Zu den vielen coronabedingten Verzichtsübungen der letztjährigen Vorweihnachtszeit gehörte auch das Ausbleiben des Theaterbesuchs. „Weihnachtsmärchen“ nennen sich jene Stücke für die ganze Familie, die den Häusern meist ein kräftiges Einnahmeplus bescheren. Denn selbst wer als Kind seine Eltern so gar nicht von einem Besuch überzeugen kann, darf noch immer auf einen Ausflug mit der Schulklasse hoffen.

Das Bühnenerlebnis an sich ist dabei oft schon die halbe Miete. Schauspielerische Leistungen, live und in Farbe, das lernen nicht wenige Kinder im Weihnachtsmärchen zum ersten Mal kennen. Um mit einer Inszenierung künstlerisch derart danebenzuliegen, dass Eltern und Lehrer aus rein inhaltlichen Gründen Abstand nehmen, muss sich ein Regieteam deshalb schon anstrengen (wenngleich dieser seltene Fall vor drei Jahren in Konstanz tatsächlich einmal eingetreten ist).

Klimawandel in der Kinderliteratur

Wunschpunsch am Theater Konstanz.
Wunschpunsch am Theater Konstanz. | Bild: Ilja Mess

Nun also können sich Familien endlich wieder auf ein Weihnachtsmärchen freuen. Aber auf welches? Am Theater Konstanz dreht es sich um nichts weniger als die Rettung der Welt. Michael Endes 1989 veröffentlichter Roman „Der satanarchäolügenialkohöllischen Wunschpunsch“ ist die vielleicht erste ernsthafte Auseinandersetzung mit der Problematik des Klimawandels in der deutschen Kinderliteratur.

Im Mittelpunkt steht der dämonische Zauberrat Beelzebub Irrwitzer: Gemäß eines dubiosen Vertrags hat er sich darum zu kümmern, bis zum Jahresende zehn Tierarten auszurotten, mindestens eine neue Seuche in die Welt zu setzen und so lange am Klima zu schrauben, bis genügend Dürreperioden und Überschwemmungen entstehen. Hört sich verdächtig nach Realität an.

„Die kleine Hexe“ in St. Gallen

Wer es etwas beschaulicher mag, wird am Theater St. Gallen fündig. Dort hat Otfried Preußlers Kinderbuchklassiker „Die kleine Hexe“ Premiere. Dessen Protagonistin muss durchleben, was Kinder nur allzu gut kennen: Alles, was Spaß macht, findet ohne sie statt, weil sie angeblich noch zu klein und unerfahren ist. Ein Jahr lang lernt sie aus dem großen Hexenbuch jeden einzelnen Zauberspruch, in der Hoffnung, irgendwann endlich ernst genommen zu werden von all den älteren Hexen am Blocksberg. Doch was die sich unter einer guten Hexe vorstellen, das unterscheidet sich ganz erheblich von ihren eigenen Erwartungen.

„Die Rote Zora“ in Basel

„Die rote Zora und ihre Bande“ am Theater Basel.
„Die rote Zora und ihre Bande“ am Theater Basel. | Bild: Maurice Korbel

Am Theater Basel kämpft „Die Rote Zora“ mit ihrer Bande um Anerkennung und Gerechtigkeit. Im Kontext der Debatte um Diversität und gesellschaftliche Teilhabe gewinnt Kurt Helds in den 40er-Jahren entstandene Romanfigur wieder an Aktualität: In Basel sind unter anderem Akteure mit Fluchterfahrungen zu sehen, das Publikum bekommt neben dem Hochdeutschen auch Sprachen wie Englisch, Somali, Soninke, Arabisch oder Paschtu zu hören. Und natürlich: Schweizerdeutsch!

Wer eine längere Anreise nicht scheut, kann am Theater Freiburg Astrid Lindgrens Dauerbrenner „Pippi Langstrumpf“ erleben oder auch am Stuttgarter Schauspielhaus „Robin Hood“. Manche Stoffe sind aus den vorweihnachtlichen Spielplänen kaum mehr wegzudenken.

Tiefere Dimension des Froschkönigs

Weihnachtsmärchen, das gilt sowohl den Theatern selbst als auch ihrem Publikum noch oftmals als vor allem pädagogische Angelegenheit fernab der eigentlichen ernsthaften Bühnenarbeit. Vor diesem Hintergrund erscheint das Konzept des Zürcher Schauspielhauses interessant: Dort zeichnet für die Inszenierung des Gebrüder-Grimm-Märchens „Der Froschkönig“ der Intendant persönlich verantwortlich.

„Pippi Langstrumpf“ am Theater Freiburg.
„Pippi Langstrumpf“ am Theater Freiburg. | Bild: Rainer Muranyi

Unter dem Titel „König der Frösche“ ergründet Nicolas Stemann die tiefere Dimension einer Geschichte, in der sich ein Außenseiter den sozialen Aufstieg erkaufen will. Die traditionelle Unterscheidung zwischen Theater für Erwachsene einerseits und Bühnenstücken für die lieben Kleinen andererseits hat das Haus bereits vor zwei Jahren komplett abgeschafft. Man will jedes Publikum gleichermaßen ernst nehmen. Es gebe ja auch „keine eigene Sparte für Männer, für Senioren oder für Schreiner“, begründen die beiden Intendanten ihre Entscheidung.

So offenbart das Familienstück in der Vorweihnachtszeit vielleicht am besten, wo die wahren Bruchlinien eines Spielplans liegen: nämlich nicht zwischen alt und jung, tragisch und komisch, männlich und weiblich. Sondern schlicht zwischen gutem und schlechtem Theater.