„Wie schaut man zurück in einem Festival, das immer nur nach vorne schaut?“ Das sei, so Musiktage-Chef Björn Gottstein, die schwierigste Frage bei der Planung der Jubiläumsausgabe gewesen: 100 Jahre Neue Musik – das klingt ja schon in sich nach einem Widerspruch. Aber weil für Gottstein feststeht, dass man „100 Jahre Donaueschingen nur feiern kann, indem man Experimente auf die Bühne bringt“, gibt es 2021 nur ein bisschen Rückblick, dafür wie immer viele Uraufführungen und mit dem Schwerpunkt „Donaueschingen global“ auch einen entschiedenen Blick nach vorne. In diesem groß angelegten Konzert- und Forschungsprojekt nämlich weitet sich der Fokus auf nicht-westliche Musikkonzepte.

Was den Rückblick betrifft, zieht die Ausstellung „100 Jahre Donaueschingen“, die sich über die gesamte Stadt verteilt, die großen historischen Linien. Zudem erklang beim einleitenden Festakt am Donnerstag mit einem Satz aus Paul Hindemiths 3. Streichquartett (gespielt vom Diotima Quartett) ein Initialwerk des ersten Festivaljahrgangs. Damals sorgte es gerade wegen seiner Widerspenstigkeit und der demonstrativen Abkehr vom romantischen Klangideal für Begeisterung. Aber auch noch hundert Jahre später meint man den Schwung zum Aufbruch darin erkennen zu können.

Ein weiteres historisches Werk kommt heute Abend zum Zuge: Das Lucerne Festival Contemporary Orchestera führt Pierre Boulez‘ „Polyphonie X“ wieder auf. Und das könnte nicht bloß ein nostalgischer Rückblick, sondern ein Experiment werden. Das serielle Initialstück von 1951 hatte damals in Donaueschingen für einen veritablen Skandal gesorgt. Für viele hatte sich die Avantgarde mit der überkontrollierten Ästhetik des Serialismus in eine Sackgasse katapultiert. Ende also statt Aufbruch? Es wird spannend zu sehen, wie das Publikum von 2021 dies mit fünfzig Jahren Abstand wahrnimmt.

Donaueschingen global weitet den Blick

Den Blick nach vorne hingegen richtet der scheidende Festspiel-Chef bewusst in eine Zukunft der Diversität. Musik auch aus Ländern zu hören, die in Europa eher selten zu Gast sind, und so den Donaueschinger Horizont zu öffnen, das war und ist ihm ein Anliegen.

Für das Projekt „Donaueschingen global“ haben daher vier sogenannte Researcher zwei Jahre lang Regionen bereist, von denen wir wenig über Neue Musik wissen – in Afrika, Lateinamerika, im Mittleren Osten und Asien. Dabei ging es jedoch nicht um indigene Musiken. Vielmehr ist Dekolonialisierung das Schlüsselwort – und zieht natürlich gleich kritische Fragen nach sich. Ist die Suche nach einer dekolonialen Musikpraxis nicht schon wieder eine neue Schublade für nicht-weiße, nicht-westliche Kunst? Ist die Frage nach einer „Neuen Musik“ des globalen Südens nicht schon von vornherein falsch gestellt?

Die Klanginstallation „Khòó-xùùn“ von dem afrikanischen Duo Pungwe.
Die Klanginstallation „Khòó-xùùn“ von dem afrikanischen Duo Pungwe. | Bild: Elisabeth Schwind

Da ist beispielsweise die Klanginstallation von Pungwe, einem Duo, das aus einer Historikerin aus Namibia und einem Perfomancekünstler aus Ghana besteht. Rote Flaggen mit einer tanzenden Gestalt hängen von der Decke der alten Molkerei, der Boden ist in Referenz an die ursprüngliche Bestimmung des Orts dünn mit Kuhmist beschmiert. Marimba- und Trommelrhythmen füllen den Raum. Der junge senegalesische Mann, der hier die Aufsicht führt, erklärt mir, er wisse ja nicht genau, wie das für mich als Weiße klinge, er aber könne was damit anfangen, auch wenn er aus einem anderen Land als die Künstler komme.

Genau das ist der entscheidende Punkt: Auch mir erscheint die Musik zugänglich, es gefällt mir, was ich höre, sehe und – ja auch – rieche, aber höre ich darin dasselbe wie das afrikanische Künstler-Duo? Wohl kaum – über die kulturellen und gesellschaftlichen Kontexte weiß ich dazu viel zu wenig.

Abed Kobeissy und Ali Hout aus Beirut als Duo „Two or the Dragon“ bei ihrer Performance im Festival-Schwerpunkt „Donaueschingen global“.
Abed Kobeissy und Ali Hout aus Beirut als Duo „Two or the Dragon“ bei ihrer Performance im Festival-Schwerpunkt „Donaueschingen global“. | Bild: Elisabeth Schwind

Und so ähnlich geht es dann auch in anderen Veranstaltungen – etwa in der Performance des Duos aus Beirut, das sich Two or the Dragon nennt. Mit arabischer Laute, Trommeln und jeder Menge Elektronik rückt es arabischer Musik und Spieltechniken zu Leibe – eine hochspannende, virtuose Performance. Die Elektronik wirkt vertraut – aber verstehen wir den Umgang mit der arabischen Kultur wirklich?

Wo Komponisten und Komponistinnen für ein klassisches europäisches Instrumentarium schreiben – wie im Konzert mit dem Klangforum Wien zu hören -, ist der Eindruck der Vertrautheit nochmal größer. Tatsächlich fügen sich die Werke von Carolina Noguera Palau und Rodolfo Acosta aus Kolumbien, von Nima A. Rowshan aus dem Iran und Andile Khumalo aus Südafrika gut ins Donaueschinger Repertoire ein. Aber ist das nicht in Ordnung so?

Und so zeigt die ständige Suche nach dem Vertrauten im Unbekannten und dem Unbekannten im Vertrauten vor allem, wie wenig selbstverständlich die Begegnung mit anderen Kulturen noch immer ist. Das aufzubrechen ist „Donaueschingen global“ angetreten. Es könnte der Startschuss für die nächsten hundert Jahre Musikgeschichte sein.