Deutschland, in ungefähr 30 Jahren. Sabah Hussein, die muslimische Protagonistin Ihres Romans, hat es geschafft und steht kurz davor, zur Kanzlerin gewählt zu werden. Sie sind dann ehemaliger Tagesthemen-Moderator, im Ruhestand, aber nach wie vor Journalist aus Leidenschaft. Sogar Twitter gibt es noch. Wie würden Sie dort den Wahlsieg Husseins für Ihre Follower kommentieren?

Als Journalist würde ich nicht gratulieren. Das macht man nicht. Sonst könnte man alles Gute wünschen. Ich würde – gerade als jemand, der das dann mit über 70 noch begleitet – schreiben: Ich freue mich auf eine spannende Regierungszeit. Denn die würde es auf jeden Fall werden.

Ist Deutschland 2021 bereit für eine Muslima im Kanzleramt?

Ich glaube, dass die Frage der Religionszugehörigkeit heute bereits nicht mehr das Entscheidende wäre. Es würde heute schon noch für einige Diskussionen und Aufsehen sorgen. Aber auch heute würde man, glaube ich, nicht sagen, „nur“ weil jemand muslimischen Glaubens ist, kann er nicht Bundeskanzlerin oder Bundeskanzler werden.

Der Grund, warum wir da „noch“ nicht sind, ist eher, dass es durch die Altersentwicklung noch nicht genügend Personen muslimischen Glaubens in den entsprechenden Positionen gibt. Es hängt ja auch davon ab, dass man in Parteihierarchien entsprechend weit nach vorne kommt. Das braucht noch Zeit. Aber die Frage der Religionszugehörigkeit sehe ich schon jetzt nicht als Hindernis.

Hoffentlich ist das so. Dennoch ist Ihr Roman eine Dystopie. Sie spitzen Entwicklungen aus der Gegenwart extrem zu. Was beunruhigt Sie heute am meisten?

Die Lagerhaltung bei politischen Überzeugungen, die auch den Journalismus voll erfasst hat und in meinem Roman eben die gesamte Gesellschaft. Es gibt keine Mitte mehr, die unpolitisch oder in irgendeiner Weise neutral ist. Das gesamte Leben ist politisiert und man muss sich auch immer zwischen rechts und links entscheiden. Diese Tendenz sehe ich heute ganz klar. In dem Roman habe ich das extrem auf die Spitze getrieben.

Constantin Schreiber, posiert im Rahmen von Dreharbeiten für die arabische Nachrichtensendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ in Berlin an seinem Schreibtisch.
Constantin Schreiber, posiert im Rahmen von Dreharbeiten für die arabische Nachrichtensendung „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ in Berlin an seinem Schreibtisch. | Bild: Jörg Carstensen

Es läuft noch mehr schief. Fangen wir zum Beispiel bei der Debatten-Kultur an. Das wissen Sie als Nachrichten-Sprecher besser als viele andere, wie schnell Themen trenden, wie schnell sich eine Zuspitzung zu einem Shitstorm auswächst. Wie können wir das wieder kitten?

Das ist eine große Frage, die sehr viele Facetten beinhaltet. Ein wesentlicher Punkt sind natürlich soziale Netzwerke, die diesen Titel aus meiner Sicht nicht verdienen, weil sie nicht sozial, sondern eher asozial sind. Bei Twitter zum Beispiel führen sie in der Verknappung zwangsläufig dazu, dass man nur noch zugespitzt miteinander kommuniziert. Facebook ist zunehmend zu einem Ort des Hasses geworden. Das ist inzwischen aus meiner Sicht ein Zustand, an dem man aber mit freundlichen Appellen nichts ändern wird.

Sondern?

Vielleicht sollten wir darüber diskutieren, ob soziale Netzwerke nicht einen Chefredakteur brauchen. Und muss man nicht inhaltlich auch ganz anders Kontrolle installieren? Dass man sich da nach wie vor, relativ anonym, mit einem Account anmelden und Fake News verbreiten, Behauptungen aufstellen und Leute beschimpfen kann, geht nicht. Ich kann mich ja auch im realen Leben nicht auf die Straße stellen und Leute beleidigen. Online geht das komischerweise. Da muss der Gesetzgeber aktiv werden, da muss man andere Rahmenbedingungen schaffen. Das ist alles viel zu lax und halbherzig, was im Moment tatsächlich passiert.

