Schlager ist uncool. Und sterbenslangweilig. Vor Kitsch triefend. 0815. Billig produziert. Nichtssagend. Zum Mitschunkeln. Zum Mitklatschen. Musik für den Fernsehgarten. Kurzum: Schlager ist der Feind.

Zumindest für alle Musiker, die ihr Fach ernstnehmen. Für Rocker und Rapper, für Punks, Raver und Metaller, ja selbst für Popsternchen. In der Welt der Popkultur, dort also, wo Coolness immer noch eine Währung ist, dort ist Schlager ein rotes Tuch, das man nur mit ausgestreckten Fingern anfasst.

Und dann kam Helene Fischer

Bereits für Bertolt Brecht war es eine Qual, als die Stücke der Dreigroschenoper als schlagereske Hits zum Mitsingen verstanden wurden. Und klar, das ist jetzt alles ein wenig polemisch, aber eigentlich gab es zu Schlager über viele Jahre und Jahrzehnte keine zwei Meinungen. Und dann kam Helene Fischer.

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Helene Fischer, das kann mit ein wenig Abstand so sagen, hat nicht nur den Schlager, sondern die gesamte Musikwelt in Deutschland nachhaltig verändert. Ihre Erfolgsgeschichte ist kaum in Worte zu fassen, am prägnantesten ist vielleicht die Tatsache, dass sie im Zuge ihrer Tour die Stuttgarter Schleyerhalle, jenen Ort also, wo sich die größten Bands der Welt wie Kiss oder Metallica die Klinke in die Hand geben, einfach an fünf aufeinanderfolgenden Tagen ausverkauft. Spätestens mit diesen Zahlen braucht man kein Detektiv mehr zu sein, um festzustellen: Das können nicht nur Schlagerfans sein. Nein, Helene Fischer hat die Schlagerwelt mit chirurgischer Präzision und der Durchschlagskraft einer Abrissbirne für den Mainstream geöffnet.

Auf Ohrwurm getrimmt

Die gelernte Musicaldarstellerin zeigt sich wie ein amerikanischer Popstar, ihre Shows sind hyperspektakulär, die Songs auf unbarmherzige Ohrwurm getrimmt. Und ja, was soll man sagen: Die Musikindustrie ist eben auch nur eine Industrie, in der Zahlen vor allem anderen gelten. Urplötzlich fand ein etwas fadenscheiniges Umdenken statt: Was, wenn Schlager gar nicht so uncool ist?

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Doch stopp, machen wir einen kurzen historischen Exkurs: Als Schlager werden per treffender Wikipedia-Definition als leicht eingängige, instrumentalbegleitete Gesangstücke mit wenig anspruchsvollen und oftmals sentimentalen Texten bezeichnet. Geboren in den 20er Jahren, entscheidend gewachsen in der Nachkriegszeit und zu Zeiten des Wirtschaftswunders, wo der fröhlich vor sich hin plätschernde Schlager als eine Art Wundpflaster wirkte, das zum bunten Eskapismus einlud. Die Liebe der Deutschen zu ihrem Schlager hat also tiefgreifende Wurzeln, genau so wie der Protest gegen ebendiesen, die offene Rebellion gegen diese Blümchenwelt, die alles Leid (außer Liebeskummer) so gekonnt aus blendet.

Darüber hinaus darf nicht verschwiegen werden: Auch die Neue Deutsche Welle wirkte zwar einerseits durchaus avantgardistisch, nahm andererseits aber klare Anlagen beim Schlager. Welthits wie Nenas “99 Luftballons“ wurden dadurch erst möglich. Wir sehen: Es erscheint alles ambivalenter als zunächst angenommen.

Massives Fundament

Ende der 90er war es dann Stefan Raab, der (hochgradig ironisch) dem Schlager neues Leben injizierte, indem er Gildo Horn zum Eurovisions-Star machte und die Karriere von Jürgen Drews wiederbelebte. Wirklich ernst nahm Schlager zu diesem Zeitpunkt niemand. Nichtsdestoweniger wurde ein massives Fundament gelegt, auf welches in den folgenden Jahrzehnten vor allem Partymusik massive Backsteine legen konnte. Partykönige wie Mickie Krause, aber auch im HipHop verwurzelte Kombos wie „Die Atzen“ vereinnahmten die Einfachheit des Schlagers und ergänzten den Cocktail um massive Basslines und einen schrecklichen Mitgröhl-Faktor.

Besonders interessant ist indes eine Episode, in den ausklingenden 00er Jahren, in den sich Gangsterrapper urplötzlich alte Schlagerstars auf ihre Songs holten. So entstanden Songperlen wie “Für immer jung“ von Bushido und Karel Gott:

Oder auch “Jenseits von Eden“ von Eko Fresh:

Diese ungewöhnliche Duette entstanden indes nicht als Werk zweier ebenbürtiger Künstler. Bushido, 2008 auf Höhepunkt seiner wilden Karriere, nutzte den Biene-Maja-Sänger für seine Zwecke – und machte daraus auch nie einen Hehl.

Genau das ist der entscheidende und letzte Twist: Denn seit Helene Fischer wie ein Tsunami durch die hiesige Musikszene schwappte, muss Popmusik dem Schlager auf Augenhöhe begegnen. Blicken wir auf einige der erfolgreichsten deutschen Songs der letzten zwölf Monate (Pietro Lombardi – “Nur ein Tanz“, Mark Forster – “194 Länder“, oder Wincent Weiss – “An Wunder“), dann sind das lupenreinste Schlagersongs. Fernsehgarten lässt grüßen! Und selbst Rapstars wie Bausa oder Apache flirten recht offensichtlich und schamlos mit kitschgeladendenen Schlagerstrukturen:

Und der ukrainische Straßenrapper Olexesh schreckte sogar vor einem Feature mit Vanessa Mai nicht zurück:

Pop und Schlager verstanden sich einst als Gegensätze: Heute sind sie verzahnt, vermischt, eins geworden, die Grenzen zerflossen – und tatsächlich wachsen daraus teils hochspannende Soundgebilde. Nur das ultimative Gipfeltreffen scheiterte: Capital Bra, ohne Zweifel Deutschlands erfolgreichster Musiker der vergangenen Jahr, bettelte Helene Fischer gleich mehrfach um eine Zusammenarbeit an – und erntete nur eine kalte Schulter. Auch das ist ein Statement.