Einen krisensicheren Wirtschaftszweig gibt es: Die globale Waffenindustrie prosperiert zuverlässig. Weltweit werden Jahr für Jahr acht Millionen Waffen produziert – von Handfeuerwaffen (etwa für selbsternannte Sheriffs in den USA) bis zur ferngelenkten Hightech-Rakete für militärische Zwecke. Für Pedro Reyes sind es acht Millionen Waffen zuviel.

Radikaler Pazifist

Der Künstler und radikale Pazifist möchte mit seinen Kunstwerken zur Verwirklichung der Utopie einer Welt ohne Waffen beitragen. „Es würde der Welt nur zugute kommen, würde man die gesamte Waffenproduktion einstellen. Ich bin Pazifist und glaube daran.“

Pedro Reyes, 2019
Pedro Reyes, 2019 | Bild: Tinguely Museum

„Sanatorium“, die Arbeit, mit der er 2012 an der Kasseler documenta 13 teilnahm, war eine Art Erste-Hilfe-Pavillon für Zivilisationskrankheiten. Reyes‚ Eintreten für eine waffenfreie Welt ist Teil einer ausgedehnten künstlerischen Strategie.

2007 startete der Mexikaner sein Projekt „Palas por Pistolas“: Wer in der mexikanischen Großstadt Culiacán eine Waffe bei den Behörden ablieferte, erhielt einen Coupon für Haushalts- und Elektroartikel. Die 1527 abgegebenen Revolver, Gewehre und Messer wurden eingeschmolzen – und zu ebenso vielen Schaufeln gegossen, mit denen wiederum eine gleiche Anzahl von Bäumen gepflanzt wurde.

Pedro Reyes: „Palas por Pistolas“.
Pedro Reyes: „Palas por Pistolas“. | Bild: Pedro Reyes

Jahre später begann Reyes, aus Waffen Musikinstrumente zu fertigen. Für die Werkgruppe „Disarm“ verwendete er 6700 im mexikanischen Drogenkrieg konfiszierte Waffen. Wurden die Instrumente anfangs noch von befreundeten Musikern und Musikerinnen gespielt, so mechanisierte und automatisierte Reyes später seine Musikinstrumente.

Der Doppelmoral der Waffenindustrie, die Waffen gern scheinheilig als Instrumente der Selbstverteidigung anpreist, setzt er entgegen: „Waffen verkörpern die Herrschaft der Angst, Musik hingegen die Herrschaft des Vertrauens.“ Seine Kunst möchte er als eine Art Upcycling, als „Reverse Engineering“ von Waffen verstanden wissen.

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In seinen jüngsten Werken „Disarm Music Box“ ging Reyes noch einen Schritt weiter. Aus Waffen schuf er jetzt Spieldosen: Musikautomaten, die Werke von Komponisten aus jenem Land spielen, aus dem die Waffen stammen. Es sind vornehmlich neutrale Länder wie die Schweiz und Österreich, auf die er sich dabei konzentriert. Ihr positives Image macht oft vergessen, dass auch auf ihrem Boden Waffenindustrien bestehen, die ihre Produkte exportieren.

Pedro Reyes: Disarm (Mechanized) II, 2014.
Pedro Reyes: Disarm (Mechanized) II, 2014. | Bild: DANIEL SPEHR

Reyes‚ „Disarm Music Boxes“ sind 2020 als Auftragswerk des Basler Tinguely Museums entstanden. In der Ausstellung „Return to sender“ sind sie jetzt zu sehen. Der Titel (übersetzt: Zurück zum Sender) bezieht sich auf den Umstand, dass die erworbenen Waffen verwandelt ins Land ihrer Herkunft zurückkehren.

Vivaldi aus der Handfeuerwaffe

Die Musikboxen spielen zum Beispiel Mozart und Vivaldi. Als Materialressource für die Mozart-Box dienten Reyes österreichische Selbstladepistolen der Marke Glock; für die Vivaldi-Komposition verarbeitete er Handfeuerwaffen der italienischen Firma Beretta. Zugegeben: Mozarts 40. Sinfonie klingt auf Waffenläufen ein wenig dünn und blechern, doch die Melodie ist unverwechselbar. Gleiches gilt für Vivaldi – oder das „Zündhölzli-Lied“ des Schweizer Liedermachers Mani Matter über einen Weltenbrand auf der Schweizer Disarm Box.

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Bei Führungen im Tinguely Museum kann man die Kompositionen aus Gewehrläufen jetzt hören. Ein wenig erinnern die Musikboxen aus glänzendem Messing an Registrierkassen älterer Bauart. Aber bei welcher Kasse blickt man schon direkt in Gewehrläufe? Vielleicht noch eindrucksvoller als die neue Serie ist die raumgreifende Klanginstallation „Disarm (Mechanized) II“ von 2014, die im Dauerloop läuft: ein fesselndes Erlebnis für jeden, der auf Neue Musik nicht allergisch reagiert. Denn ihr ähneln die Klangschöpfungen der Installation.

Technisches Geschick

Mit technischem Geschick, das sich vor den Kreationen des Tüftlers und Mechanikers Jean Tinguelys nicht verstecken muss, hat Reyes die Klangskulpturen wie auch die „Disarm Boxes“ auch ästhetisch ansprechend gestaltet. Man muss schon genauer hinschauen, um die in die komplexen Gebilde eingebauten Pistolen, Gewehrläufe und Waffenzubehör zu erkennen. Aufgestellt sind Reyes‚ Musikautomaten im Nebensaal zu Jean Tinguelys raumgreifender Installation „Mengele Totentanz“. Die Ausstellung ist die fünfte in einer Reihe, in der zeitgenössische Künstler in Dialog mit Tinguelys Werk von 1986 treten.

Museum Tinguely, Paul Sacher-Anlage 1, Basel. Bis 15. November, Di-So 11-18 Uhr. Weitere Informationen: http://www.http://tinguely.http://ch

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