Wie oft werden Sie in den Netzwerken angefeindet?

Permanent. Es gibt aber sicherlich Leute, die wesentlich stärker mit dieser Problematik zu tun haben. Ich äußere mich in sozialen Medien eher zurückhaltend. Ich stürze mich auch nicht in jeden Kampf, weil ich da überhaupt keine Lust zu habe. Interessanterweise führt das aber dazu, dass sich viele Dinge einfach erschöpfen.

Wie das?

Wenn man keine Antwort von denen bekommt, die man beschimpft, wird es offenbar langweilig. Insofern ist das – glaube ich – gar keine dumme Strategie. Aber klar ist auch: Wenn ich zum Beispiel bei Maischberger versuche, mich differenziert zu Palästina und Israel zu äußern, darauf hinweise, dass auch die Palästinenser nicht nur Opfer sind – was meinen Sie, was ich für Zuschriften bekomme!

Sowohl in der Zahl als auch in der Tonalität. Oder als ich früher die deutsch-arabische Sendung für Geflüchtete „Marhaba – Ankommen in Deutschland“ gemacht habe? Was da – dann von rechter Seite – kam, war auch harter Tobak. Inzwischen ist es für Journalisten relativ normal, dass, egal was sie publizieren, es in irgendeiner Weise eine Reaktion triggert. Nicht freundlich in der Regel.

Constantin Schreiber ist auf der Abu El Feda Straße in Zamalek/Kairo auf einem Werbeplakat für das von ihm moderierte Wissenschaftsmagazin “SciTech„ zu sehen (undatierte Aufnahme). Schreiber ist der einzige Deutsche, der auf Arabisch eine Fernsehsendung präsentiert.
Constantin Schreiber ist auf der Abu El Feda Straße in Zamalek/Kairo auf einem Werbeplakat für das von ihm moderierte Wissenschaftsmagazin “SciTech„ zu sehen (undatierte Aufnahme). Schreiber ist der einzige Deutsche, der auf Arabisch eine Fernsehsendung präsentiert. | Bild: Boekamp & Kriegsheim

Sie haben in Ihrem Roman auch ein sogenanntes Vielfaltsförderungsgesetz entworfen. Ziel dieses fiktiven Gesetzes ist es, die Diversität der Angestellten und Manager von Unternehmen zu erhöhen und diskriminierte Identitäten zu fördern. Wie viel mehr an Quote brauchen wir heute, um die verschiedenen gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten endlich zu beseitigen?

Ich habe in den vergangenen Jahren sehr viel mit Kollegen diskutiert. Einige streiten sehr vehement für Quoten, andere sehen das kritischer. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass Quoten per se problematisch sind, weil sie zwangsläufig neue Ungerechtigkeiten schaffen.

Das habe ich versucht in dem Roman haptisch zu machen, es nicht nur mit Zahlen zu beschreiben, sondern sich szenisch hineinzuversetzen: Was bedeutet es, wenn wir Menschen mit den von mir ausgedachten Vielfaltsmerkmalen kategorisieren. Um sie dann – wohlgemerkt mit guter Absicht – zu fördern. Wir sehen, dass das letztlich zu einer Exotisierung führt.

Zum Beispiel?

Das haben – jetzt wieder im wirklichen Leben, nicht im Roman – einige junge muslimische Kolleginnen von mir bemängelt. Die sagen: Ich bin nur Kultur-Muslima. Ich habe mit meinem Glauben genauso viel zu tun wie der durchschnittliche Christ mit seinem. Von mir, so heißt es weiter, wird aber permanent – wohlgemerkt in guter Absicht – ein Glaubensbekenntnis eingefordert. Oder: Es werde von ihnen erwartet, dass sie muslimisch aussehen oder sich so verhalten. Was dann wiederum mit Fördermöglichkeiten verbunden ist.

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Es macht etwa, so sagen die Kolleginnen, einen Unterschied, ob sie als Muslima ein Kopftuch tragen oder ihr Haar offen lassen, sich nicht zum Glauben bekennen. Was dazu führen kann, dass sie aus dem Fördermuster herausfallen. Ein zweites Beispiel: Eine andere Bekannte, die sich für einen Job beworben und es bis in die Endrunde geschafft hatte, bekam die Stelle nicht und fragte dann nach den Gründen.

