Schlagzeug geht immer. Das sperrige Gerät mit den klingenden Eimern und Scheiben steht zwar hinten, doch hört man sofort den Rhythmus, den der Drummer vorgibt. Im Pop ist er mit dabei, im Rock setzen sich Schlagzeuger – überwiegend ein Männerberuf – farbenprächtig an XL-Sets in Szene.

Begonnen hat die Ära der Helden von Becken und Hi-Hat im Jazz. Dort durften die schwarzen Musiker die ersten Solos spielen und sich aus der Rolle der bloßen heraustrauen. In dieser Tradition steht auch der Musiker Patrick Manzecchi. Der Konstanzer mit italienischem Namen hat sein Leben dem fabelhaften Instrument verschrieben. Es ist nur folgerichtig, dass er nun eine Einspielung präsentiert, auf dem man sein Schlagzeug und nur dieses Schlagzeug hört. Fast 48 Minuten hört man Perkussives – vom gehauchten Piano bis zur grummelnden Basstrommel.

„Talking to myself“ ist so etwas wie ein klingender Markstein der Pandemie. Denn zu Selbstgesprächen waren die meisten Musiker in der Corona-Zeit verdonnert. Konzerte wurden im Doppelpack abgesagt, ebenso Tourneen und Kurse. Für einen Schlagzeuger, der in der Regel ein Mannschaftsmensch ist, bedeutete das eine mittlere Katastrophe. Oder doch ein Impuls, das beste daraus zu machen?

Für Manzecchi war es durchaus eine Entschleunigung, sagt er. Aus diesem Gefühle heraus entstand die CD. Sie kreist um das Instrument, dem er bezaubernde, betörende und auch verstörende Geräusche entlockt. Als swingenden Zupacker kannte man den 53-Jährigen schon immer. Nun entdeckt man den Impressionisten und Klangmaler, der noch etwas beherrscht: Er kann leise – was vielen seiner Kollegen an den Batterien fremd ist.

Wie überlebt ein Musiker die Coronazeit? Patrick Manzecchi – hier mit der Fußmaschine seines Schlagzeugs – hat es geschafft.
Wie überlebt ein Musiker die Coronazeit? Patrick Manzecchi – hier mit der Fußmaschine seines Schlagzeugs – hat es geschafft. | Bild: Fricker, Ulrich

Und Corona, wie kam er damit zurecht? „Ich gehörte zu den Vorsichtigen“, sagt der Jazzer und rührt in seinem Kaffee. Wir sitzen in seinem Wohnzimmer, die von einer riesigen Schrankwand beherrscht wird. Etwa 3000 LP stehen dort, säuberlich gestapelt bis zur Decke, dann jede Menge Compact Discx und Filmkassetten („Ich liebe Asterix“).

Der Musiker hat sich schnell ein Jackett umgeworfen, der Dreitagebart passt dazu. Nein, sagt er, er wolle jetzt nicht den branchenüblichen Pessimismus über Corona verbreiten. „Ich habe die Pandemie gut überlebt“, sagt er. Andere hat hart getroffen, vor allem jene Kollegen, die nicht unterrichten können.

„Ich habe derzeit 25 Schüler“, sagt Manzecchi. Er lehrt an der Jazz- und Rockschule Konstanz, im Schweizerischen Kreuzlingen und er schult den Nachwuchs einer Musikkapelle. Das reiche, außerdem lebe er bescheiden, sagt er schmunzelnd und weist auf das Mobiliar – wohnlich, aber nicht fabrikneu. Große Sprünge könne man als Jazzprofi nicht machen.

Konzerte in sechs Ländern abgesagt

Er musste Konzerte in sechs Ländern absagen, was für ihn damals in Ordnung war. Er dachte im Januar 2020, dass die Pandemie drei Jahre dauern würde. Bis heute geht er mit Atemschutz zum Einkaufen. An der Wohnungstür hängt ein Set mit sieben Masken – für jeden Tag eine, um das Material zu wechseln.

Nicht alle Musiker sehen so gelassen auf die Folgen der Pandemie. Vor zwei Jahren startete der prominente Trompeter Till Brönner einen Weckruf, in dem er vor den langfristigen Verheerungen von Corona hinwies.

Er prognostizierte so etwas wie ein kulturelles Long Covid. Brönners Furcht: Musiker würden ihren Beruf an den Nagel hängen, die Branche veröden, die Konzertpodien leer und unbespielt bleiben. Dabei, so sagte Brönner, seien auch Jazzmusiker wertschöpfend. Wenn sie auftreten, werden Säle geöffnet und Caterer bestellt. Kultur ist nicht nur schön, sie erzeugt auch einen messbaren Umsatz. Von den inneren Werten zu schweigen.

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Und darauf hebt auch Manzecchi ab. Er wehrt sich dagegen, den Wert des Jazz oder anderer Zweige der U-Musik kleinzureden. Auch Musiker sind systemrelevant. Ein Volk braucht Krankenschwestern, Verkäufer und Techniker zum Überleben. Zum Leben aber bedarf es der Kultur – am besten einer Kultur vor Ort, wo man auf andere Menschen trifft.

Der Landesregierung stellt der Schlagzeuger ein gutes Zeugnis aus. Natürlich wäre mehr noch schöner gewesen. Doch könnte sich die Unterstützung durch das Ministerium für Kunst und Wissenschaft sehen lassen, sagt er. 28 Millionen Euro flossen alleine 2021 auf die Konten von Musikern. Auch die neue Solo-CD von Patrick Manzecchi wurde auf diesem Wege subventioniert; 3500 Euro erhielt er als Zuschuss. Zuvor musste er sein Projekt ausführlich begründen.

Musikalische Einsamkeit

Das Schreiben liest sich wie ein Schlüsseldokument auf die Corona-Ära. Da ist von „weitgehender Isolation“ die Rede, in der er sich als Künstler wiederfand. Auf der CD versucht er die „künstlerische Umsetzung von musikalischer Einsamkeit“, heißt es in dem Antrag. Und, auch das ein Leitmotiv, es geht um die „Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich.“ Auch wenn man eine gute Portion an Antragslyrik anrechnen darf, die in jedem Antrag naturgemäß steckt, ist das Schreiben nach Stuttgart ein existentielles Zeugnis.

Manzecchi klagt aber nicht. Sein Netzwerk hat ihm über die Infektions-Zeit geholfen – und die treuen und sich gewissermaßen vermehrenden Schüler ebenso. Andere haben es nicht gepackt, sie mussten den Beruf an den Nagel hängen.

Manzecchi ist prominent und mit vielen musikalischen Wassern gewaschen. Also holt man ihn häufig als Schlagzeuger; von Rock bis Dixieland schlägt er gerne die große oder kleine Trommel. Ohne den breiten Verteiler, den weit gespannten Kreis an Kollegen und Musikerinnen sähe es schlecht um ihn aus. Da macht er sich keine Illusion. Nicht umsonst heißt eines der Solo-Stücke auch „Humility“ – Demut.

CD: „Talking to myself“, 12 Euro, erschienen bei Element 113 in Freiburg.