Wer mit seiner Familie einige Jahrzehnte vorweihnachtliche Theatererfahrung sammelt, der hat die großen Klassiker der Kinderbuchliteratur bald alle durch: Dschungelbuch, Pippi Langstrumpf, Emil und die Detektive, Robin Hood... Dass es auch anders geht, zeigt das Theater Konstanz, wo in diesem Jahr „Die wilde Sophie“ in Aktion tritt.

Sie entstammt einem Märchen des Schweizer Autors Lukas Hartmann. Bereits vor 30 Jahren erschienen, zählt es noch heute eher zu den Geheimtipps der Kinderbuchliteratur. Dabei vereint es zwei brandaktuelle Themen: die Durchdringung des Lebens von Überwachungsmaßnahmen und die Überfürsorglichkeit ängstlicher Eltern. Fachbegriff: Helikopter-Eltern.

Nicht zuletzt schlägt sich auch ein modernes Geschlechterbild in dieser Geschichte nieder. Denn anders als bei den Brüdern Grimm tritt der Märchenprinz hier nicht als strahlender Held und Retter in Erscheinung. Im Gegenteil: Von seinem Vater andauernd kontrolliert, muss er ein trauriges Dasein ohne jedes Abenteuer fristen. Ein Glück, dass bald die Tochter des königlichen Lieferanten von Zwetschgenkompott auf sein Schicksal aufmerksam wird!

Abenteuer in St. Gallen

Noch exotischer geht es in diesem Jahr nur am Theater St. Gallen zu. Das musikalische Abenteuer „Felltuschgnusch“ ist überhaupt noch nie aufgeführt worden. Komponiert wurde es von einer Schweizer Band mit dem schönen Namen „Marius & die Jagdkapelle“. Kurioserweise handelt es nicht vom Winter, sondern dem Frühling: jener Zeit, in der die Tiere aus ihrem langen Winterschlaf erwachen, um sich am großen Waldteich erst mal ausgiebig zu waschen. Weil sie alle so verschieden sind, geht es dabei nicht immer harmonisch zu. Vor allem das „Seichhörnli“ hat lauter Unsinn im Kopf.

Pinocchio in Zürich

Andere Theaterhäuser sind weniger experimentierfreudig und folgen lieber dem altbewährten Repertoire. Am Zürcher Schauspielhaus zum Beispiel sind die „Abenteuer des Pinocchio“ zu erleben. Die Gruppe „Moved by the Motion“ erzählt Carlo Collodis Geschichte entlang des Diskurses um Geschlechterrollen neu. Es geht um die Frage, was es heute noch bedeutet, ein „echter Junge“ zu sein, und was auf dem Weg dorthin alles verloren gehen kann. Das ist ein durchaus neuer Ansatz, wird doch die Pinocchio-Figur meist auf den Aspekt des Lügens reduziert.

Momo in Stuttgart

Am Stuttgarter Staatstheater ist die „seltsame Geschichte von den Zeit-Dieben und von dem Kind, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbrachte“ zu erleben. Wer sich mit Kinderbüchern auskennt, errät sofort, das ist natürlich Michael Endes Roman „Momo“, der sich mit einer ständig gehetzten, auf Selbstoptimierung getrimmten Gesellschaft befasst. Bemerkenswert daran: Erschienen ist das Buch vor fast einem halben Jahrhundert. Von seiner Aktualität hat es seither nichts verloren.

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Schneekönigin in Freiburg

Der dänische Erzähler Hans Christian Andersen erfreut sich auffallend wachsender Beliebtheit. Die für das kommende Jahr angekündigte Neuverfilmung des Zeichentrick-Klassikers „Arielle, die Meerjungfrau“ wirft ihren Schatten bereits voraus: Selbstverständlich basiert der Hollywoodfilm auf dem Märchen von der kleinen Meerjungfrau. Unter dem Titel „Frozen“ hatte der Disney-Konzern zuletzt bereits die Geschichte von der Eiskönigin sehr erfolgreich aufgegriffen. Ebendiese gibt es zur Weihnachtszeit jetzt auch am Freiburger Stadttheater.

Ob Kinder, die diesen Stoff am Bildschirm kennengelernt haben, ihre Erwartungen wohl erfüllt sehen? Zwischen Hollywood und dem Original liegen Welten, unter anderem ist ein in den vergangenen Jahren populär gewordener Schneemann bei Andersen gar nicht zu finden. In Freiburg sind dafür sogar Schmetterlinge, Raben und Eisbären zu erwarten. Besonders spannend: Auch die Herrscherinnen über die anderen drei Jahreszeiten stellen sich vor.

So gibt es auf den Bühnen unserer Region in der Vorweihnachtszeit trotz manch altbekannter Lektüre doch jede Menge Neues zu erfahren. Für Kinder, aber auch für die ganze Familie.