Man sagte ihr: Sie haben nicht mal einen Migrationshintergrund. Sie erwiderte: Doch, ich bin Polin, habe keinen deutschen Pass. Und die Antwort darauf wiederum lautete: Es reicht nicht, man muss es sehen. Also: Quoten können nie einen Menschen in seiner Einzigartigkeit anerkennen, sondern versuchen ihn immer in irgendeiner Weise zu kategorisieren, zuzuordnen. Und das ist problematisch.

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Würden Sie denn zum Beispiel die viel diskutierte Frauen-Quote auf Zeit für sinnvoll halten, um Ungerechtigkeiten auszugleichen?

Ich habe eine Tochter, für die ich mir wünsche, dass sie später jeden Beruf ausüben kann, den sie sich wünscht. Ich habe bisher mehr Chefinnen als Chefs gehabt und bin nicht in innerer Opposition, Frauen in Führungspositionen sehen zu wollen. Überhaupt nicht! Ich frage mich aber, ob es eine Quote sein muss, ob Empowerment nicht auch über gezielte Förderung ausreichend stattfinden kann.

Und ich würde auch gerne sehen, was passiert, wenn – gerade im Medienbereich, wo es wesentlich mehr weiblichen Nachwuchs gibt – irgendwann das Szenario eintritt, in dem es eine Männerquote von 50 Prozent bräuchte, weil die Mehrheit der Belegschaft sonst weiblich wäre. Letztlich geht es doch um Können und Fähigkeiten, von denen auch ich natürlich glaube, dass sie gleichmäßig verteilt sind.

Einen beträchtlichen Teil Ihres journalistischen Lebens haben Sie im Nahen Osten verbracht. Sie sprechen und moderieren auf Arabisch, besuchten vor Jahren Freunde Ihrer Eltern in Syrien und bekamen so Bezug zu der Region. Was fasziniert Sie dort besonders?

Das ist die große Vielfalt an Themen, eigenen Kulturen, Religionen. Und da ist eine Region, die gerade sehr darum ringt, in der Gegenwart anzukommen. Die Staatenbildung, die Bildung der Gesellschaft, ist da noch gar nicht abgeschlossen. Das fasziniert mich unglaublich. Ägypten ist nicht gleich Libanon und Libanon ist nicht gleich Syrien. Man hat das Übergeordnete des Arabischen, aber es hat darunter diese riesige historische, gegenwärtige Vielfalt. Die finde ich sehr attraktiv.

Constantin Schreiber: „Die Kandidatin“, Hoffmann & Campe 2021; 208 Seiten, 22 Euro.
Constantin Schreiber: „Die Kandidatin“, Hoffmann & Campe 2021; 208 Seiten, 22 Euro. | Bild: Hoffmann & Campe

Welches Land sollte man zuerst bereisen, um die Region besser zu verstehen?

Ich würde nicht sagen, dass es das Land gibt, das man zuerst bereisen müsste und das dann stellvertretend für die Region steht. Ägypten aber ist natürlich nach wie vor Zentrum der arabisch-islamischen Welt, allein durch die Größe, durch die Bedeutung der religiösen Institutionen, der Azhar-Universität, aber auch durch die Fernsehsender, die nach wie vor eine große Rolle spielen, mit den Soaps, den Ramadan-Serien, durch die politische Bedeutung für den Nahost-Konflikt. Gleichzeitig hat es touristisch Bedeutung, was es leicht macht, sich dort umzuschauen. Ägypten ist sicher sehr spannend, um einen Zugang zu bekommen.

In den Schlagzeilen ist der Nahe Osten, neben dem Bürgerkrieg in Syrien, gerade wieder wegen des Konfliktes zwischen Israelis und Palästinensern. In Deutschland kam es erneut zu antisemitischen Demonstrationen. Wo sehen Sie hier die Versäumnisse?

Das ganz große Problem, das ich hier sehe, ist die mediale Beschallung von arabischsprachigen Migranten in Deutschland mit Antisemitismus. Man muss nicht lange suchen, um an einem Zeitungskiosk ein arabischsprachiges Blatt zu finden, in dem beispielsweise von „zionistischen Verschwörungen“ geschrieben wird. Auch über arabischsprachige TV-Kanäle oder Online-Seiten wird Antisemitismus verbreitet. Solange dies auf Menschen einwirkt, können alle Aktionen und Programme gegen Antisemitismus dem nur wenig entgegenwirken.

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