte; und auch das Wissen um das Schreiben im germanistischen Unterricht bedeutete keine Hilfe.

Besonders in seinen frühen Texten wie dem Roman „Der Schleiftrog“ (1977), Kinders Analyse der antiautoritären Generation, „ein Stück bundesrepublikanischer Geschichtsschreibung“ (Jörg Drews), oder im Campus-Roman „Der helle Wahn“ (1981) scheute sich Kinder nicht vor theoretischen Anstrengungen. Der Höhepunkt dieser Anstrengung war der Roman „Ins Auge“ (1987), in dem er hochkomplex aktuelle Entwicklungen unseres Zivilisationsprozesses thematisierte. All die Bücher brachten ihm den Vorwurf ein, „akademische Literatur“ zu schreiben. Ein falsches Kompliment.

Hermann Kinder in einer Aufnahme aus dem Jahr 2018.
Hermann Kinder in einer Aufnahme aus dem Jahr 2018. | Bild: Kopitzki, Siegmund

Kinder wiederum hielt seinen Kritikern einen „verkümmerten Literaturbegriff“ vor. Ihrer rigorosen Trennung zwischen „Denken und Empfinden“ widersetzte er sich mit dem Experiment, Unterhaltung und Aufklärung miteinander zu verbinden. Sein Thema war nicht ein auf allgemeine Wahrheiten fixierter objektiver Realismus, sondern die subjektiven „Bilder im Kopf“. Seine Maxime: „Lebensnotwendig ist es, sich Bilder im Kopf zu machen und ebenso, diesen Bildern zu misstrauen.“

Die Leistung des Lesers

Hinter den ästhetischen vermutete er ethische Fragen: „Es geht ums gleiche: Wie soll, wie kann man leben“ („Von den Bildern im Kopf“, 1983). In die literarische Praxis umgesetzt bedeutete das, dass er Widersprüche, Sprünge, Wechsel und Störungen in seine Texte einstreute, die das „bestätigende Miterleben unterbrechen und zum Aussteigen veranlassen, die nahelegen, anhand der schreibenden und lesenden Verfertigung der Bilder im Kopf über diese selbst nachzudenken“. Mit diesem (hier nur verkürzt referiertem) Programm knüpfte Kinder an Prämissen des „Modernen Romans“ an und mutierte so zum „Autor der provokatorischen Leserirritation“, wie es sein Kollege Klaus Modick formulierte.

Wahr ist, dass er, im Auftritt eher schüchtern, von seinen Lesern Leistungsbereitschaft abforderte. Die Überforderung kalkulierte er ein. Wahr ist aber auch, dass Kinders Literatur der ersten zwei Jahrzehnte (daher) nicht massentauglich war. Er konnte sich der Germanisten-Haut nicht entledigen.

Das sollte sich mit dem Mutter-Roman „Um Leben und Tod“ (1997) ändern, auch wenn dort noch der skrupulöse Stilist dominiert. In einem entspannten, ironischen, humorvollen, kritischen und melancholischen Erzählton zeigte er sich in dem 2006 veröffentlichten Methusalem-Roman „Melaten“ (so der Name eines Kölner Friedhofs), ein hochgelobtes „illusionsloses, genaues, komisches, untröstliches, trostreiches Stundenbuch unter dem Stern: Altern ist für Alle da“, wie es auf dem Cover heißt. Das Buch bleibt.

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Schließlich rückte er mit der radikalen Erzählung „Der Weg allen Fleisches“ (2014) den Blick auf seinen eigenen geschundenen Leib. Mit dem „Porträt eines jungen Mannes aus alter Zeit“ (2016) ging er den Spuren seines Bruders nach, der den Freitod wählte und mit „Die Herzen hoch und hoch den Mut“ (2018) blätterte er im Familienalbum seines lutherischen Vaters – Kinders Vater war Theologe.

„Er wird bald gehen“, heißt es im Schlusskapitel von „Der Weg allen Fleisches“, „das ist in aller Ordnung. Es ist ein Irrtum zu meinen, es komme auf einen an.“ – Und trotzdem, lieber Hermann, tut es weh, dich gehen lassen zu müssen.

Der Autor studierte bei Hermann Kinder an der Universität Konstanz. Als Journalist und Redakteur des SÜDKURIER begleitete er seine Publikationen. Gemeinsam mit Christof Hamann hat er den Porträtband „Hermann Kinder“ (2008) herausgegeben.