Herr Rietzschel, Sie wurden fünf Jahre nach der Wende in Sachsen geboren, sind dann zum Studium zunächst nach Westdeutschland gegangen und später zum Master nach Görlitz zurückgekehrt. Haben Ost und West in Ihrer Generation noch eine Bedeutung?

Lange Zeit bin ich davon ausgegangen, es spiele überhaupt keine Rolle. Erst in Kassel war das anders. Wir waren einkaufen im Supermarkt, es gab Bananen im Angebot, dann sagten Kommilitonen halb scherzhaft: „Die kannst du doch deinen Eltern schicken.“ Das hat mich erschüttert. Das barg aber auch die interessante Erkenntnis, dass Ost-West-Stereotypen in Westdeutschland über die Generationen weitergegeben werden. Sie übertragen sich auf eine Generation, die wie ich Ost und West weder real gefühlt noch erlebt haben.

Von welchen Stereotypen sprechen wir?

Es war vor allem das Wohlstandsgefälle, das an mich adressiert wurde. Viele, die das ausdrückten, waren zwar noch nie im Osten, sie waren aber davon überzeugt, hier sei alles grau, es gebe kein fließendes Wasser. Ganz so als käme ich aus dem Postkutschenzeitalter. Mit Pegida kam dann nach 2015 wieder die Zuschreibung auf, der Osten tickt rechts und populistisch.

Das hält bis heute an und ist total fahrig, wenn man sich überlegt, wo die Politiker herkommen, die die AfD groß gemacht haben. Da hat sich der Westen ein schönes Bild angeeignet, um vor allem auf Sachsen zu zeigen und zu sagen: Da ist der dunkle Fleck Deutschlands. Das ist unser Problemkind. Aus westdeutscher Perspektive ist es dankbar, einen in der Klasse zu haben, auf den alle zeigen können.

In Ihrem neuen Roman „Raumfahrer“ schreiben Sie: Zwei Narrative habe der Westen über den Osten gesponnen: „Deine Eltern sind rückständige Höhlenmenschen, die noch nie eine Banane in der Hand gehalten haben. Trifft Letzteres nicht zu, waren Sie Opfer der Stasi.“ Und: „Deine Eltern sind nach der Wende arbeitslos geworden, waren frustriert und wütend und wurden deswegen rechtsextrem.“ Wie sehen Sie diese Position der steten Defensive?

Als Schriftsteller habe ich ein Sprachrohr, das meine Eltern und Großeltern nicht hatten und auch immer noch nicht haben. Die Generation, die die DDR miterlebt hat, findet in der öffentlichen Debatte kaum statt. Viele, vor allem westdeutsche Medien haben sich lange auf die Frage konzentriert: Wie verwoben sind die DDR-Biografien mit dem System? Handelte es sich um Systemkritiker schien klar, die können die DDR nicht objektiv einschätzen. Mögliche Nutznießer konnten auch nichts über das System sagen.

Diese Problematik stellt sich für mich und meine Generation nicht. Uns bietet sich die Chance, diese Leben anders zu erzählen. Das erklärt auch, warum das Ost-Thema so stark von den Nachgeborenen aufgegriffen wird. Valerie Schönian mit „Ostbewusstsein“, Johannes Nichelmann mit „Nachwendekinder“ oder Jana Hensel – die Kinder erheben die Stimme für ihre Eltern und schreiben über deren Entmündigungserfahrungen.

Lukas Rietzschel: „Raumfahrer“, dtv 2021; 288 Seiten, 22 Euro.
Lukas Rietzschel: „Raumfahrer“, dtv 2021; 288 Seiten, 22 Euro. | Bild: DTV

In ihrem neuen Roman „Raumfahrer“ erzählen Sie aus dem Leben von Günter Kern, dem im Osten gebliebenen Bruder des aus Sachsen nach Köln geflohenen Malers Georg Baselitz. Sie gestehen im Nachwort beeindruckend offen, dass Sie der Roman gefordert hat. Was war so anstrengend bei der Bearbeitung des Stoffs?

