Es läuft die 90. Minute. Kurz vor dem Schlusspfiff erzielt der Stürmer den Siegtreffer – und auf den vollbesetzten Rängen liegen sich alle jubelnd in den Armen. Gänsehaut. Szenen wie diese sind wegen der Corona-Pandemie ganz weit weg. Der Begriff „Geisterspiel“ dagegen ist allgegenwärtig und auf unbestimmte Zeit das schier absurde Synonym für Fußball. Quer durchs Land bedeuten Geisterspiele: leere Stadien, leere Sportbars.

Weil Covid-19 den Fangesängen in sämtlichen Arenen quasi über Nacht den Stecker gezogen hat, ist das Liedgut der Vereine nun umso bedeutender – trotz teils politisch unkorrekter Texte. Warum? Ganz einfach: Gerade jetzt ist das Millionengeschäft Fußball auf die Treue und Unterstützung seiner Fans angewiesen. Für die Anhänger wiederum sind Vereinslieder bis auf Weiteres die nahezu einzig verbliebene Möglichkeit, um emotional mit dem Herzensklub verbunden zu bleiben. Mächtige Funktionäre, überbezahlte Spieler, jahrhundertealte Vereine und eben auch die Fankultur – sie alle sind Marionetten des Virus‘, sind ihm und seinen Folgen fast hilflos ausgeliefert.

Leere Ränge, wie hier im Berliner Olympiastadion, gehören vorübergehend zum Fußball-Alltag. Es ist ein gewöhnungsbedürftiger Anblick.
Leere Ränge, wie hier im Berliner Olympiastadion, gehören vorübergehend zum Fußball-Alltag. Es ist ein gewöhnungsbedürftiger Anblick. | Bild: Hahne, Joachim

Bei all den Geisterspielen vor trostloser Kulisse, die uns in nächster Zeit bevorstehen, wird sich immer auch die Frage stellen: Fehlt da nicht etwas? Unmittelbar wird uns in solchen Momenten die Wichtigkeit von Fangesängen und Vereinsliedern vor Augen geführt.

Mehr als nur ein Ohrwurm zum Mitbrüllen

Manche sagen, Fanlieder seien nichtssagende, inhaltslose 0815-Songs für Durchschnittstypen, die sie am Wochenende zusammen mit zig anderen Hohlbirnen lautstark im Stadion grölen. Absolut falsch. In Wahrheit verbinden Fanlieder Menschen miteinander: jung und alt, arm und reich. Kaum ein anderer Song zeigt das so gut wie „Mer stonn zo dir FC Kölle“ – eine Hymne auf gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Politik tief im Fußball verwurzelt

Weniger gesittet leben die Fans des FC Schalke 04 ihre Unterstützung aus. Aussprüche wie „BVB, Hurenshöhne“ kommen logischerweise nicht überall gut an – vor allem nicht beim Erzrivalen Dortmund – gehören aber irgendwie zum Fußball dazu. Schalke-Fans sind unter anderem für ihre Unanständigkeit bekannt. Keiner sollte versuchen, ihnen Veränderung aufzudrängen oder ihnen die Authentizität zu rauben. Fußball bedeutet, seine Leidenschaft auszuleben. Nicht umsonst bekommen Schüler beim Herumalbern vonseiten der Lehrer zu hören: „Seid ruhig, wir sind hier im Unterricht, nicht auf dem Fußballplatz.“

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Zutiefst politisiert ist der Sport mit dem runden Leder schon längst: militärische Grüße türkischer Spieler hier, Imitationen des albanischen Doppelkopfadlers dort, dazu die berühmten Erdogan-Bilder von Mesut Özil und Ilkay Gündogan sowie jüngst Hass-Parolen gegen TSG Hoffenheim-Mäzen Dietmar Hopp.

Bessere Zeiten: Anhänger des SC Freiburg halten vor einem Bundesligaspiel im heimischen Schwarzwaldstadion ihre Schals hoch.
Bessere Zeiten: Anhänger des SC Freiburg halten vor einem Bundesligaspiel im heimischen Schwarzwaldstadion ihre Schals hoch. | Bild: Patrick Seeger, dpa

Lauschen wir den Zeilen von Schalker Fangesängen, stellen wir gleich fest, dass diese nicht wirklich viel mit politischer Korrektheit zu tun haben. So heißt es in einem Song zum Beispiel: „Wir sind Schalker, asoziale Schalker, schlafen unter Brücken oder in der Bahnhofsmission.“ Auf humoristische Weise nehmen sich die Blau-Weißen selbst auf den Arm. Herrlich. Es muss doch nicht immer alles schlecht- oder gar kaputtgeredet werden. Lassen wir Fansongs einfach Fansongs sein.

Empört über „Blau und weiß“, einen anderen Song des FC Schalke, äußerten sich bereits im Jahr 2009 viele Muslime. In der dritten Strophe der Hymne heißt es: „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht.“ Der Verein ließ die strittigen Zeilen von einem Islamwissenschaftler prüfen. Im Anschluss an seine Einschätzung und der des Zentralrates der Muslime in Deutschland wurden die Wogen geglättet. Bis heute ist der Text derselbe.

Hier und da ebenfalls in „Blau und weiß“ kritisiert: „Alle Mädchen, die so jung und schön, müssten alle Blau und Weiß spazieren gehn.“ Die Zeile vermittle ein idealtypisches, falsches Frauenbild.

Einfach nur schön ist „SC Freiburg vor“, der Fansong des Schwarzwälder Bundesligisten. Er erzählt einerseits von Heimatliebe: „Schwarzwälder Bier, badischer Wein. Münster und Tannen, hier sind mir daheim.“

Andererseits entdeckt der aufmerksame Zuhörer auch noch ein nettes Wortspiel: „Ob Bayern, Preußen oder Schwaben. Alle gehn in Freiburg baden.“

Wortspiel im Freiburger Fanlied: baden und Baden.
Wortspiel im Freiburger Fanlied: baden und Baden. | Bild: skyf - stock.adobe.com / dpa

Warum polarisieren der Fußball und seine Fangesänge überhaupt derart? Weil der Sport nicht erst seit gestern zum festen Kern unserer Gesellschaft gehört. Wenn auch nicht immer alles politisch korrekt ist, was in Deutschlands Stadien gesungen wird, so sollte dies dem Fußball nachgesehen werden. Schließlich werden durch „Blau und weiß“ und Co. keine Personen geschädigt. Und das ist auch gar nicht die Intention der Songmacher. In diesem Sinne: Auf viele stimmungsvolle Geisterspiele.

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