Monsieur Jarre, was ist aus der Sicht eines Live-Musikers das Begrüßenswerte an Künstlicher Intelligenz?

In der Zeit des Lockdowns hat ein Umdenken stattgefunden. Die Menschen bewegen sich jetzt noch mehr in imaginären Online-Welten, die allerdings mit der Außenwelt verbunden sind. Ich interessiere mich schon länger für Virtual Reality und andere neue Techniken. Außerdem wollte ich unbedingt etwas zur diesjährigen Fête de la Musique beitragen, um in der Coronakrise eine positive Botschaft an die Menschen da draußen zu senden. Mit einigen jungen Start-up-Unternehmern habe ich bereits bei meinem letzten Album zusammengearbeitet. Sutu alias Stuart Campbell zum Beispiel stand Steven Spielberg bei dem Film „Reader Player One“ zur Seite. Gemeinsam hatten wir jetzt die Idee, dass ich meine Bühnenpersönlichkeit als Avatar in die virtuelle Welt schicke. Das Ganze wurde dann zu einer echten Weltpremiere.

Was ist das Neue an Ihrer Virtual-Reality-Show „Alone Together“?

Bisher waren virtuelle Konzerte immer vorproduziert, in unserem Fall aber fand die Show wirklich live statt. Wir haben dafür eine computergestützte simulierte Umgebung kreiert, die an das Stage-Design meiner Live-Touren erinnert. Ich hatte zuerst die Befürchtung, dass solch eine Performance sehr abstrakt sein könnte, ich habe sie nämlich mit einem Virtual-Reality-Headset von meinem Studio aus gespielt. Damit konnte ich die Leute im Garten des Palais Royal in Paris sehen, was überwältigend war.

Kann Virtual Reality das Live-Erlebnis ersetzen?

Virtual Reality ist für mich keine Alternative zu einer herkömmlichen und einzigartigen Live-Performance, bei der ein Künstler direkt vor Publikum auftritt, das Schulter an Schulter in einem Club steht. Sie ist vielmehr etwas ganz Eigenes. Eine völlig neue Möglichkeit, mit dem Publikum zu korrespondieren – und zwar mit der Technologie unserer Zeit.

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Vereinzelt fanden Virtual-Reality-Konzerte bereits statt. Diese waren aufgezeichnet und wurden anschließend abgespielt. Das Konzert von Ihnen war aber tatsächlich live. Wie kompliziert war die Umsetzung?

Es war eine ziemliche Herausforderung. Es galt, viele Probleme zu lösen. Der Avatar musste zum Beispiel so zum Leben erweckt werden, dass ich ihn von meinem Studio aus wie meinen eigenen Körper steuern konnte. Und zwar live. Mein Studio sah aus wie ein Kontrollraum der Nasa mit dutzenden von Bildschirmen. Alle Beteiligten hatten dasselbe Ziel vor Augen. Ein Gefühl wie bei der ersten Mondlandung. Sehr aufregend!

Haben Sie das Projekt während des Shutdowns entwickelt?

Ja. Die Wahrheit ist, dass wir für das Ganze nur drei Wochen Zeit hatten. Und zwar Tag und Nacht. Wir wurden dabei vom französischen Kulturministerium unterstützt.

Haben Sie die Musik speziell für das Projekt geschrieben?

Ich habe für „Alone Together“ drei neue Songs geschrieben. Das Tolle ist, dass man mit dem Avatar machen kann, was man will. Ich habe im Studio auf meinem Keyboard live gespielt, aber in der virtuellen Welt war eine virtuelle Version des Instruments zu sehen. Es ist keine Live-Performance, wie wir sie gewohnt sind, es ist etwas anderes. Ich bin davon überzeugt, dass Virtual Reality eine ganz eigene Ausdrucksform ist, auch nicht vergleichbar mit Videospielen.

Werden Sie im nächsten Schritt Ihren Avatar auf Tour schicken?

Warum nicht? Wir haben gerade so viele Ideen. Auf „Alone Together“ gab es Reaktionen aus der ganzen Welt.

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Wie teuer ist solch ein Projekt?

Gar nicht so teuer und mit Sicherheit günstiger als eine echte Tour, wo unter anderem Kosten für Reisen, Hotels und Löhne anfallen.

Vermissen Sie das echte Live-Spielen vor Publikum?

Einen Filmregisseur würde man auch nicht fragen, ob er das Theater vermisst. Natürlich ist Virtual Reality etwas anderes als ein Live-Konzert und es ist tatsächlich so, dass man die Konzertbühne vermisst. Das heißt aber nicht, dass das eine besser ist als das andere.

Ist eine virtuelle Performance genauso emotional wie eine echte Live-Performance?

Man muss es einmal selbst erlebt haben, um zu begreifen, wie erstaunlich emotional das Ganze ist. Wenn dein Avatar mit Menschen in einem virtuellen Raum kommuniziert, vergisst du sehr schnell, dass dieser Ort künstlich ist. Wir beide unterhalten uns gerade am Telefon. Auch dabei können wir Gefühle ausdrücken. Dafür müssen wir uns nicht persönlich treffen. Aber in der virtuellen Welt begegnen wir uns sogar persönlich – in Gestalt von Avataren. Die Studenten haben jedenfalls sehr stark auf meine Performance reagiert.

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Dank Internets verliert die „Ware“ Musik an Wert, dennoch will sie jeder immer und überall haben. Wie denken Sie darüber?

Wir leben in einer Welt, in der Musik gratis ist – wie die Luft, die wir einatmen. Das ist nicht gerecht. Viele Künstler haben während des Lockdowns ihre Internetpräsenz verstärkt und Songs gepostet, die den Menschen Hoffnung machen sollen. Ich finde, künstlerische Arbeit muss mehr respektiert werden. Da gibt es Leute, die sich darüber beschweren, wie viel eine CD, DVD, ein Buch oder eine Kinoticket kosten. Dieselben Leute haben aber kein Problem damit, 60 Euro für ein T-Shirt hinzulegen, das für drei Euro in Asien hergestellt wurde.

Ihre App EoN für iOS und iPadOS nimmt die Idee der „Unendlichkeit“ auf und will auf jedem Gerät und mit jedem Start neue, individuelle Klänge und Visuals abspielen, die nie aufhören und sich immer wieder in etwas Neues verwandeln. So als ob ein DJ ständig neue Musik zusammenmischt. Ist diese App kreativer als das menschliche Gehirn?

Nein. Alles, was diese App kann, habe ich für sie geschrieben – es stammt also von einem realen Menschen. Die App arrangiert lediglich das um, was ich persönlich in sie hineingegeben habe. Sie kombiniert meine Zutaten immer wieder neu. Das ist eigentlich eine ganz alte Idee. Mozart war einer der ersten Musiker, der darüber nachgedacht hat, kleine Stücke zu komponieren, die von einem Orchester immer und immer wieder neu strukturiert werden sollen. Natürlich ließ sich das nicht in die Tat umsetzen, denn Musiker müssen ja auch mal schlafen oder etwas essen. Auch vor 15 Jahren war die Idee der Unendlichkeit noch nicht möglich. Meine App ist sozusagen das erste Album, das niemals endet. Die Musik wird selbst dann noch weiterspielen, wenn ich nicht mehr lebe.