Zunächst einmal über eine Zeit zu schreiben, die ich so nicht erlebt habe: nämlich die DDR. Wie sah das aus? Wie hat was gerochen oder geschmeckt? Das musste ich alles rekonstruieren. Um die fehlende DDR-Erfahrung zu umgehen und mich nicht angreifbar zu machen, habe ich dann eine Gegenwartsperspektive eingebaut. Gleichzeitig sollte das Buch keine bloße Brüdergeschichte werden, wie mein erster Roman „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Das Buch sollte aber auch keine reine Stasi-Geschichte erzählen. Ich wollte ein eigenes Panorama entwerfen. Ich hatte also eine Agenda von Dingen, die ich nicht wollte. Aus diesem Negativ das Bild einer Geschichte zu schaffen, das war das Herausfordernde.

Sie durften sich für Ihr Buch auch aus Stasi-Unterlagen über Günter Kern bedienen. Wie kam das zustande?

Wir stammen beide aus demselben Ort in Ostsachsen: Kamenz. Gemeinsame Bekannte stellten einen Kontakt her. Zunächst nur per Mail, dann haben wir uns getroffen. Dabei hat Kern von vielen Dingen erzählt, über die Landschaft, seinen Bruder. Dann kam er irgendwann mit den Unterlagen um die Ecke. Ganz so, wie im Roman, in einem Zettelkasten. Auch da musste ich mich erstmal einarbeiten. Ebenso in die Kunstwerke und Bilderwelten von Georg Baselitz. Er hat ja viel mit grauer Leinwand gearbeitet, bruchstückhaft und nicht alles erzählt. Der fragmentarische Charakter von Baselitz‘ Bildern hat das Buch sehr geprägt.

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Sie benutzen das Bild von Raumfahrern, die in einem Zwischenraum schweben, aber ihrer Ausgangswelt entrissen sind, wie Sie schreiben. Um das Auseinanderfallen ordnender Strukturen geht es schon in Ihrem ersten Buch „Mit der Faust in die Welt schlagen“. Wie haben Sie das Entrissensein Ihrer Eltern nach der Wende erlebt?

Extrem prägend. Vor allem das Stummsein, das Schweigen über die Vergangenheit, als läge da ein rotes Tuch drüber. Die Schwierigkeit, über die Umbrüche und das Vergangene zu reden, habe ich immer schon wahrgenommen. Ich habe die Generation meiner Eltern und Großeltern als sehr taumelnd erlebt. In der Schule kannte ich keine Familie, in der nicht jemand arbeitslos war, in einer Arbeitsbeschaffungsmaßnahme oder Frührentner. Frührentner – allein dieses Wort fiel so oft, dass ich glaubte, das ist ein Ausbildungsberuf. Alle haben versucht, den Kopf oben zu halten, Ich-AGs zu gründen. Diese Hilflosigkeit habe ich als Kind wahrgenommen, aber nicht verstanden. Erst später als Jugendlicher haben sich diese Erinnerungsschnipsel allmählich zu einem Bild zusammengesetzt.

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Blicken wir auf den bevorstehenden Tag der Einheit am 3. Oktober. Verglichen mit dem französischen Nationalfeiertag und dem Lob auf Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit oder dem Unabhängigkeitstag der USA und dem erklärten Ziel „Streben nach Glück“ scheint der deutsche Nationalfeiertag merkwürdig inhaltsleer?

Das sehe ich anders. Der deutschen Einheit ging eine gelungene und friedliche Revolution voraus. Das kann man nicht hoch genug einschätzen, gerade wenn man sieht, dass die Geschichte auch einen anderen Verlauf kennt, wenn wir auf China 1989 und den Platz des himmlischen Friedens schauen oder aktuell auf Belarus. Wir dürfen die Transformationsschmerzen und Entmündigungserfahrungen auch nicht kleinreden, aber nicht nur ökonomisch ist die deutsche Einheit eine gewaltige Leistung. Historisch ist das einmalig. Natürlich ist es eine Herausforderung, einen großen Bruder zu haben, an dem man sich reibt.

Mein Eindruck ist: Den Westdeutschen bedeutet dieser Tag viel zu wenig, vielleicht auch, weil sie an der Revolution nicht beteiligt waren. Aber auch sie waren im Prozess der deutschen Einheit involviert und haben damit ihren Anteil an der Wiedervereinigung. Das darf und muss man als Gesellschaft auch gemeinsam feiern.