Einmal um die ganze Welt: Zu Jules Vernes Zeiten bestieg man dafür noch Dampfross und Dampfschiff und war monatelang unterwegs. Das geht heute schneller und bequemer – etwa in der Ausstellung „In 80 Bildern um die Welt“ in Mannheim. Das Museum Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen präsentiert Reisefotografie aus zwei Jahrhunderten aus allen Winkeln der Erde. Ein visueller Reise-Ersatz in der Corona-Pandemie: Das passt.

Reise um die Erde

In Jules Vernes Romanklassiker von 1873 „Reise um die Erde in 80 Tagen“ nimmt der englische Gen­tleman Phileas Fogg die Ochsentour in Eisenbahn und Dampfer auf sich – und gewinnt die Wette gegen andere Mitglieder des Reform Club in London nur dank Überschreitung der Datumsgrenze im Osten. Weil er durch sie einen ganzen Tag gewonnen hat, betritt er gerade noch rechtzeitig, drei Sekunden vor Ablauf der Frist, den Clubsaal.

Die Dotonbori-Straße in Osaka, Japan (anonymer Fotograf, um 1885).
Die Dotonbori-Straße in Osaka, Japan (anonymer Fotograf, um 1885). | Bild: rem, Forum Internationale Photographie

Eigentlich müsste die Mannheimer Ausstellung also „In 81 Bildern um die Welt“ heißen, doch das eine Bild bleibt uns die Schau schuldig. Einerlei, auch so lohnen sich die – vergleichsweise wenigen – Kilometer nach Mannheim für eine visuelle Erdumrundung. Man muss ja nicht erst drei Minuten vor Schließung die Ausstellung im Zeughaus betreten, um magische Szenen wie die folgende zu erleben.

Eine Strandszene, irgendwo, irgendwann. Im weiten Winkel ist von erhöhtem Standpunkt aus ein junger Mann erkennbar. Mit Kescher in der Hand stapft er durch den nassen Sand: ein kleines, dunkles Schemen in einer Schwarz-Weiß-Aufnahme von Robert Häusser. Weiter draußen, schon verblassend im Meeresdunst, machen sich Menschen am sandigen Ufer zu schaffen, einige stehen knietief im Wasser.

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Aus der Tiefe der Zeit wurde die schon dank ihrer „graphischen“ Qualitäten faszinierende Momentaufnahme ans Gestade der Gegenwart gespült. Mit ihr entführen die anderen Fotografien den Museumsbesucher in verschiedenste Weltgegenden auf vier Erdteilen. Abseits der Route bleibt lediglich Australien.

Die Aufnahmen stammen aus den Sammlungen des Forums Internationale Photographie der Reiss-En­gelhorn-Museen. In den Jahren und Jahrzehnten vor und nach Erscheinen von Jules Vernes Roman trugen die Geschwister Wilhelm, Carl und Anna Reiß, denen die Museen einen Teil ihres Namens verdanken, auf zahlreichen Reisen im 19. Jahrhundert eine Sammlung von rund 4000 Fotografien, fast durchweg Albuminpapierabzüge zusammen. Sie bildet den Grundstock des Forums.

Blick über Neapel mit dem Vesuv im Hintergrund (Photochrom Zürich, um 1895).
Blick über Neapel mit dem Vesuv im Hintergrund (Photochrom Zürich, um 1895). | Bild: rem, Forum Internationale Photographie

Zu den frühesten Aufnahmen zählt Pascal Sébahs 1875 fotografierte Besteigung der Cheopspyramide in Gizeh. Bald ein Jahrhundert später besteigen wir mit dem Stern-Reporter Michael Friedel eine ganz andere Pyramide: in Mexiko. Noch später steigen wir mit Dieter Heggemann im Heißluftballon den Luftraum über den Alpen. Der Fernauslöser befand sich oberhalb des Tragekorbs.

1938 fotografierte Henri Cartier-Bresson eine sonntägliche Picknickszene „Am Ufer der Marne“; ein Jahr zuvor entstand Ferenc Berkos Schnappschuss „Weekend am Strand“ in Trouville-sur-Mer in der Normandie. Hier das einfache Volk beim kulinarischen Genießen am Flussufer. Dort die feine Gesellschaft am Strand. Man trägt – die Damen – elegante Bademode oder, der Herr, einen Borsalino neben übers Knie gezogenen Beinkleidern mit Y-Hosenträger.

Blick von Kashiwabara aus auf den schneebedeckten Gipfel des Fuji – fotografiert wahrscheinlich von Tamamura Kozaburo in den 1890er Jahren.
Blick von Kashiwabara aus auf den schneebedeckten Gipfel des Fuji – fotografiert wahrscheinlich von Tamamura Kozaburo in den 1890er Jahren. | Bild: rem, Forum Internationale Photographie

Schnappschüsse dezenter Art liebte Fritz Henle. „Mr. Rollei“ wurde er, der Rolleiflex-Kameras bevorzugte, genannt. Auf einem Foto kehren sich ein sitzender Vater mit seiner kleinen Tochter und der auf einem Sockel ruhende übermannsgroße Flussgott der Pariser Tuilerien gleichsam desinteressiert den Rücken zu. Stationen der „Grand Tour“ – der Bildungsreise der Vornehmen und Reichen – sind in der Ausstellung neben Paris touristische Hotspots wie Venedig mit dem Markusplatz und dem Canal Grande, Rom mit dem Kolosseum oder Florenz mit der Rialtobrücke. Jerusalem nicht zu vergessen: Die Heilige Stadt ist in einer um 1875 aus mehreren Abzügen zusammengesetzten Panoramaansicht, aufgenommen vom Ölberg aus, zu sehen.

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Herausragend sind Aufnahmen wie Fee Schlappers ungemein lebendiger „Teestand in Luxor“ oder – graphisch glänzend komponiert – „Schwarze Netze, Malaysia“; fotografische Landschaftskunst vom Feinsten dagegen „Abends auf Ceylon“. Helmut Gernsheim war ein Protagonist der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie. Einer Sachlichkeit nicht ohne Eleganz: selbst wenn er eine Straßenschlucht in Big Apple ablichtete, mit schlank in die Höhe schießenden Gebäuden, mit Straßenkreuzern und einer an sanft gebogener Haltestange weit in den Straßenraum hinein ragender Ampel.

Museum Zeughaus, Reiss-Engelhorn-Museen, C5, Mannheim. Bis 10. Januar, Di bis So 11-18 Uhr. Weitere Informationen: http://www.rem-mannheim.de

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